Ärzte Zeitung, 06.05.2011

Rückzugshaus: Eine Alternative zur Klinik

In Bremen können Patienten mit psychiatrischen Erkrankungen eine zeitlang die Abende und Nächte in einer privat-familiären Atmosphäre statt in einer Klinik verbringen. Das hilft ihnen und mindert Ausgaben der Kassen.

Von Christian Beneker

Rückzugshaus - eine Alternative zur Klinik

Eins der beiden Bremer Rückzugshäuser. Viele Patienten mit psychiatrischen Erkrankungen fühlen sich hier besser aufgehoben als in der Klinik.

© Albrecht

BREMEN. Nicht jede Idylle muss trügen. Draußen auf dem Aumunder Heerweg rauscht der Verkehr vorbei, ein Wohngebiet auf der anderen Seite liegt still, von der Kirche in der Nachbarschaft klingt manchmal der Glockenschlag herüber, in all dem wie eine Insel das "Rückzugshaus" für psychiatrische Patienten - ein bisschen heile Welt im besten Sinne.

Das Projekt "Rückzugsräume" der Bremer Gesellschaft für ambulante psychiatrische Dienste (GAPSY) bietet hier psychisch Kranken eine fast privat-familiär gestaltete Alternative zum Aufenthalt in der Klinik. Die Angebote gegen die Einsamkeit wirken stabilisierend und heilend.

"Also, wir kochen, dann gehen wir spazieren und das Beste war das Grillfest im vergangenen Jahr", berichtet ein Gast im Rückzugshaus Bremen-Vegesack.

Zusammen mit zwei weiteren Bewohnern verbringt sie einige Nächte im umgebauten ehemaligen Pfarrhaus in dem Nordbremer Stadtteil. Die Wände in freundlichem Rot und Grün, gemütlich gepflegte Räume, weiche Sessel, Vorhänge in hellen Farben, Blumen auf dem Tisch und im Ofen schmurgelt das Abendessen.

So beginnen die Abende im Vegesacker Rückzugshaus. "Eigentlich hatten wir nie so etwas wie gemeinsames Kochen geplant", erklärt Ulrich Wesseloh von der GAPSY, "aber bis heute hat es sich zu einem unserer zentralen Angebote entwickelt."

Es gehe vor allem darum, das Schutzbedürfnis der Patienten zu befriedigen. "Hier ist es vollkommen anders als in der Klinik", sagt eine andere Patientin, die schon seit einigen Nächten hier zu Gast ist. "Dort waren wir ein Dutzend Patienten und doch ziemlich allein.

Aber hier habe ich an einem Abend mehr Kontakte, als in der Klinik in einer ganzen Woche. Wenn ich will kann ich im Gemeinschaftsraum sein, wenn nicht, kann ich mich zurück ziehen."

Rückzugshaus - eine Alternative zur Klinik

Schutzbedürfnis der Patienten steht im Mittelpunkt: Ulrich Wesseloh von der Bremer GAPSY.

© Beneker

An zwei Adressen in Bremen bietet die GAPSY Rückzugsräume. Wer hierher kommt, erhält eine gute Brücke, die ihn über "krisenhafte Ereignisse" tragen kann.

"Krisenhafte Ereignisse sind für psychisch Kranke von außen betrachtet die selben, wie für alle anderen Menschen auch", erklärt Wesseloh, "aber bei unseren Gästen können solche Krisen zum Beispiel wahnhafte Vorstellungen verstärken und zu schweren Krankheitsepisoden führen."

In der Regel weisen Ärzte die Patienten wegen solcher Krisen in die Klinik ein. Anders in Bremen-Vegesack. Hier stellt etwa ein Hausarzt die Überweisung zum Psychiater aus, der dann die Verordnung für das Rückzugshaus schreibt.

Fachgerechte Versorgung ist sichergestellt

Aber es geht nicht nur um den sozialen Kontakt, sondern auch um die medizinische Versorgung. Allabendlich kommt ein Psychiater zur Visite vorbei. Die acht Mitarbeiterinnen des Vegesacker Rückzugsraumes organisieren in drei Schichten auch die Nachtwache, die stets wach und ansprechbar ist, betont Sozialpädagogin Sigrid Zakel, die heute die Betreuung übernimmt.

Ein Fachpflegedienst ist ständig in Rufbereitschaft. Wenn bei Patienten im Hause Krisen auftreten, kommt die Fachpflege und entscheidet, ob ein Arzt hinzugezogen werden muss, erklärt Zakel. Eine Gruppe von niedergelassenen Psychiatern stemmt nachts den Bereitschaftsdienst. Tagsüber gehen die Patienten bei Bedarf in die Praxen.

Die Kassen hätten "ziemlich geschluckt, als sie hörten, wie viel Geld wir für das Projekt brauchen", räumt Wesseloh ein, "aber sie sparen dadurch, dass die Patienten viel weniger Tage hier sind, als sie in einer Klinik wären."

Bremer Rückzugsräume

IV-Vertragspartner: AOK Bremen/ Bremerhaven, hkk Bremen, Gesellschaft für ambulante psychiatrische Dienste GmbH (gapsy), zehn niedergelassene Nervenärzte, Soziotherapie, häusliche Krankenpflege, Apotheke, Rückzugshaus

Versorgung durch häusliche Krankenpflege, Ärzte und eine Soziotherapie außerhalb des Rückzugshauses: 9 bis 17 Uhr

Versorgung durch Pflegekräfte im Rückzugshaus: 17 bis 9 Uhr

Hintergrunddienst Ärzte: 24 Stunden, Rufbereitschaft Pflegedienste und Soziotherapie: 24 Stunden

  • Die Zeitbeschränkung bei der Erstverordnung liegt bei 28 Tagen.

  • In der Tat sparen die Krankenkassen pro Patient grob geschätzt ein Drittel der Kosten, sagt Jörn Hons, Sprecher der AOK Bremen/ Bremerhaven. Trotzdem - Kost, Logis, Ärzte, Sozialarbeiterinnen und Medikamente sind teuer.

    Außer der AOK haben die HKK, die Innungskrankenkasse und eine Betriebskrankenkasse den IV-Vertrag unterschrieben. "Alle anderen Kassen lassen den Vertrag auch ohne eigene Unterschrift gegen sich gelten", erklärt Wesseloh.

    Kein Ersatz für das Leben in den eigenen vier Wänden

    Höchstens 28 Tage kann ein Bewohner in den Rückzugsräumen verbringen. Bei Bedarf kann die Frist allerdings verlängert werden. Die Rückzugsräume sollen aber kein Ersatz für das Leben zu Hause sein.

    "Unsere Gäste sind nur an den Abenden und über Nacht hier," sagt Sigrid Zakel, "denn nachts fällt es ihnen besonders schwer, alleine zu bleiben."

    Die Zeit zwischen 9 und 17 Uhr verbringen sie wieder in ihren eigenen Wohnungen. Auch dort werden sie bei Bedarf ambulant unterstützt und versorgt. "Manchmal", sagt Wesseloh, "machen wir auch nur die Wäsche."

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