Ärzte Zeitung, 08.08.2011

Reaktionen auf das geplante Versorgungsgesetz

Ärzte sehen für sich keine Verbesserungen im Ärztegesetz

Wenig Anreize, sich auf dem Land niederzulassen, finden Ärzte im Versorgungsstrukturgesetz. Von "absurd" bis "Blödsinn" reichen die Kommentare unserer Leser.

Ärzte sehen für sich keine Verbesserungen im Ärztegesetz

BERLIN (af). "Glauben Sie, dass das Versorgungsgesetz die Arbeitsbedingungen im Alltag für Sie als Arzt verbessern wird?", fragen wir Sie, liebe User, in unserem Mail-In.

Ihre ersten Reaktionen zeigen zusammenfassend: Sie verneinen, dass der vom Kabinett gebilligte Entwurf Verbesserungen für Ärzte auf den Weg bringen könne.

Stichwort Honorar: Der Entwurf sieht vor, dass Ärzte in unterversorgten Gebieten alle Behandlungen zum vollen Honorarsatz abrechnen können. Die Abstaffelung der Regelleistungsvolumina soll entfallen. Dass sie das ihnen ihrer Ansicht nach ohnehin korrekt verdiente Geld als Anreiz erhalten sollen, empfinden die Ärzte nicht als Vergünstigung.

Stichwort Spezialversorgung: Die geplante ambulante spezialärztliche Versorgung von Menschen mit schweren Krankheiten wie HIV/Aids oder Multipler Sklerose empfinden die niedergelassenen Ärzte eher als Bedrohung denn als Chance.

Während Gesundheitsminister Daniel Bahr darin eine Stärkung des Wettbewerbs nach dem Motto "Wer kann, der darf" sieht, fürchten die Haus- und Fachärzte, dass ihnen die Krankenhäuser diese Patienten wegschnappen, die sie zum Teil schon viele Jahre betreuen.

Stichwort Regress: Der Entwurf soll das Prinzip "Beratung vor Regress" stärken. Ärzte, die die Beratungen in Anspruch nehmen, sollen vor Regressforderungen zeitweise sicher sein. Das ist zu wenig, finden die Leser. Der Entwurf schaffe die Richtgrößen nicht ab. Dringend benötigter Ärztenachwuchs werde damit weiterhin abgeschreckt.

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Daniel Bahr (1060)
[10.08.2011, 16:19:40]
Dr. Jürgen Schmidt 
Unmut ist verständlich aber noch kein strategischer Ansatz
Den Kommentatoren, insbesonders auch Herrn Kollegen Martin Junker, muss man unumwunden recht geben, auch in der Wertung ihrer persönlichen Betroffenheit.

Allerdings gehört zu einer professionellen Einstellung zum eigenen Beruf auch eine reflektierte Betrachtung der besonderen Gegebenheiten:
Das Gesundheitswesen und das Recht auf medizinische Hilfe in allen Lebenslagen gehört zu den letzten Glaubensartikeln der ansonsten brüchig gewordenen Religion vom Sozialstaat.
Dass der Staat, noch bevor er für die Ausweitung von Sozialleistungen, eine kaum fassbare Schuldenlast angehäuft hat, sich für seinen Glaubwürdigkeitsverlust ständig zu exculpieren versuchte und deshalb laufend jene diskreditiert, nämlich uns Ärzte, die sich für diesen Staat abrackern, ist die eine Seite, die Kehrseite ist aber auch in die Betrachtung einzubeziehen: Die besten Kenner der Gesundheitsökonomie, nämlich die Ärzte selbst, leisten das nicht, was sie könnten (siehe Leistungsdichte bei Koronarangiografien, MRT, Hausbesuche etc). Dies hat vielfältige Gründe, u.a. auch in Fachgruppenkonkurrenzen und Profitstreben.

Es ist - und dies macht die aktuelle Situation wieder einmal klar - völlig unverständlich, dass sich die Ärzteschaft weiche Flanken leistet, die sie immer wieder angreifbar machen. Dabei behalten meist die Gesundheitspolitiker die Oberhand, weil sie über ausreichende Publizität verfügen und auf ein offenes Ohr der Bevölkerung treffen. Denn die Lust auf Empörung und Schuldzuweisungen ist in der Bevölkerung immer noch ausgeprägter als die selbstkritische Neigung, die Konsequenzen aus der Misere des Sozialstaates zu betrachten. Auf Volkes Vernunft ist nur begrenzter Verlass.

Am Rande sei ein anderer Aspekt erwähnt: Das Versorgungsgesetz wird die Ärzteschaft in unterscheidlicher Weise treffen und Ungleichheiten eher befestigen. Dies erklärt vielleicht die Gleichgültigkeit vieler Kollegen zur vorliegenden Thematik, denn einer schweigenden Mehrheit geht es noch immer relativ gut. zum Beitrag »
[10.08.2011, 12:18:27]
Denise Plocinik 
Kommentar von Dr. med. Martin Junker per E-Mail
Die Kritik am beabsichtigten Versorgungsgesetzt, hier bezüglich der ärztlichen Versorgung auf dem Land, zeigt eine ungetrübte und ideologische Sichtweise von Gewerkschaftsbund (DGB) und Arbeitgeber-Bundesverband.

Einerseits will man einen unabhängigen, unbeeinflussbaren und „freien Arztberuf“, andererseits sollen Ärzte immer mehr in ihrer Niederlassungsfreiheit, finanziellen Existenz, Freiheit der Berufsausübung und autonomen Entscheidungen zum Wohle der Patienten massiv eingeschränkt und reglementiert werden.

Dies wird sogar mit höchstrichterlicher Rechtsprechung zugunsten schlecht gemachter Regierungsgesetze, entgegen dem Grundgesetz, seit Jahren untermauert.

Es wird keinem anderen Berufsstand auch nur annähernd zugemutet, bei Niederlassung in einem „überversorgten“Gebiet, auf Verdienstmöglichkeiten zugunsten von anderen „Mitbewerbern“ in anderen Gebieten zu verzichten. Der Aufschrei bei Apothekern, Architekten, Rechtsanwälten oder Groß-Versorgungsmärkten wäre riesig!

Eine „ Enteignung“ von Ärzten in Ballungsgebieten, wo es heute selbst hier schon unterversorgte Gebiete gibt, ist purer Sozialismus und pure Ideologie unfähiger Politiker und Verbände.

Medizinische Berufe, als zahlenmäßig größte Arbeitgeber in Deutschland, sollten schleunigst den Arbeitgeberverband verlassen, wenn sie dort überhaupt Mitglieder sind.

Auch mit dem neuen Versorgungsgesetz, das erstmalig einen Schwenk zur tatsächlichen Verbesserung der medizinischen Versorgung dem Menschen bedeutet, wird es kurzfristig kaum spürbare Verbesserungen der drohenden Versorgungsengpässe geben.

Die gehässigen Kommentare der Neunmalklugen, die bisher allerdings keinerlei Lösungen der Problematik aufweisen konnten, zeigen auf, was wirklich der Grund für die zukünftigen Versorgungsprobleme ist: die mangelnde Wertschätzung (und auch Honorierung) der Arbeit von Ärzten und allen anderen medizinischen Berufen!

Diese kranken daran, dass man sie mit Reglementierungen, unnützer Bürokratie, unsachgemäßen und unerfüllbaren Vorgaben kujoniert. Kurzum: wenn sich die Misstrauenskultur im Bereich des Gesundheitswesens nicht grundlegend ändert, werden wir sehr schnell in massive Versorgungsprobleme im ärztlichen, psychotherapeutischen, kranken- und altenpflegerischen Bereich sowie auch in anderen Sozialsystemen kommen.

Die Damen und Herren, die jetzt lautstarke Kritik üben, werden sich dann allerdings wieder vornehm zurückziehen und wieder mit dem Finger auf Andere verweisen.
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[09.08.2011, 15:20:36]
Dr. Jürgen Schmidt 
MVZ's - und nun ?
Man muss sich wundern, dass die lange für gefährlich gehaltenen MVZ's in der aktuellen Diskussion zum Versorgungsgesetz nahezu unberücksichtigt bleiben.
Im Versorgungsgesetz findet sich dazu eine Regelung, die klarstellt, was schon berufsrechtlich und bürgerlichrechtlich nicht klargestellt werden muss, nämlich dass ärztliche Entscheidungen ohne Einflussnahme und auschließlich in ärztlicher Verantwortung getroffen werden müssen.
In Wahrheit bedeutet die neue gesetzliche Regelung weit weniger als im Koalitionsvertrag beabsichtigt und oft versprochen.
Die nun getroffene Regelung ist bei Licht besehen nicht mehr als ein Feigenblatt, dass zur Umgehung einlädt und der weiteren zunehmenden Kommerzialisierung durch Klinikkonzerne u.ä. Tür und Tor öffnet.
Die meisten Ärzte haben Informationsmöglichkeiten und Kenntnisse über teilweise agressive Konzernstrategien, die KVen sprachen sogar von eigenen Gründungen zur Abwehr von kommerzieller Überfremdung der Versorgungslandschaft, Aufregung aller Orten - und nun ? zum Beitrag »
[08.08.2011, 16:21:45]
Denise Plocinik 
Kommentar von Praxis Wasserberg per E-Mail
Wie man auf die absurde Idee kommen kann, dass die Aussicht auf unbegrenzte Arbeit auf dem Lande ein Anreiz sein soll, dort zu arbeiten, ist mehr als unverständlich.

Es wird ja nicht etwa die Honorierung der Ärzte erhöht - wie viele Medien heute geradezu böswillig durch die Kassen indoktriniert berichten - sondern dem Arzt wird nun zeitlich begrenzt nur nicht mehr willkürlich via Grenzfallzahlüberschreitung korrekt verdientes Honorar vorenthalten.

Die spezialärztliche Versorgungsebene vergrößert die Wettbewerbsverzerrung zu Lasten der niedergelassenen Fachärzte, denen die Klinikambulanzen nun die Filetstücke nach Belieben mit bereinigender Wirkung und subventioniert durch die duale Krankenhausfinanzierung entwenden dürfen.

Und zum Schluss kaufen die Ärzte mit dem Geld, was sie eigentlich für ihre Behandlungstätigkeiten erhalten sollen, die Praxen ihrer ausscheidenden Kollegen auf. Ein goldener Handschlag für Kollegen, die oftmals zu einer Zeit ihre Tätigkeit begonnen haben, in der sie selber keinen Praxissitz aufkaufen mussten.

Eine Landarztpraxis, die keinen Nachfolger finden wird, wird hingegen nicht aufgekauft, weil sie ja nicht in einem als überversorgt geltenden Bereich liegt. Dieser Arzt scheidet dann ohne Abfindung aus. Nachwuchs ist ohnehin nicht in ausreichender Menge vorhanden.

Eine auch nur annähernde Problemlösung liefert dieses Gesetz nicht - wie alle seine Vorgänger auch nicht. Ohne eine Kostenbeteiligung des Kostenverursachers - Patient genannt - wird es niemals eine nachhaltige Lösng geben.

Dr. med. Jens Wasserberg
Allgemeinmedizin
Bedburg

IP
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[08.08.2011, 16:19:28]
Denise Plocinik 
Kommentar von Dr. Rübsam per E-Mail
Das Gesetz wird die Probleme nicht lösen.

Nehmen wir mal an die Politiker würden so honoriert wie die Ärzte, keiner wäre bereit bei diesem Gesellschaftsspiel mitzumachen.
Nur Geld macht die Arbeit in diesen Kreisen interessant.

Von den Ärzten verlangt man ihre Arbeit für Honarare zu leisten, die oft nicht existenzsichernd sind. Die Privilegien, die die Politiker genießen - wie Diäten, Renten ohne Eigenleistung, etc.- kein Arzt hat trotz seines langen Studiums solche Sondervergünstigungen.

Frau Süßmuth hat das mal gerechfertigt, indem sie gesagt hat " Politik muß auch Spaß machen".

Sie macht natürlich dann keinen Spaß, wenn z.B. Politiker für ihre Fehlentscheidungen in Regreß genommen würden.
Herr Bahr sollte mal diese Aspekte überdenken!

Mit freundlichen Grüßen
 zum Beitrag »
[08.08.2011, 16:16:01]
Denise Plocinik 
Kommentar von Ludwig Grote per E-Mail
Nein,
es ändert nichts daran. Was hat ein Patient davon, dass z.B. Diagnostik und Therapie im orthopädischen Kassenbereich in Niedersachsen nicht mehr wirtschaftlich ist. Bei uns im Emsland müssen Patienten häufig über 60 km für eine Röntgenuntersuchung reisen, da diese Untersuchungen in der Praxis aus wirtschaftlichen Gründen nicht mehr erbracht werden kann. In der Sonografie ist es nicht anders. Wie geht es mit der Therapie weiter? Wie soll Therapie noch finanziert werden? Zeitgerechte Diagnostik gehört der Vergangenheit an, Arbeitsunfähigkeitszeiten verlängern sich, ... Welch großer volkswirtschaftlicher Schaden? Wartezeiten von teilweise über 3 Monaten, sicherlich induziert durch Mengenbegrenzungen, und und und und....
Quo Vadis Deutschland
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[08.08.2011, 16:07:27]
Denise Plocinik 
Kommentar von Rainer van Elten per E-Mail
Sehr geehrte Damen und Herren,

Dieses Gesetz bedeutet keine Verbesserung der Versorgung, sondern eine Verschlechterung, da die Arbeitsbedingungen für Ärzte nochmals schlechter werden und der Ärztemangel deshalb noch zunehmen wird.

Ich möchte hier nur drei Punkte ansprechen:

1. Die Bürokratie wird nicht weniger werden, weil die Chronikerprogramme noch weiter ausgebaut werden sollen.

2. Die Einführung der sog. spezialisierten Ärzten ist vollkommener Blödsinn. Woher sollen diese Ärzte denn kommen? Wir haben doch schon in vielen ländlichen Gegenden Hausärztemangel.
Außerdem behandele ich seit vielen Jahren diese schwerkranken Patienten. Dies habe ich in meiner elfjährigen Ausbildung gelernt. Plötzlich soll ich nicht mehr kompetent sein?

3. Der wichtigste Punkt aber ist, daß die Regresse nicht abgeschafft werden. Weil Ärzte also weiterhin unter dieser Regressbedrohung arbeiten müssen wird der Nachwuchs weiter abgeschreckt.

Was der Regressterror auf Patientenseite bedeutet können Sie den Schreiben der Patienten- und Behindertenverbänden entnehmen. Selbst schwerstbehinderte Kinder im Wachkoma werden nicht behandelt, weil Ärzte Angst vor Regressen haben.


Mit freundlichem Gruß

Dr. Rainer van Elten zum Beitrag »

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