Ärzte Zeitung, 30.06.2011

Zukunftsbranche Gesundheit

Die Warnsirenen heulen: Junge Ärzte meiden die Praxen

Viele Praxischefs finden keinen Nachfolger. Das ist ein deutliches Warnzeichen: Etwas stimmt nicht: mit dem Preis, der Qualität oder mit den Rahmenbedingungen!

Von Uwe K. Preusker

Die Warnsirenen heulen: Junge Ärzte meiden die Praxen

Märkte funktionieren - soweit sie nicht zu stark reguliert sind - nach dem ökonomischen Gesetz von Angebot und Nachfrage: Findet ein Angebot keine ausreichende Nachfrage, verschwinden Anbieter vom Markt. Dabei kann es für die nicht ausreichende Nachfrage viele unterschiedliche Ursachen geben.

So kann es sein, dass der geforderte Preis zu hoch ist: Die potenziellen Käufer ziehen in einem solchen Fall ein anderes, billigeres Angebot vor. Eine weitere Möglichkeit ist, dass die Qualität des Angebotes nicht stimmt: Auch in diesem Fall würde der potenzielle Käufer auf ein anderes Angebot mit einer besseren Qualität ausweichen - vorausgesetzt, es gibt ein solches qualitativ besseres Angebot.

Die dritte Möglichkeit könnte schließlich sein, dass die mit dem Angebot verknüpften Rahmenbedingungen nicht stimmen. Bei Konsumgütern könnten dies zum Beispiel schlechter oder fehlender Service, zu kurze Garantiezeiten oder auch staatliche Regulierungen, die den Gebrauch des zu erwerbenden Gegenstands zu stark einschränken, sein. Oft ist es so, dass alle drei grundsätzlichen Möglichkeiten jeweils teilweise zutreffen.

Alle drei Möglichkeiten stehen auch in unserem konkreten Fall zur Auswahl: Mittlerweile haben junge Praxisnachfolger eine große Auswahl für "ihre" Wunschpraxis. Dabei spielt der Preis - und damit auch das später zu erzielende Einkommen - eine Rolle.

Aber auch die Qualität ist wichtig: Handelt es sich um eine gut gehende Stadtpraxis oder um eine anstrengende Landarztpraxis? Schließlich kommen noch die schlechten Rahmenbedingungen hinzu: Will ich mich tatsächlich in eigener Praxis niederlassen und das Risiko einer hohen Verschuldung bei immer geringer werdendem eigenen Gestaltungsspielraum eingehen, oder wähle ich lieber eine Tätigkeit als Angestellter in der ambulanten Versorgung?

Klar ist mittlerweile wohl den meisten Beteiligten auch, dass Zwang in dieser Situation nicht zum gewünschten Ziel führt: Wer glaubt, junge Ärztinnen und Ärzte mit Zwang in Landarztpraxen bringen zu können, wird auf der ganzen Linie Schiffbruch erleiden, denn wir leben in einer freiheitlichen Gesellschaftsordnung, in der es im Zweifel auch möglich ist, den ärztlichen Beruf sogar jenseits der deutschen Grenzen auszuüben - eine Alternative, von der viele angehende Ärzte ja bereits Gebrauch machen.

Bleibt also - der "goldene Zügel": Anreizsysteme, Arbeitsbedingungen und Rahmenbedingungen, die es für junge Ärztinnen und Ärzten interessant machen, auch in ländlichen Gebieten als Praxisinhaber oder als Angestellte in der ambulanten ärztlichen Versorgung tätig zu sein.

Eine solche Tätigkeit muss also mindestens ebenso interessant oder noch interessanter sein, als am Krankenhaus auf Dauer als Facharzt zu arbeiten - im Zweifel auch ohne Leitungsposition - oder als Arzt ins Ausland zu gehen.

Reichen dafür die jetzt mit dem GKV-Versorgungsstrukturgesetz angedachten Schritte aus? Es scheint: nein! Denn eine grundlegende Entrümpelung und Entbürokratisierung der ambulanten ärztlichen Tätigkeit findet nicht statt!

Wer die geplanten Vorschriften zur Präzisierung und Erweiterung der Zuständigkeiten des Bewertungsausschusses liest, wird sogar eher den gegenteiligen Eindruck bekommen: Hier wächst neben dem Gemeinsamen Bundesausschuss ein zweites Gremium heran, das an Undurchsichtigkeit für Außenstehende ebenso wie für viele Insider kaum mehr zu übertreffen ist!

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