Ärzte Zeitung online, 01.07.2011

Der Zivi geht - gesucht sind neue Freiwillige

Ab 1. Juli soll der Bundesfreiwilligendienst (BFD) die personellen Ausfälle durch das Ende des Zivildienstes kompensieren. Das Interesse ist bisher mäßig. Träger von Kliniken und Sozialeinrichtungen hoffen, dass Engpässe an Unis durch den doppelten Abiturjahrgang ihnen mehr Freiwillige bescheren.

Von Rebecca Beerheide

Der Zivi geht, gesucht sind neue Freiwillige

Zivis konnten Pflegekräften viele Arbeiten abnehmen. Diese Aufgaben sollen jetzt Freiwillige übernehmen.

© Gentsch /dpa

NEU-ISENBURG.. Auf den freundlichen jungen Mann, der vorliest, Patienten zum Arzt fährt oder in die Apotheke begleitet, werden Pflegeheime, Kliniken oder Behinderteneinrichtungen ab sofort lange warten müssen. Denn Zivildienstleistende gibt es mit dem Ende der Wehrpflicht am 30. Juni nicht mehr.

Die zu erwartende personelle Lücke in Kliniken und Sozialeinrichtungen soll nun durch Bewerber für den Bundesfreiwilligendienst, kurz BFD oder Bufdi genannt, geschlossen werden.

Ministerium rechnete mit 35.000 Interessenten

Doch ob sich die Erwartungen, die das für den Freiwilligendienst zuständige Bundesfamilienministerium geweckt hat, erfüllen werden, steht noch in den Sternen.

Das Ministerium rechnete mit 35.000 Interessenten, doch kurz vor dem Start des Freiwilligendienstes konnten nur wenige BFD-Träger halbwegs konkrete Zahlen nennen, wie viele Verträge bereits geschlossen wurden.

Caritas hat erst 50 von 1900 Plätze besetzt

Von 1900 möglichen Plätzen hat beispielsweise die Caritas in ihren Einrichtungen bundesweit erst 50 verbindlich besetzt. Die Diakonie spricht von "einigen wenigen hundert Vertragsabschlüssen", anbieten kann sie 7500 BFD-Stellen.

Die Deutsche Krankenhausgesellschaft kann noch keine Zahlen nennen, wie viele Freiwillige künftig in den Kliniken die Zivildienstleistenden ersetzen werden. In den Hochzeiten hatte jeder sechste Zivi seinen Dienst in einem Krankenhaus absolviert.

Experten hielten die vom Familienministerium verbreiteten Zahlen von Beginn an für zu hoch gegriffen. Eine Werbekampagne des Familienministeriums soll jetzt nicht nur jungen Leuten den Freiwilligendienst schmackhaft machen.

330 Euro pro Monat wird vergütet

Angesprochen werden sollen Menschen jeden Alters. Sie müssen bereit sein, sich für eine Vergütung von 330 Euro monatlich bis zu zwei Jahre lang sozial zu engagieren. Hinzu kommen Unterkunft, Verpflegung und Arbeitskleidung.

Den unter 25-Jährigen steht zusätzlich ihr Kindergeld zu. Darüber wurde allerdings lange gestritten. Für Senioren, die auch als Zielgruppe des BFD gelten, ist teilweise noch nicht geklärt, ob und wie hoch ein Zuverdienst zu ihren Altersbezügen möglich ist.

Allerdings haben nach Auskunft der Träger bundesweit auch erst "eine Hand voll" älterer Menschen ernsthaftes Interesse an einer BFD-Stelle gezeigt.

Freiwilliges Soziales Jahr als Alternative

Als Alternative zum Zivildienst gibt es seit zehn Jahren das Freiwillige Soziale Jahr (FSJ). Das wird anders als Zivil- und Freiwilligendienst aus Mitteln der Länder finanziert. Finanziell ist der Dienst mit dem BFD gleichgestellt.

Allerdings dürfen FSJler nicht älter als 27 Jahre alt sein. "Der Unterschied zwischen beiden Diensten ist, ob sie bei der Rentenversicherung des Landes oder des Bundes versichert sind", bringt es Barbara Fank-Landkammer, Referatsleiterin Öffentlichkeitsarbeit bei der Caritas, auf den Punkt.

Hier gibt es seit Jahren oft vier Mal so viele Bewerber für das FSJ als Plätze. "Das FSJ ist einfach seit Jahren bekannt und so auch deutlich beliebter", sagt Fank-Landkammer. Daher werden viele Einrichtungen versuchen, die Bewerber auch auf ihre Bufdi-Stellen umzuleiten.

Kein Fahrdienst erlaubt

Wie das FSJ soll auch der BFD ein Bildungs- und Lerndienst sein. So soll in Seminaren zum Beispiel die soziale Kompetenz der Bufdis gestärkt werden. Viele Einrichtungen stellt dieser Anspruch vor große Probleme.

Denn für den Fahrdienst zum Arzt, zur Reha, zur Apotheke oder zu Freizeitveranstaltungen dürfen die Freiwilligen - im Gegensatz zu den ehemaligen Zivis - nicht mehr eingeteilt werden. "Diesen Bereich abzufedern stellt uns sicherlich vor Probleme", sagt Ute Burbach-Tasso, Sprecherin der Diakonie.

In vielen anderen Bereichen seien aber die Einrichtungen bereits auf die neuen Bedingungen für die Bufdis vorbereitet.

"Schon viel auf FSJ gesetzt"

"Die Zeit, die Zivildienstleistende bei uns verbracht haben, ist ja immer kürzer geworden. Daher haben viele Einrichtungen schon viel früher auf das Freiwillige Soziale Jahr gesetzt", erklärt Burbach-Tasso.

Doch vielleicht hilft dem neuen Bundesfreiwilligendienst eine andere Reform, deren Auswirkungen in diesem Sommer heftig zu spüren sein wird: In vielen Bundesländern hat dieses Jahr ein doppelter Jahrgang die Abiturprüfung abgelegt. Ohne den obligatorischen Pflichtdienst fürchten die Universitäten Massenanstürme, die sie nicht bewältigen können.

Wenn ab Mitte August die Absagen für Studienplätze ins Haus flattern, werden sich vermutlich viele junge Leute doch noch für den Bundesfreiwilligendienst interessieren. Darauf spekulieren jedenfalls die Träger der Einrichtungen - und auch die Bundesregierung.

Ausführliche Informationen zum Bundesfreiwilligendienst: www.bundesfreiwilligendienst.de

Lesen Sie dazu auch:
Rabos Motivation: Als "Bufdi" Berufspraxis sammeln
3000 neue Freiwillige zum Start des Bundesfreiwilligendienstes
Bundesfreiwilligendienst, Zivildienst und FSJ im Vergleich

Schreiben Sie einen Kommentar

Überschrift

Text

Sind Computer bald die besseren Therapeuten?

Immer mehr Online-Psychotherapien drängen auf den Markt. Die meisten sind weder besonders einfühlsam noch allzu intelligent. Dennoch sind die Erfolge erstaunlich. mehr »

Kollege Computer, übernehmen Sie!

Eine computer-basierte Verhaltenstherapie kann Insomnie-Patienten den Schlaf zurückgeben. Der Erfolg ist ähnlich gut wie durch menschliche Therapeuten, bescheinigt ein kalifornischer Professor. mehr »

Kein frisches Geld in Sicht

Die umfassende Studien-reform soll zunächst ohne zusätzliches Geld auskommen. Darauf haben sich Bund und Länder geeinigt, wie aus dem vertraulichen Papier hervorgeht. mehr »