Ärzte Zeitung, 09.11.2010

Integrierte Versorgung

Gesundes Leben, gesunde Arbeit

Arbeitslosigkeit? Ein Problem von gestern! Die Herausforderung der Zukunft ist der Wettbewerb um die gesunden Alten. Großunternehmen wie VW haben längst die Initiative ergriffen. Mit einem ganz umfassenden Gesundheitsbegriff arbeitet die Wolfsburg AG.

Von Helmut Laschet

Gesundes Leben, gesunde Arbeit

Wie fühlt sich Alter an? Mit dem Alterssimulationsanzug kann die Lebens- und Arbeitswelt älterer Menschen systematisch verbessert werden.

© Wolfsburg AG

Für viele Menschen ist es noch der Horror: Rente erst mit 67, aber auch eine Lawine an Arbeitsunfähigkeits-Zeiten bei älteren Beschäftigten. Wie dramatisch sich die Verhältnisse am Arbeitsmarkt ändern, zeigt ein Blick in die Statistik: 1998 waren die Mitarbeiter in deutschen Unternehmen im Schnitt 38,9 Jahre alt, im Jahr 2018 wird das Durchschnittsalter bei 47,1 Jahren liegen - Tendenz steigend.

Großunternehmen wie die Volkswagen AG haben die Herausforderungen des demografischen Wandels schon vor Jahren erkannt - und darauf mit aktivem Gesundheits-Management reagiert. Das geht allerdings weit über den engen Bereich der Betriebsmedizin hinaus, wie Ralf Sjuts von der Wolfsburg AG beim Bundeskongress der Deutschen Gesellschaft für Integrierte Versorgung erläuterte.

Die Wolfsburg AG ist eine Public Private Partnership - von VW initiiert und als Stiftung aufgebaut; Gesellschafter sind neben dem Autohersteller die Stadt Wolfsburg.

Die Aufgabenstellung: Welche Infrastruktur für Bildung und Gesundheit braucht eine alternde Gesellschaft, um ihre wirtschaftliche Leistungsfähigkeit zu sichern und zu steigern?

Wolfsburg AG

Die Wolfsburg AG ist eine Public Private Partnership der Stadt Wolfsburg und der Volkswagen AG. Ursprüngliches Ziel: Entwicklung einer nachhaltigen Wirtschafts- und Beschäftigungsperspektive am Standort Wolfsburg. Das Konzept "Auto Vision" überreichte die Volkswagen AG der Stadt Wolfsburg 1998 anlässlich des 60. Stadtgeburtstags. Unter dem Dach der Wolfsburg AG agieren die Geschäftsbereiche "InnovationsCampus", "MobilitätsWirtschaft", "FreizeitWirtschaft", "GesundheitsWirtschaft" und "PersonalServiceAgentur". Mit den Aktivitäten im Bereich Gesundheit reagiert die Wolfsburg AG auf die Herausforderungen der alternden Gesellschaft - in der Arbeitswelt wie auch im privaten Umfeld. Die Wolfsburg AG beschäftigt 85 Mitarbeiter bei einem Umsatz von 180 Millionen Euro.

Das betrifft zum einen die Betriebsmedizin unmittelbar: "Der Sinn von Prävention ist betriebsmedizinisch seit zwei Jahren überhaupt nicht mehr strittig", sagt Sjuts. Der Return on Invest liegt bei 1 zu 4. Fehlzeiten können um bis 35 Prozent gesenkt werden.

Mittel- bis längerfristig dienen Erkenntnisse aus der Arbeitsmedizin aber auch in die Gestaltung von Produktionsprozessen, in denen immer mehr ältere Menschen - dann eben mit altersbedingten Einschränkungen - arbeiten müssen.

Das wird systematisch erforscht, beispielsweise mit dem Alterssimulationsanzug MAX. Dieser Anzug macht die Wahrnehmungswelt älterer Menschen durch Einschränkungen des Sehens. Bewegens, Hörens, der Kraft und der Sensitivität auch für Jüngere spürbar. Altersbedingte Einschränkungen fließen dann in die ergonomische Gestaltung von Arbeitsprozessen und Werkzeugen ein - und sollen es auch älteren Mitarbeitern erlauben, möglichst lange Zeit produktiv zu bleiben.

Die Erkenntnisse bleiben aber nicht auf die Arbeitswelt beschränkt. Entwickelt werden neue mobile Dienste, ein Wohndemonstrator, der mit den Anforderungen steigenden Alters mitlernt, oder neue Verpackungen, die besser lesbar sind und leichter geöffnet werden können.

Was die Wolfsburg AG entwickelt, beschränkt sich nach Angaben von Sjuts nicht auf Volkswagen und die Region im östlichen Niedersachsen. Vielmehr wird das in den vergangenen Jahren entwickelte Know how auch anderen Unternehmen und Regionen angeboten. Nachfrage existiert derzeit vor allem bei Großunternehmen mit bis zu 20 000 Mitarbeitern.

Ein Problem seien kleine und mittelständische Unternehmen, denen Finanzkraft und vor allem Personal fehlen. Über die IHK und die Handwerkskammern sollen nun standardisierte Gesundheitsprogramme modulartig angeboten werden.

Schwerpunkt Integrierte Versorgung:
Hoffnungsträger oder große Illusion?
Das Problem Multimedikation
Implus für Innovationen
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Was ist nötig? Anreize und Ruhe an der Gesetzesfront
Die Chronik der Integrierten Versorgung
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