Ärzte Zeitung, 16.02.2011

Junge Arbeitnehmer suchen Rat beim Arzt

Der erste Job - und gleich krank. Junge Erwerbstätige gehen häufiger zum Arzt als ihre Altersgenossen ohne Arbeitsplatz. Das belegt der DAK-Gesundheitsreport. Besonders oft leiden die Jungen unter Rückenbeschwerden.

Von Sunna Gieseke

Junge Arbeitnehmer suchen Rat beim Arzt

BERLIN. Junge Erwerbstätige gehen im Schnitt knapp achtmal pro Jahr zum Arzt -  viel zu häufig, warnt die DAK. Denn Gleichaltrige, die keinen Job haben, sitzen nur vier Mal im Jahr in einer Arztpraxis. Zu diesem Ergebnis kommt der DAK-Gesundheitsreport 2011.

"Es stellt sich die Frage, ob viele Arztbesuche vermeidbar wären", so DAK-Chef Professor Herbert Rebscher in Berlin. Denn nicht immer sei sofort am ersten Tag eine ärztliche Krankschreibung für den Arbeitgeber erforderlich.

Allerdings seien junge Arbeitnehmer zunächst anfälliger für Krankheiten. Das hänge damit zusammen, dass sich für die jungen Menschen mit dem Berufsstart "deutliche Veränderungen im Alltag ergeben". Besonders viele Krankschreibungen fielen bei den jüngsten Arbeitnehmern zwischen 15 und 19 Jahren auf. In dieser Altersgruppe sei es 2010 zu 204 Krankmeldungen pro 100 junge Versicherte gekommen.

Obwohl junge Arbeitnehmer häufiger zum Arzt gingen, liege der Krankenstand bei den 15- bis 29-Jährigen bei 2,6 Prozent. Damit bleibe er allerdings deutlich unter dem Durchschnitt aller Berufstätigen, der bei 3,4 Prozent liegt.

Vor allem litten jüngere Arbeitnehmer an kurzzeitigen Erkrankungen wie zum Beispiel Infektionen, akut auftretenden Erkältungen und Verdauungsbeschwerden. Knapp jeder Dritte erkrankte an einer akuten Infektion der oberen Atemwege.

Nach Ansicht der DAK ist besonders "alarmierend", dass bereits jeder fünfte junge Erwerbstätige aufgrund von Rückenschmerzen behandelt werden müsse. Laut Umfrage leidet sogar jeder zweite Befragte an Muskelverspannungen.

Knapp 30 Prozent der jungen Menschen gaben an, dass sie regelmäßig Kopfschmerzen hätten. Etwa 14 Prozent quälten sich laut Umfrage mit Schlaflosigkeit und mehr als 16 Prozent mit Stimmungsschwankungen wie zum Beispiel Angstzustände.

Darüber hinaus entwickelten junge Arbeitnehmer bereits Zivilisationskrankheiten wie Bluthochdruck oder Fettsucht (jeweils knapp sechs Prozent). "Hier lassen sich Warnsignale für spätere chronische Erkrankungen wie Diabetes und Arteriosklerose erkennen", so Rebscher.

Nach Ansicht der DAK zeigten die Ergebnisse, dass eine frühe Prävention auch bei der betrieblichen Gesundheitsvorsorge wichtig sei. Der Studie zufolge beeinflussen die Inhalte der Arbeit die Zufriedenheit der Erwerbstätigen. So sind immerhin 19 Prozent der jungen Erwerbstätigen, die nicht ihren Wunschberuf ausüben, mit ihrer Arbeit unzufrieden.

"Das belegt, wie wichtig die Berufswahl und ein gelungener Einstieg ins Erwerbsleben sind", so Rebscher. Die Identifikation mit der Arbeit sei "ein Garant für hohe Leistungsbereitschaft".

Nach Ansicht der Techniker Krankenkasse sollte es für Unternehmen künftig immer wichtiger werden, die Gesundheit ihrer Mitarbeiter "langfristig zu erhalten und zu fördern". Die Kasse schlägt "altersgerechte Personalstrategien" vor.

Damit sollten die "Ressourcen aller Generationen im Unternehmen" gefördert werden, so die TK. Das sei vor allem angesichts des drohenden Fachkräftemangels notwendig. Nur so könnten künftig Mitarbeiter in den Betrieben gehalten werden.

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[23.02.2011, 10:35:59]
Denis Nößler 
Anmerkungen zum DAK-Gesundheitsreport 2011
Per E-Mail erreichte uns folgender Kommentar des Versorgungsforschers Dr. Heiner Melchinger aus Hannover:

Die im DAK-Gesundheitsreport 2011 als "alarmierend" bezeichneten Zuwächse bei psychischen Erkrankungen sind nicht überraschend. Sie bestätigen das Anhalten eines Trends, der schon in früheren Gesundheitsberichten aufgewiesen wurde.

Die Zuwächse bedürfen einer differenzierenden Betrachtung: Sieht man altersassoziierten psychischen Erkrankungen wie Demenzen ab, zeigen sich Zuwächse in erster Linie bei eher leichteren psychischen Erkrankungen wie somatoformen Störungen und depressiven Episoden. Bei schweren psychischen Erkrankungen wie Psychosen oder bipolaren Störungen gibt es keine Zuwächse.

Die größten Zuwächse ergeben sich in der Richtlinienpsychotherapie. Die starke Nachfrage nach Psychotherapie veranlasste die Bundespsychotherapeutenkammer zu der folgenden Presseerklärung (08.02.2011): "In der Versorgung von psychisch kranken Menschen stoßen wir seit Langem an Kapazitätsgrenzen, die sich nur durch ein größeres Angebot von Behandlungsplätzen lösen lassen".
Die Forderung nach mehr Psychotherapeutensitzen halte ich für sehr problematisch.

Verschiedene Arbeiten belegen, dass die Zunahme von Psychotherapiefällen wesentlich auf zwei Faktoren zurückzuführen ist. Zum Einen darauf, dass häufiger Patienten behandelt werden, deren Störungen eher noch im Normalbereich liegen und die nicht "krankheitswertig im engeren Sinn" sind, zum Anderen auf ein verändertes Inanspruchnahmeverhalten der Betroffenen. Die Schwelle, bei Belastungen einen Psychotherapeuten aufzusuchen, ist niedriger geworden. Die Angebote zur Psychotherapie sind vielfältig, sie kosten nichts, es bedarf keiner ärztlichen Überweisung und der Weg zu einem Psychotherapeuten ist nicht weit.

Mit der Schaffung von weiteren Psychotherapeutensitzen würde das grundlegende Strukturproblem der psychiatrischen Versorgung, die Fehlallokation von Ressouren, nur noch weiter verschärft. Den niedergelassenen Psychiatern, die das Gros der schwerer psychisch Kranken behandeln, steht für die Behandlung eines Patienten pro Quartal nur etwa eine halbe Stunde finanzierte Behandlungszeit zur Verfügung, viel zu wenig, um eine umfassende und leitliniengerechte Behandlung leisten zu können.

Patienten, die einen Psychotherapeuten aufsuchen, erhalten eine Therapie, deren Dauer sich zwischen rund 40 Stunden und weit über 100 (Maximum 300) Stunden bewegt.

Für leichter Erkrankte viel Ressourcen/Behandlungszeit, für schwerer Erkrankte wenig Ressourcen/Behandlungszeit - diese Schieflage ist fachlich nicht vertretbar und sie stellt eine Verletzung der grundgesetzlich garantierten Chancengleichheit dar, die auch für die psych-iatrische Versorgung gelten muss. zum Beitrag »

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