Ärzte Zeitung, 16.09.2011

Allgemeinmedizin rüstet in der Forschung auf

Das wissenschaftliche Fundament der Allgemeinmedizin wird tragfähiger. Die Besonderheit: Hier findet Forschung in Verbindung mit der Praxis statt. Ein Beispiel ist das Institut für Allgemeinmedizin an der Universität Frankfurt.

Von Raimund Schmid

Allgemeinmedizin rüstet in der Forschung auf

Hausärzte werden in die Forschung einbezogen. Das ist das Ziel beispielsweise des Frankfurter Instituts für Allgemeinmedizin.

© Klaus Rose

FRANKFURT. Von universitären Einrichtungen der Allgemeinmedizin gehen immer Forschungsaktivitäten aus, die in enger Kooperation mit den Hausärzten stattfinden.

Nur auf diese Weise kann auf Dauer auch in Deutschland die Versorgungsforschung in allgemeinmedizinischen Praxen etabliert werden.

Nach Ansicht von Professor Ferdinand M. Gerlach, Leiter des Instituts für Allgemeinmedizin an der Universität Frankfurt, müssen dazu künftig noch mehr hochwertige Studien in Gang kommen, damit die Allgemeinmedizin als vollwertige wissenschaftliche Disziplin anerkannt wird.

Das Forschungsnetzwerk Allgemeinmedizin Frankfurt (ForN) ist solch ein modellhaftes Beispiel.

Gleichgestellt mit "Akademische Lehrpraxis"

ForN ist kürzlich bei einer Auftaktveranstaltung von 44 Hausärzten und 32 Medizinischen Fachangestellten auf den Weg gebracht worden.

Hausärzte, die sich an einem Projekt erfolgreich beteiligt und gewisse Qualitätskriterien erfüllt haben, können so als "Akademische Forschungspraxis des Instituts für Allgemeinmedizin der Johann-Wolfgang-Goethe-Universität Frankfurt" akkreditiert werden. Diese Bezeichnung wird von der Medizinischen Fakultät verliehen und ist dann dem Titel "Akademische Lehrpraxis" gleichgestellt.

Die Forschungspraxen, so erläutert Gerlach der "Ärzte Zeitung", sollen bereits bei der Planung der Forschungsvorhaben mit einbezogen werden.

Prof. Johannes Pantel

Allgemeinmedizin rüstet in der Forschung auf

© privat

Seit kurzem gehört Johannes Pantel als weiterer Professor zum Institut für Allgemeinmedizin an der Universität Frankfurt.

Nach dem Studium der Medizin, Psychologie und Philosophie war er als Oberarzt mit den Schwerpunkten Allgemein- und Akutpsychiatrie, Gerontopsychiatrie und Suchtmedizin tätig.

Nach der Habilitation in Iowa und Boston erhielt er die Stiftungsprofessur Gerontopsychiatrie in Frankfurt.

Besonderer Handlungsbedarf bei Multimorbidität

Nur so könne man herausfinden, bei welchen Themen besonderer Handlungsbedarf besteht. Etwa beim Thema Multimorbidität, bei dem das Frankfurter Institut schon länger aktiv ist. Erste konkrete Ergebnisse sind im nächsten Jahr zu erwarten.

2012 will die Medizinische Fakultät begleitend dazu über eine Gastprofessur ein Symposium, ein Bürgerforum, einen parlamentarischen Abend und Vorlesungen für Studierende zur Multimorbidität anbieten.

Auch an weitere für Hausärzte besonders relevante Themen sollen in nächster Zukunft in Frankfurt bei diesen Forschungsprojekten die Strippen gezogen werden:

  • Lehre der Medizin des Alterns und des alten Menschen sowie der Demenz;
  • Behandlung und Management von Gerinnungshemmern in der hausärztlichen Praxis. Hier soll herausgefunden werden, wie unter Praxisbedingungen Thrombosen und Embolien verhindert werden können;
  • Qualifizierung der onkologischen Versorgung in hausärztlichen Praxen.

Gerade den Krebserkrankungen möchte Gerlach in den nächsten Jahren höchste Priorität einräumen, da sie in der Praxis häufig vorkommen und der Hausarzt bei der Früherkennung, der Nachbehandlung und der Palliativversorgung eine entscheidende Rolle spielt.

Informationen aus der Hausarztpraxis heraus

Das Institut in Frankfurt plant hier ein "Hausarztmodul im Rahmen des epidemiologischen klinischen Krebsregisters", um künftig aus der Hausarztpraxis heraus Informationen herauszuholen, die bisher überhaupt nicht erhoben worden sind.

Dabei handelt es sich um ein länger angelegtes Forschungsvorhaben im Rahmen des deutschen Konsortiums transnationale Krebsforschung, an dem das Institut in Frankfurt als einzige allgemeinmedizinische Fakultät in Deutschland beteiligt ist.

Hier, so Gerlach, "sehen wir deshalb eine große Chance, dieses Feld für unser Fach zu entwickeln."

Ärzte gesucht für PICANT-Studie

PICANT steht für "Primary Care Management for Optimized Arntithrombotic care".

In einem Best Practice-Modell soll die antithrombotische Versorgung von Patienten durch den Allgemeinarzt verbessert werden.

Dazu hat das Institut für Allgemeinmedizin der Uni Fankfurt ein Konzept entwickelt, das jetzt evaluiert werden soll. Nun werden 50 Hausarztpraxen gesucht, die insgesamt 690 Patienten in die Studie einbringen sollen.

siebenhofer@allgemeinmedizin.uni-frankfurt.de

[17.09.2011, 00:09:40]
Dr. Jürgen Schmidt 
Privatissime
Die epochemachenden Fortschritte der Allgemeinmedizin, wie sie im besagten Artikel gepriesen oder angekündigt werden, sind offensichtlich Produkt einer doppelten Amnesie.

Zunächst wird anscheinend vergessen, dass 70 % der fachlichen Tätigkeit eines Allgemeinmediziners das Gebiet der Inneren Medizin betreffen.

Tiefer noch aus dem Gedächtnis gerutscht zu sein scheint der Umstand, dass die Fortschritte der Medizin mit ihrer Ausdifferenzierung zu spezialärztlichen Disziplinen zusammen hängen, hier wäre - um im Zusammenhang zu bleiben - die Geriatrie, Neurogeriatrie, die Pharmakologie und Gerinnungsforschung zu nennen, ohne dass diese Aufzählung vollständig sein soll.

Vieles von dem, was die Allgemeinmedizin für das eigene Fach reklamiert, wurde und wird anderswo fundiert erforscht (auch in ambulanten Feldversuchen) und gelehrt.

Aber machmal treibt der Wunsch nach akademischer Identität und Profil seltsame Blüten, auch wenn die fachlichen Voraussetzungen nicht gegeben sind. Die Vorbehalte der Fakultäten und Fachgesellschaften hängen damit zusammen.

Selbstverständlich kann auch die Allgemeinmedizin spezifische Themen mit geeigneten wissenschaftlichen Methoden bearbeiten, aber hochgestochene und inadäquate Diktion sollte man ebenso vermeiden, wie das Wildern in anderen Fachgebieten.
Es waren, wie mir Herr Kossow erzählt hat, Internisten, die das Fach Allgemeinmedizin gegründet haben und nicht umgekehrt.

Was nun die stilistischen Besonderheiten des Herrn Schätzler angeht, so habe ich mich dazu an anderer Stelle abschließend geäußert und sehe mich vorliegend lediglich bestätigt. zum Beitrag »
[16.09.2011, 22:00:24]
Dr. Thomas Georg Schätzler 
"Calm down, Mr. Schmidt"
Lieber Kollege Jürgen Schmidt, ich kenne Sie eigentlich als jemanden, der immer zu beschwichtigen versucht. Als Meister der Deeskalation, des gepflegten Appeasements und der manchmal doppelbödigen Diplomatie im Dschungel von KBV, BÄK, Politik, Öffentlichkeit und Ärzteverbänden, als 'Elder Statesman' sozusagen.

In Ihrem letzten Kommentar waren Sie sogar f ü r "bürokratischen Unsinn"..."für den regionalen Modellversuch" und unterstellten "Minister Bahr"..."Hintersinn", weil..."in diesem Fall ist das Scheitern programmiert." Aber Sie meinten auch an die Adresse des Hausärzteverbands "Herr Weigeldt"..."soll ganz einfach sein Augenmaß und Rollenverständnis überprüfen". … "keine berufspolitischen Schreihälse" seien "gefragt, sondern Kollegen mit Erfahrung, Verstand, Übersicht und Ausdauer."

Doch jetzt wollen Sie sich doch nicht ernsthaft an dem internistischen Hochmut eines emotional unintelligenten, misantropen Dr. Gregory House alias Hugh Laurie aus einem Lehrkrankenhaus im US-Bundesstaat New Jersey messen lassen. Oder an der internistischen Hybris eines niemals zum Mentor taugenden Prof. Dr. Percival Ulysses Cox, auch "Perry" genannt, aus dem Sacred Heart Hospital in der Serie "Scrubs".

Sie scheinen vergessen machen zu wollen, dass im hausärztlich-allgemeinmedizinischen Bereich 80 % aller Patientenanliegen geklärt werden. Und dass für Akademische Forschungspraxen des Instituts für Allgemeinmedizin der Johann-Wolfgang-Goethe-Universität Frankfurt Geriatrie, Gerontopsychiatrie und das Management von Thrombosen bzw. Embolien eminente Herausforderungen für wissenschaftliche Evaluation und Praxistätigkeit bedeuten.

Mf+kG, Dr. med. Thomas G. Schätzler, FAfAM Dortmund
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[16.09.2011, 08:49:44]
Dr. Jürgen Schmidt 
Toll
Lachen am frühen Morgen hält den Internisten gesund.

"Akademische Forschungspraxen des Instituts für Allgemeinmedizin" sollen nun also die "Lehre der Medizin des Alterns und des alten Menschen sowie der Demenz" entwickeln,
die "Behandlung und Management von Gerinnungshemmern in der hausärztlichen Praxis" auf wissenschaftliche Füße stellen, um heraus zu finden "wie unter Praxisbedingungen Thrombosen und Embolien verhindert werden können"

Wenn der Bauch vor Lachen schmerzt, tut Bewegung vielleicht gut. Ziehen wir also los, um endlich Amerika zu entdecken.

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