Ärzte Zeitung online, 10.12.2010

Bürger vertrauen ihren Ärzten, kennen aber ihre Rechte nicht

Der jüngst vorgelegte Gesundheitsmonitor zeigt: Patienten vertrauen ihren Ärzten, nicht aber dem Gesundheitswesen. Die Studie wirft aber auch ein Schlaglicht auf den "mündigen" Patienten: Zwei von drei wissen nicht, welche Rechte sie als Patient haben.

BERLIN (af/eb). Haus- und Fachärzte genießen bei den Bürgern ein ausgesprochen hohes Vertrauen, ganz im Gegensatz zum Gesundheitswesen allgemein.

Das geht aus dem soeben erschienenen Gesundheitsmonitor der Bertelsmann Stiftung hervor, der sich schwerpunktmäßig mit der Bürgerorientierung des Gesundheitswesens beschäftigt. Ausgewertet haben die Gesellschaftsforscher der Stiftung die Antworten von rund 1800 Menschen aus allen Bevölkerungsschichten und Regionen der Republik.

So zeigt der Gesundheitsmonitor, dass mehr als die Hälfte der Menschen in Deutschland nur geringes Vertrauen in das heutige Gesundheitswesen haben, mehr als 60 Prozent zweifeln an einer erfolgreichen Zukunft der Gesundheitsbranche. Grund sind vor allem persönliche Erfahrungen, die sie an eine Zwei-Klassen-Medizin glauben lassen.

Der tiefere Blick zeigt aber, dass die Menschen ihre Gunst fein verteilen, denn 93 Prozent vertrauen ihren Haus- und Fachärzten. Auf die Zuverlässigkeit von Pflegekräften im Krankenhaus und von Apothekern bauen immerhin noch 80 Prozent. Bei Psychotherapeuten ist dies nur bei 23 Prozent der Fall. Annähernd die Hälfte der Befragten misstraut Pflegeheimen.

Nur rund 34 Prozent halten die Ärzteverbände und -kammern für seriös. Allerdings weiß mehr als ein Viertel der Bevölkerung ausweislich der Umfrage gar nicht, was diese Körperschaften sind beziehungsweise tun.Bei der Frage, welcher politischen und zivilgesellschaftlichen Institution des Gesundheitswesens die Menschen am ehesten vertrauen, gab es eine Überraschung. Spitzenreiter ist mit fast 87 Prozent die eigene gesetzliche Krankenkasse. Ganz unten mit weniger als 20 Prozent rangiert in dieser Sparte das Gesundheitsministerium.

90 Prozent der von der Bertelsmann Stiftung befragten Menschen erwarten, dass die Kassenbeiträge in den nächsten fünf Jahren steigen werden, sie aber weniger medizinische Leistungen für das Geld bekommen.

Vertrauen zurückgewinnen könne das Gesundheitswesen zum Beispiel durch öffentlich zugängliche Fehlerregister mit Angaben zu den daraus folgenden Sicherheitsbemühungen, sagte der verantwortliche Herausgeber des Gesundheitsmonitors Jan Böcken bei der Vorstellung in Berlin.

Viele Patienten kennen ihre Rechte nicht

Die Studie zeigt aber auch: 61 Prozent der Bundesbürger wissen kaum etwas über ihre Rechte als Patienten. Zwar kenne die große Mehrheit der Bevölkerung das Recht auf freie Arztwahl (96 Prozent) oder die umfassende Aufklärungspflicht des Arztes (92 Prozent). Nur neun Prozent wissen aber, dass sie beim Arztwechsel nicht die Originalunterlagen verlangen können.

20 Prozent wissen nicht, ob sie Einsicht in die Behandlungsunterlagen verlangen können oder ob der Arzt die Angehörigen nur mit Zustimmung des Patienten über dessen Erkrankungen informieren darf. Das vom Bundesgesundheitsministerium geplante Patientenrechtegesetz sei dringend notwendig, heißt es in der Studie.

Muss mir mein Arzt die Wahrheit über meinen Zustand sagen? Und kann ich eine gezielte Lebensverkürzung verlangen? "Solche Unsicherheiten können dazu führen, dass der Patient wichtige Rechte nicht in Anspruch nimmt", sagte Brigitte Mohn, Vorstandsmitglied der Stiftung. Dieses Unwissen könne den Behandlungsprozess beeinträchtigen.

Dass der Arzt verpflichtet ist, dem Patienten die Wahrheit über die Krankheit zu sagen, wussten nur 38 Prozent der Befragten. Und 41 Prozent der Versicherten gingen fälschlicherweise davon aus, dass sie vom Arzt eine gezielte Lebensverkürzung verlangen können.

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