Ärzte Zeitung, 13.07.2011

Sexuelle Gewalt bei Kindern ist "virulent"

Sexueller Missbrauch wirft nicht nur Schatten aus der Vergangenheit. Eine Studie zeigt jetzt: Das das Thema ist nach wie vor vor allem in pädagogischen Einrichtungen aktuell.

Mehr Sensibilität bei Opfern von sexueller Gewalt

Beauftrage Bergmann: Kultusminister müssen handeln.

© dpa

BERLIN (af). "Das Thema ist so virulent in pädagogischen Einrichtungen, dass man es nicht zur Seite schieben kann", sagte Professor Thomas Rauschenbach bei der Vorstellung einer Studie, die das Deutsche Jugendinstitut (DJI) in den vergangenen zwölf Monaten erstellt hat.

Das beunruhigende Ergebnis: In 43 Prozent der Schulen, in 40 Prozent der Internate und in 70 Prozent der Heime sind in den vergangenen drei Jahren Verdachtsfälle aufgetaucht.

Abgefragt hatten die Wissenschaftler nur, was öffentlich bekannt war. Mit einer Dunkelziffer sei zu rechnen, zumal die Jugendarbeit im Sport und Vereine nicht untersucht worden sei, sagte Rauschenbach.

Viele Vorfälle werden abgewiegelt

Strafrechtlich relevante Verdächtigungen meldeten lediglich vier Prozent der Schulen, drei Prozent der Internate und zehn Prozent der Heime.

Das sei aber kein Grund zur Entwarnung. "Wir müssen aus dem Abwiegeln herauskommen", sagte DJI-Chef Rauschenbach bei der Vorstellung dieser Ergebnisse am Mittwoch in Berlin.

Auffallend sei, dass betroffene Kinder etwa die Hälfte aller Verdachtsfälle selbst gegenüber Lehrern oder Betreuern angesprochen hätten. Auf solche Situationen seien die meisten Lehrer aber nicht vorbereitet.

Der Umgang mit vermeintlichen und tatsächlichen Opfern sexueller Gewalt solle daher in die Pädagogenausbildung integriert werden, forderte Rauschenbach.

Bergmann: Sexueller Missbrauch ist ein Gegenwartsthema

Das Thema betreffe nicht nur die Vergangenheit. Es sei ein Gegenwartsthema, sagte die Unabhängige Beauftragte der Bundesregierung zur Aufarbeitung des Kindesmissbrauchs, Dr. Christine Bergmann.

Bergmann kündigte an, dass sie ihr Amt wie vorgesehen zum 31. Oktober aufgeben werde. Ende November erhalte die Bundesregierung den Abschlussbericht. Es blieben aber Forschungslücken. Ob und inwieweit Kinder aus Migrantenfamilien sexuellem Missbrauch ausgesetzt seien, liege weitgehend im Dunkeln.

Bergmann forderte die Kultusminister auf, die Abwehr des sexuellen Missbrauchs zum integralen Bestandteil des Auftrages von Schulen und Internaten zu machen.

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