Ärzte Zeitung online, 05.08.2011

Hilfe für pädophil veranlagte Männer und Frauen

Damit Kinder nicht zu Missbrauchsopfern werden, bietet ein niedersachsenweit einzigartiges Modellprojekt in Göttingen vorbeugende Therapie für Menschen mit pädophilen Neigungen.

Hilfe für pädophil veranlagte Männer und Frauen

Bieten die Spezialtherapie für pädophil veranlagte Menschen an (v.l.): Psychiater Georg Stolpmann, Psychologin Nora Struszczynski, Psychotherapeutin Sabine Pieh und der Initiator des Projekts,  Universitätsprofessor Jürgen Müller.

© pid

GÖTTINGEN (pid). Wie lässt sich verhindern, dass Kinder Opfer von sexuellem Missbrauch werden? Bislang richteten sich Vorbeugungsstrategien vor allem darauf, Kinder, Eltern und Pädagogen für diese Problematik zu sensibilisieren und entsprechend aufzuklären.

Ein neues Modellprojekt setzt bei der Prävention an einer anderen Stelle an, nämlich bei potenziellen Tätern und Täterinnen: Die Asklepios Fachklinik für Psychiatrie und Psychotherapie und die Universitätsmedizin Göttingen bieten jetzt eine Spezialtherapie für pädophil veranlagte Männer und Frauen an, die ihnen helfen soll, ihre Neigungen zu kontrollieren. Es ist das erste Therapieangebot dieser Art in Niedersachsen.

Kaum Behandlungsangebote für Hilfesuchende

Initiator des Projekts ist Universitätsprofessor Jürgen Müller, Chefarzt der Asklepios Klinik für Forensische Psychiatrie und Psychotherapie (früher Landeskrankenhaus Göttingen). Der Experte für die Begutachtung von psychisch kranken Straftätern hat in seiner Arbeit häufiger mit Kinderschändern zu tun.

Die Klinik bekomme aber auch immer wieder Anfragen von Menschen, die sich sexuell zu Kindern hingezogen fühlen, ohne bislang straffällig geworden zu sein, erläutert Müller. Für diese Hilfesuchenden gebe es in Niedersachsen bislang keinerlei Behandlungsangebote.

Dies habe mehrere Gründe: Zum einen gebe es kaum Therapeuten, die sich mit dieser psychischen Störung auskennen. Außerdem hätten Betroffene Hemmungen, sich in ein normales Wartezimmer zu setzen, in dem sich auch andere Patienten aufhalten.

Angebot richtet sich auch an Frauen

Bislang gibt es nur wenige Therapieangebote für Pädophile in Deutschland. Vor allem in einem Punkt unterscheidet sich das neue Göttinger Projekt von ähnlichen Projekten in Berlin, Regensburg oder Kiel: Das kostenlose ambulante Behandlungsangebot richtet sich nicht nur an Männer, sondern auch an Frauen. "Damit betreten wir Neuland", sagt der forensische Psychiater Georg Stolpmann.

Zum Team gehören außerdem die Psychotherapeutin Sabine Pieh, die vorher jahrelang mit Straftätern im Maßregelvollzug gearbeitet hat, sowie die Psychologin Nora Struszczynski, die sich auch um die wissenschaftliche Evaluation kümmern wird.

Die beiden Stellen der eigens für das neue Projekt eingestellten Mitarbeiterinnen werden vom Land Niedersachsen, der Asklepios Klinik und der Göttinger Universitätsmedizin finanziert.

Ziel der ambulanten Therapie ist es, Menschen mit einer gestörten Sexualpräferenz davor zu bewahren, sich an Kindern zu vergreifen. "Pädophilie per se ist nicht heilbar", sagt Nora Struszczynski.

Das Ziel ist Verhaltenskontrolle

Nicht um Heilung gehe es, sondern um Verhaltenskontrolle: Die Betroffenen sollten lernen, verantwortungsbewusst mit ihrer Neigung umzugehen und Verhaltensweisen und Mechanismen zu entwickeln, mit denen sie potenziellen Gefährdungen vorbeugen können.

Dazu sei es nötig, ein entsprechendes Problembewusstsein zu schaffen, erläutert Sabine Pieh. Pädophil veranlagte Menschen hätten häufig falsche Vorstellungen von der kindlichen Sexualität. Sie müssten lernen, sich in die Lage eines Kindes hineinzuversetzen.

Die Betroffenen sollen sich bei den Gruppen- und Einzeltherapiesitzungen mit ihrer sexuellen Präferenzstörung auseinandersetzen und Strategien entwickeln, um ihre Impulse und Gefühle besser steuern zu können. Alles, was in der Therapie gesagt wird, bleibt vertraulich, es gilt die ärztliche Schweigepflicht.

Bei der wissenschaftlichen Begleitforschung steht vor allem eine Frage im Vordergrund: Worin unterscheiden sich die Therapiewilligen von jenen Pädophilen, die bereits straffällig geworden sind? "Wir wollen wissen, was am meisten hilft, um pädophil veranlagte Menschen vor Straffälligkeit zu bewahren", sagt Professor Jürgen Müller.

Interessenten, die "Kinder mehr lieben, als ihnen lieb ist" und an einer Therapie interessiert sind, können sich unter Tel. 0551 402-1179 oder per E-Mail unter psm.goettingen@asklepios.com melden.

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