Ärzte Zeitung, 10.08.2011

Ärztin, Uni und Kind - ein Karriereplan hilft

Unikarriere und Kind unter einen Hut bekommen - Professor Martina Müller-Schilling hat es geschafft. In Heidelberg macht die Leitende Oberärztin Frauen Mut, sich auf die Herausforderung "OP, Labor und Familie" einzulassen und Führungsverantwortung zu übernehmen.

Von Marion Lisson

Ärztin, Uni und Kind - ein Karriereplan hilft

"Wie viele Menschenleben Du gerettet hast, fragt niemand bei der Vergabe einer Chefarztstelle": Professor Dr. Martina Müller-Schilling.

© Uni Heidelberg

HEIDELBERG. Sie ist eine Vorzeigefrau: Ihr Lächeln wirkt sympathisch, ihre schwarzen schulterlangen Haare fallen perfekt und ihr Kittel leuchtet blendend weiß. Professor Dr. Martina Müller-Schilling ist eine erfolgreiche Ärztin. Die zierliche Frau ist Leitende Oberärztin in der Medizinischen Universitätsklinik Heidelberg, in der Abteilung Gastroenterologie.

Heute steht sie mit hochhackigen Pumps am Pult. Der Hörsaal ist proppenvoll. Männer sind in der Minderheit.

"Dr. Müller-Schilling ist der Prototyp dessen, was wir gerne an unserer Uni haben", begrüßt Uniklinikumsdirektor Professor J. Rüdiger Siewert seine Kollegin. Und ergänzt: "Sie ist zudem eine reiche Frau: Sie hat bereits vier Millionen Euro Drittmittel eingeworben!"

Gemeinsam mit dem Deutschen Krebsforschungszentrum (DKFZ) und dem Deutschen Ärztinnenbund startet die Universität in Heidelberg eine neue Vortragsreihe. Konkrete Tipps für "Ärztinnen heute - zwischen OP, Labor und Familie" sind das Ziel.

Messbare Dinge, wie Publikationen, gehören für sie dazu

"Machen Sie Dinge, die messbar sind", rät Müller-Schilling gleich zu Anfang den jungen Kolleginnen im Raum. Eine Forschungsarbeit mit einem aktuellen Thema, Publikationen in renommierten Fachzeitschriften und das Einwerben von Drittmitteln gehören für sie dazu.

"Lassen Sie sich nicht auf das Klischee "heilende Frau und Mutter" reduzieren", warnt die Gastroenterologin. Denn obwohl es oberstes Ziel des Berufes Arzt sei, Menschen zu heilen, frage keiner: "Wie viele Menschenleben hast du gerettet", wenn er eine Chefstelle an der Uni zu vergeben habe. Das sei bedauerlich, aber eine Tatsache.

Stipendien und Förderprogramme können hilfreich sein

Müller-Schilling rät frühzeitig zu einem Karriereplan. Stipendien und Förderprogramme wie das Rahel-Gotein-Strauss-Programm oder das Olympia-Morata-Programm könnten dabei hilfreich sein.

"Als Frau Karriere zu machen, erfordert enorm viel Einsatz", warnt jedoch Professor Peter Krammer vom DKFZ, vor falschen Vorstellungen. Er erzählt von Kolleginnen, die bereits um vier Uhr in der Früh aufstehen, um erste "Paper" zu verfassen und dann pünktlich ab sieben Uhr in der Klinik ihren Dienst antreten. "Nach Feierabend geht's dann zunächst ins Labor. Wer später zu Mann und Kind nach Hause kommt, ist groggy", fasst er zusammen.

Rückhalt aus der Familie und ein bisschen Glück

Auch Martina Müller-Schilling hat Familie. Ihr 13-jähriger Sohn und ihr Mann sitzen heute im Hörsaal - ebenso ihre Eltern, die den Nachwuchs versorgten, wenn Müller-Schilling kranke Menschen behandelte und sterbende Tumorzellen erforschte.

Die Ärztin hatte Glück: Denn einen der 100 Uni-eigenen Kinder-Krippenplätze zu ergattern, ist schwierig. Klinikum und Fakultät beschäftigen rund 10.000 Mitarbeiter.

Im Saal erstaunt denn auch niemanden, als die Gastroenterologin "vom großen Knick in der Karriere von Medizinerinnen direkt nach der Promotion" berichtet. Das zeige sich konkret bei den Jobs, erzählt sie.

Mehr Kinder-Krippenplätze fördern Karriere

In Heidelberg zum Beispiel liegt der Anteil der Ärztinnen bei den Assistenzärzten noch bei 50 Prozent, er nimmt jedoch im weiteren Verlauf bei Oberarztjobs (21 Prozent Frauenanteil), leitendenden Oberärzten (16 Prozent Frauen) sowie Professoren und Abteilungsleitern (fünf Prozent) immer weiter ab. Hier müsse sich einiges ändern, so Müller-Schilling.

"Die Zukunft der Universitätsmedizin hängt davon ab, dass wir jungen Medizinerinnen eine Karriere ermöglichen", sagt Klinikdirektor Siewert. Kinderhortplätze gehören auch dazu. Schon jetzt ist es für Kliniken schwierig, guten Nachwuchs zu finden: "Die Reserve ist weiblich."

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