Ärzte Zeitung online, 05.01.2011

Dioxin-Skandal weitet sich aus

Der Skandal um mit Dioxin verseuchtes Tierfutter weitet sich aus: War zunächst die Rede von einigen hundert Tonnen verseuchter Mischfettsäuren, spricht die Bundesregierung nun von 3000 Tonnen. Mehr als tausend Bauerhöfe wurden bereits gesperrt. Die Suche nach dem Verursacher geht unterdessen weiter.

Dioxin-Skandal weitet sich aus

Gesundheitsschädliche Eier? Die Dioxin-Funde in Tierfutter verunsichern Verbraucher.

© dpa

BERLIN (dpa). Im Dioxin-Skandal sind nach Erkenntnissen der Bundesregierung bis zu 3000 Tonnen verseuchtes Tierfutterfett hergestellt worden. Es habe vom 12. November bis 23. Dezember 2010 nach derzeitigem Kenntnisstand sieben verdächtige Lieferungen gegeben, heißt es in einem Bericht des Landwirtschaftsministeriums an den Agrarausschuss des Bundestages. Die Lieferungen seien an 25 Futterhersteller in mindestens vier Bundesländer verkauft worden.

Mehr als 1000 landwirtschaftliche Betriebe wurden in Deutschland wegen des Skandals gesperrt. Das verseuchte Tierfutterfett wurde dem Bericht zufolge mit einer Einmischrate von zwei bis zehn Prozent in das Futter für Legehennen, Mastgeflügel und Schweine eingemischt, damit könnten zwischen 30.000 und 150.000 Tonnen betroffen sein.

Die technische Mischfettsäure war von dem Biodieselhersteller Petrotec über den niederländischen Händler Olivet an den Futtermittelhersteller Harles & Jentzsch im schleswig-holsteinischen Uetersen geliefert worden.

Mit Hochdruck arbeiten derweil die deutschen Behörden an der Aufklärung des Skandals. In Nordrhein-Westfalen wurden am Dienstagabend vorsorglich 139 weitere Betriebe gesperrt.

Die mit Dioxin verseuchten Eier und möglicherweise belastetes Geflügelfleisch verunsichern Verbraucher, empören Landwirte und rufen Bundesregierung und EU-Kommission auf den Plan. Die Bundesregierung prüft zudem schärfere Regeln für Hersteller, die EU verlangt Aufklärung.

Nordrhein-Westfalen veröffentlichte als erstes betroffenes Bundesland Kennnummern, anhand derer die Verbraucher dioxinbelastete Eier erkennen können. Sie sind jeweils auf die Schale gestempelt. Die möglicherweise belasteten Eier wurden demnach zuletzt am 23. Dezember verkauft und haben die Stempelnummern 2-DE-0513912 und 3-DE-0514411.

Die Grünen im Bundestag dringen auf schärfere Konsequenzen aus den Dioxin-Funden und fordern eine bessere Abstimmung der Bundesländer. "Das heißt ein einheitliches Vorgehen der Bundesländer mit der Priorität auf Verbraucherschutz", sagte die stellvertretende Grünen-Fraktionsvorsitzende Bärbel Höhn der Nachrichtenagentur dpa. Die Überwachung bei Lebens- und Futtermitteln ist Ländersache.

Bundeslandwirtschaftsministerin Ilse Aigner (CSU) forderte mehr Transparenz über den Verbleib belasteter Eier. "Dazu gehört auch, dass die Verbraucherinnen und Verbraucher erfahren können, ob mit Dioxin belastete Eier bei ihrem Lebensmittelhändler verkauft wurden", sagte Aigner den "Ruhr Nachrichten".

Die deutsche Ernährungsindustrie verlangt eine schnelle Aufklärung und Bestrafung der Verantwortlichen. Jürgen Abraham, Vorsitzender der Bundesvereinigung der Deutschen Ernährungsindustrie sagte der "Bild": "Verstöße gegen geltendes Recht müssen umfassend aufgeklärt und bestraft werden. Es muss alles unternommen werden, dass sie sich nicht wiederholen."

Nach Informationen der in Bielefeld erscheinenden Tageszeitung "Neue Westfälische" hat das NRW-Verbraucherministerium bei der EU bereits die Zustimmung für eine Erhöhung der Bio-Förderung beantragt. Den Bericht bestätigte ein Sprecher des Ministeriums. Verstärkt gefördert werden sollen demnach Betriebe, die auf den alternativen Anbau mit herkömmlicher Fütterung umstellen.

Verbraucherschützer des Landes Niedersachsen haben nach eigenen Angaben eine "außerordentlich hohe" Dioxin-Belastung des in den Handel gelangten Tierfutters festgestellt. In einer Probe seien 123 Nanogramm Dioxin pro Kilogramm Fett ermittelt worden.

Bernhard Aue, beim Landesamt für Lebensmittelsicherheit und Verbraucherschutz (Laves) für die Futtermittelüberwachung zuständig, sagte der "Hannoverschen Allgemeinen Zeitung": "Das ist ein außerordentlich hoher Wert." Von Teilen des Futters, das mindestens 15 Hersteller an Landwirte in Niedersachsen verkauft haben, gehe ein "erhebliches Kontaminationsrisiko" für Lebensmittel aus.

In dem Futterfett des Herstellers Harles & Jentzsch soll sich nach Angaben des Bundesamtes für Verbraucherschutz technische Mischfettsäuren befunden haben, die nicht für die Verwendung von Futtermitteln, sondern für den Einsatz zur Papierherstellung bestimmt waren.

Die technische Mischfettsäure sei bei der Produktion von Biodiesel bei der Firma Petrotec am Standort Emden angefallen. Die Ware wurde der Zeitung zufolge von der niederländischen Firma Olivet in Poortugaal bei Rotterdam angekauft und sofort an Harles & Jentzsch weitergeliefert.

Olivet habe die Ware korrekt als technische Mischfettsäure gekennzeichnet. Dies hätten die Kontrollen der niederländischen Behörden ergeben, sagte ein Unternehmenssprecher der Zeitung. Die Verunreinigung der Futtermittel sei in Deutschland geschehen.

Ursache des Skandals war die Verwendung von Fett in der Futtermittelproduktion, das nur für technische Zwecke geeignet ist. Die Staatsanwaltschaft ermittelt gegen die Firma Harles & Jentzsch.

Welche Lebensmittel außer Eiern noch verseucht sein könnten, wird erst in einigen Tagen feststehen. Mehr als 1000 Bauernhöfe in mehreren Bundesländern sind geschlossen. Sie dürfen ihre Ware erst wieder verkaufen, wenn sie auf eigene Kosten in Labortests die Unbedenklichkeit nachgewiesen haben.

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