Ärzte Zeitung, 21.06.2011

Hintergrund

Kinderärzte drängen auf Reform der Vorsorge

Zwischen zehn und 20 Prozent der Kinder in Deutschland haben massive Gesundheitsrisiken, weiß man, seit KiGGS erschienen ist. Doch das gängige Vorsorge-Konzept der GKV gilt als überholt. Pädiater drängen nun auf engmaschige, intensivere Primärprävention.

Von Raimund Schmid

Zu viel Reparatur, zu wenig Prävention - Kinderärzte drängen auf Reform der Vorsorge

Nur auf Organe fixierte Prävention greift zu kurz.

© Jochen Tack / imago

Die primärpräventive Vorsorge führt in Deutschland ein Schattendasein. Hausärztlich tätige Ärzte sind in ihren Praxen auch heute immer noch verpflichtet, das längst überholte Konzept der Früherkennung weiter zu verfolgen.

Diese sekundäre Prävention erlaube es den Ärzten aber nicht, primärpräventiv beratend tätig zu sein, um die frühkindliche Entwicklung in der Vorschulzeit und die weitere Entwicklung in der Schulzeit noch frühzeitig genug positiv beeinflussen zu können.

Der Präsident der Berufsverbandes der Kinder- und Jugendärzte, Dr. Wolfram Hartmann, brachte die Kritik dann beim Kinder- und Jugend-Ärztetag 2011 in Berlin so auf den Punkt: "Die Inhalte der jetzigen Vorsorgeuntersuchungen entsprechen nicht mehr den Erfordernissen der Zeit."

So fordern die Pädiater über die vielfältigen Präventionsprogramme etwa der Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung (BZgA) hinaus ein Konzept, damit Krankheiten und Entwicklungsstörungen im Kindes- und Jugendalter möglichst erst gar nicht auftreten.

Denn immer früher werden die Pädiater mit immer mehr chronischen Krankheiten und Entwicklungsdefiziten der Sprache, der Kognition, des Sozialverhaltens und der Motorik konfrontiert. Professor Klaus M. Keller, wissenschaftlicher Leiter des Kinder- und Jugend-Ärztetages, verwies in Berlin auf Daten des Kinder- und Jugend-Gesundheits-Surveys des Robert-Koch-Instituts.

Danach sind 15 Prozent der Kinder und Jugendlichen übergewichtig sowie 6,3 Prozent adipös. 15 Prozent der Kinder und Jugendlichen zeigen psychische Auffälligkeiten.

Auch chronische Erkrankungen wie Diabetes mellitus Typ 1 oder chronisch entzündliche Darmerkranken nehmen laut Keller bereits bei Kindern "in besorgniserregender Weise" zu.

Primärpräventive Ansätze, die frühzeitig und zielgerichtet ansetzen und zudem qualifiziert erbracht werden müssten, seien die einzigen Instrumente, mit denen diese "fatalen Trends" noch gestoppt werden könnten, so Hartmann in Berlin.

Dr. Ulrich Fegeler, Pressesprecher des BVKJ, forderte deshalb die Etablierung neuer Vorsorge-Tools. Diese neuen Ansätze gingen jedoch weit über den medizinischen Bereich hinaus und betreffen bei weitem nicht nur die hausärztlich tätigen Ärzte.

Nach Ansicht von Fegeler müssten zum Beispiel auch die Erzieherinnen in Kindertagesstätten weit besser qualifiziert werden, um der "kompensatorischen Frühförderung" gerecht werden zu können.

Denn ein sprachanregender - mit fachkompetentem Personal ausgestatteter - Kindergarten erspare viele logopädische Behandlungen. Und ein Jugendclub für 8- bis 14-jährige könne häufig mehr bewirken oder frühzeitiger auffangen als ein Therapeut oder ein Mediziner.

Elemente der primären Prävention müssten aber auch in die Vorsorgeprogramme der Pädiater viel stärker implementiert werden, forderte der BVKJ. So würden zum Beispiel allein von einer Reihe bundesweiter Krankenkassen über Selektivverträge - dazu zählen die Barmer GEK, die KKH, die Techniker Krankenkasse, die Knappschaft sowie einiger Betriebskrankenkassen - die neuen Vorsorgen U10 im Alter von sieben bis acht Jahren und die U11 im Alter von neun und zehn Jahren erstattet.

Für 50 Euro Honorar bietet sich dabei die Chance, zum Beispiel kognitive Defizite, Aufmerksamkeits- und Verhaltensstörungen oder emotionalen Auffälligkeiten so frühzeitig zu erkennen, dass Defizite bei der Entwicklung von Kindern noch rechtzeitig genug abgewendet werden können.

Daher sieht es der BVKJ als überfällig an, diese neuen Vorsorgen bundesweit allen Kindern zugutekommen zu lassen. Hier wäre aber erst einmal der Gesetzgeber am Zug, da die Sozialgesetzgebung (Paragraf 26, SGB V) für junge Kassenpatienten Vorsorgeleistungen nach Vollendung des sechsten Lebensjahres bis nach Vollendung des zehnten Lebensjahres explizit ausschließt.

Auch hier sieht Hartmann das Bundesgesundheitsministerium nun in Zugzwang, um nicht weiter der "Zweiklassenmedizin bei der Kindervorsorge" Vorschub zu leisten. Denn privatversicherte Kinder haben schon immer bis zum 14. Lebensjahr einen Anspruch auf mindestens eine jährliche Vorsorgeuntersuchung.

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