Ärzte Zeitung, 18.02.2011

Offene Sprechstunde für sozial Benachteiligte

Der Weg in die Praxis der Psychotherapeutin Kathrin van Heek erscheint vielen jungen Menschen und ihren Eltern zu weit. Deshalb bietet sie eine Sprechstunde im Problemviertel an.

Von Dirk Schnack

Offene Sprechstunde für sozial Benachteiligte

Offene Sprechstunde: Dr. Kathrin van Heek (rechts) berät eine Mutter, die im sozialen Brennpunkt Rendsburgs lebt.

© di

RENDSBURG. Als Medizinstudentin träumte Dr. Kathrin van Heek davon, als Barfußärztin Patienten in entlegenen afrikanischen Dörfern zu behandeln. Statt nach Afrika hat es die Kinder- und Jugendlichenpsychotherapeutin in eine schleswig-holsteinische Kreisstadt verschlagen. In Rendsburg kann die 44-Jährige aber zumindest ein wenig von der aufsuchenden Medizin verwirklichen, die ihr im Studium vorgeschwebt hat.

Im sozial schwachen Stadtteil Mastbrook bietet sie einmal im Monat eine offene Sprechstunde für Patienten unter 20 Jahren an. Ohne Voranmeldung können die jungen Patienten mit oder ohne Eltern bei ihr anklopfen, um ihre Probleme mit der Fachärztin zu besprechen.

"Der Bedarf ist da", sagt van Heek. Kinder hören nicht auf ihre Eltern, haben Probleme im Umgang mit anderen Menschen oder prügeln sich. Die rund 650 Kinder in Mastbrook wachsen oft in Familien auf, in denen es nur noch ein Elternteil gibt und die häufig auf staatliche Unterstützung angewiesen sind.

Nur ein praktischer Arzt ist in dem Stadtteil mit dichter Bebauung niedergelassen. Soziale Infrastruktur ist rar, Freizeitmöglichkeiten für Jugendliche sind kaum vorhanden.

In Mastbrook leben Familien vieler Nationalitäten, wobei die einzelnen ethnischen Gruppen kaum Kontakt zueinander pflegen - kurzum: es besteht eine Ballung von Familien mit geringem Einkommen und schwierigen Lebenslagen.

Für viele von ihnen ist der Weg zu einem Psychotherapeuten in einem angrenzenden Stadtteil eine organisatorische Herausforderung, die sie scheuen.

Deshalb will das MVZ Brücke, bei dem van Heek angestellt ist, eine Lücke schließen. "Was nicht als lebensbedrohlich eingeschätzt wird, wird von den Menschen hier gern verdrängt. Der Weg zum Arzt ist ihnen zu lang", sagt Angela Rix-Juister vom MVZ-Betreiber Brücke.

Zugleich beschreibt sie Kontakt- und Schwellenängste der Bewohner. "Insbesondere für Eltern mit Kindern und für Jugendliche bedeutet es eine große Überwindung, einen Psychotherapeuten aufzusuchen."

Die erste Mutter, die zum Start der Sprechstunde das Angebot wahrnimmt, bestätigt das. "Mit meinem fünfjährigen Sohn bin ich eine dreiviertel Stunde lang unterwegs, wenn ich in die Sprechstunde der Praxis will", sagt sie. Für ein erstes Informationsgespräch war ihr dieser Weg zu weit.

In Mastbrook dagegen hat sie das Angebot angenommen. Für eine weitere Behandlung müsste sie allerdings in die Praxis von Heek kommen. Um die Kontaktängste abzubauen, nimmt van Heek an einem regelmäßigen Frühstück der Brücke mit Müttern im Stadtteilhaus teil. In einem angrenzenden Raum kann sie sich mit Patienten zur Sprechstunde zurückziehen.

Das Angebot wäre für sie ohne die Anstellung im Medizinischen Versorgungszentrum nicht realisierbar gewesen. 1999 hat sie sich niedergelassen, 2007 zusammen mit einem Kollegen ein MVZ gegründet. Dieses haben sie im vergangenen Jahr an die Brücke, einem regionalen Betreiber sozialer Dienste, verkauft. Seitdem arbeitet sie an gleicher Stelle wie zuvor, nur als Angestellte. "Ich bin sehr zufrieden damit, es ermöglicht uns eine viel bessere Vernetzung", sagt sie - die offene Sprechstunde ist der Beweis.

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