Ärzte Zeitung, 08.11.2011

Klinikbetreiber nimmt Promi-Raucher ins Visier

MÜNSTER (maw). Der prominente Fußball-Bundesligatrainer und bekennende Raucher Jürgen Klopp gerät ins Visier des Landschaftsverband Westfalen-Lippe (LWL).

Dr. Wolfgang Kirsch, Direktor des Klinikbetreibers, ruft explizit Promi-Raucher wie Klopp auf, einmal im Jahr aus freien Stücken einen Abstinenzversuch zu wagen - und so möglichst viele Raucher, zum Beispiel unter den Fans des Vereins Borussia Dortmund, zu einem regelmäßigen Abstinenzversuch zu animieren.

[09.11.2011, 12:13:16]
Lutz Barth 
Hufelands Vermächtnis: Über prominente Raucher, übergewichtige Staatsbürger bis hin zur Suizidbeihilfe
Offensichtlich neigen einige Mediziner einstweilen nach dem gescheiterten Versuch der EU, eine „Hexenjagd“ auf prominente Raucher in den Mitgliedsstaaten auslösen zu wollen, dazu, den Gedanken der öffentlichen „Anklage“ wieder aufzunehmen. Nun – freilich bleibt es den Medizinern vorbehalten, sich in einer besonderen Art und Weise für die „Volksgesundheit“ einzusetzen und hier ggf. auch mit erzieherischen Mitteln gleichsam pädagogisch einwirken zu wollen. Den bekennenden Rauchern wird dies allerdings unbeeindruckt lassen so wie es wohl auch nicht von Erfolg gekrönt wäre, so manchen Politiker für die Idee zu begeistern, mehr Sport zu treiben und für eine ausgewogene und maßvolle Ernährung Sorge zu tragen; nicht nur, weil ein „gesunder Geist aus einem gesunden Körper kommt“, sondern vor allem mit Blick auf ein im wahrsten Sinne des Wortes gewichtiges Problem in unserer Gesellschaft mit beachtlichen Folgekosten für die Solidargemeinschaft: die Adipositas.

Was also ist zu tun? Der Fußballtrainer muss sich jedenfalls eine Stunde vor dem Spiel im Anstosskreis auf einen Schemel setzen und seiner Last abschwören, während prominente Politiker zu den täglichen Kochshows eingeladen werden, damit sie den verlockenden Düften ausgesetzt werden können, ohne aber etwas zu essen zu bekommen. Selbstdisziplin und Maß halten ist also angesagt. Na dann.

Bleibt nur zu hoffen, dass die Ärzteschaft mit gutem Beispiel vorangeht. Vielleicht gäbe es da die Möglichkeit, einige Verhaltensregeln in der Musterberufsordnung aufzustellen, die dann bei einem Verstoß berufsrechtlich sanktioniert werden können. Hochrangige Ärztefunktionäre können dann neben ihrem ethischen Wächteramt zugleich die Funktion eines berufsständischen Gesundheitskommissars wahrnehmen. Anregungen dazu kann die BÄK etwa den Schriften Hufelands entnehmen, so dass der Arzt nicht nur „nicht zum gefährlichste Mann im Staate wird“, sondern auch dem Volke als leuchtendes Beispiel gesunder Lebensweisen voranschreitet.

Ohne Frage kann und soll der Arzt „Nutzen“ stiften; allerdings mahnte auch hier Hufeland zur besonderen Klugkeit und Vorsicht, wenn der Arzt in edler und tugendhafter Manier „Lieblingsgewohnheiten seines Publikums angreifen will, denn leicht kann er es durch eine stürmische oder beissende Behandlung des Gegenstands verderben, und blos bewirken, dass er sich verhasst macht, ohne die Sache zu bessern“ (Hufeland, Enchiridion medicum oder Anleitung zur medizinischen Praxis, 1837, S. 904).

Aus Hufelands Schriften können die Ärztinnen und die Ärzte also weitaus mehr „lernen“, als die gebetsmühlenartig vorgetragene Mahnung vor dem „gefährlichsten Mann im Staat“ in der Sterbehilfedebatte und nicht zuletzt die BÄK könnte veranlasst sein, darüber nachzudenken, ob es nicht gelegentlich klug sei, dem politischen Alltagsgeschäft zu entsagen, denn der „Arzt gehört keiner Parthei, sondern dem Ganzen an. Popularität ist sein Element, und Freiheit des Geistes und der politischen Verhältnisse sein edelstes Prärogativ. Er hüte sich also sorgfältig, Parthei zu nehmen, oder sich in Verbindungen einzulassen, die ihn dazu nöthigen.“ (Hufeland, aaO., S. 904).

Nun – um die „Freiheit des Geistes“ – näher die des Gewissens – scheint es derzeit aber eher schlecht bestellt zu sein, sah es doch die BÄK als notwendig an, ein ethisches Zwangsdiktat mit dem Verbot der ärztlichen Suizidbeihilfe auf den Weg zu bringen. Höchst spannend dürfte somit die Frage sein, ob es im Sinne Hufelands gelegen hätte, wenn „Verbindungen“ die Ärzteschaft dazu „nötigen“, entgegen ihrer Gewissensentscheidung zur Passivität verpflichtet zu sein, zumal es nicht ausgeschlossen sein dürfte, dass auch Hufeland in Kenntnis der aktuellen ethischen Dilemmata zu der Einsicht gelangt wäre, dass die Arztethik traditionellen Zuschnitts beileibe nicht alle Spannungslagen am Ende eines sich neigenden Lebens aufzulösen vermag, ganz davon abgesehen, dass das Selbstbestimmungsrecht der Patienten eine unübersteigbare Grenze für eine auch noch so wohlmeinende Arztethik markiert.

Wir mögen es bedauern, aber wir werden es nicht erfahren, wie sich Hufeland in den gegenwärtigen bioethischen Hochdiskursen positioniert hätte.
Die Öffentlichkeit wird allerdings irgendwann einmal erfahren können, ob das in dem ärztlichen Berufsrecht implantierte ethische Zwangsdiktat auf Dauer Bestand haben wird und so sich der Sterbewillige zum Sterbetourismus genötigt sieht oder ob es dem berühmten „Drittel“ der bundesdeutschen Ärzteschaft gelingt, darauf zu drängen, dass ihre individuelle Gewissensentscheidung gewahrt und vor allem von ihrer Kollegenschaft respektiert wird.

Hiergegen nimmt sich das Problem der öffentlichen Stigmatisierung resp. gewünschter Instrumentalisierung von prominenten Rauchern oder schwergewichtigen Zeitgenossen doch etwas bescheidener aus. Schwersterkrankten Patienten hingegen die Möglichkeiten nach einem freien, selbstbestimmten und hoffentlich würdigen Sterben beschränken zu wollen, übersteigt bei weitem die Grenze dessen, was noch als hinnehmbar erscheint und sofern dann auch noch eine „Verbindung“ in Gestalt einer privaten Arbeitsgemeinschaft sich dazu aufschwingt, letztlich unmittelbaren Einfluss auf die freie Gewissensentscheidung eines freien Berufsstandes auszuüben, bleibt nur noch die Hoffnung, dass sich alsbald flächendeckend ein ethischer Ungehorsam regt und die Landesärztekammer nach einer Regelung streben, die sich dann als verhältnismäßig erweisen wird, ohne sich in der Gänze von ihrem Arztethos verabschieden zu müssen.
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