Ärzte Zeitung, 14.11.2011

Hintergrund

Berlin bleibt geteilt - bei der Gesundheit

Depressive Westberliner, Diabetes vor allem im Osten der Stadt - auch nach 22 Jahren Mauerfall bleibt die Bundeshauptstadt geteilt. Aus einer bundesweit einmaligen Analsyse wollen KV und Senat nun Lehren ziehen.

Von Angela Mißlbeck

Bei der Gesundheit bleibt Berlin auch 22 Jahre nach dem Mauerfall geteilt

Die Berliner Mauer steht - und zieht sich durch die Morbidität in der Hauptstadt.

© imagebroker / imago

Rückenschmerzen, Bluthochdruck und Sehfehler sind in Berliner Arztpraxen öfter Behandlungsanlass als akute Infektionen. Das geht aus dem aktuellen Gesundheitsbericht der Senatsgesundheitsverwaltung hervor.

Erstmalig hat die Senatsverwaltung für den Bericht das ambulante Behandlungsgeschehen in der Hauptstadt analysiert. Diese Analyse ist bundesweit einmalig.

Die Hauptstadt wächst stetig

Die Berliner Bevölkerung wächst stetig. 2010 ist die Einwohnerzahl um 18.000 auf 3.460.725 gestiegen. Das war der sechste Anstieg in Folge. Auch der Geburtenüberschuss ist erneut gestiegen. Es starben 1159 Menschen weniger als zur Welt kamen. Die durchschnittliche Lebenserwartung in der Hauptstadt hat ebenfalls zugenommen, ist aber für Männer mit 77 Jahren und Frauen mit 82 Jahren aktuell noch je ein Jahr geringer als in ganz Deutschland. Dafür zählen die Berliner zu den schlanksten Deutschen. Mit einer Rate von 46 Prozent übergewichtigen und adipösen Erwachsenen belegen sie Platz zwei hinter Hamburg.

Sie basiert auf anonymisierten Abrechnungsdaten der Kassenärztlichen Vereinigung Berlin von mehr als 2,7 Millionen Berlinern aus dem Jahr 2007.

Hypertonie auch in Berlin eine "Alterskrankheit"

Rückenschmerzen und Bluthochdruck sind dabei die Diagnosen, die am häufigsten abgerechnet wurden. Bei jedem vierten Patienten haben Ärzte in Berlin diese Diagnosen gestellt.

Dabei bestätigte Bluthochdruck seinen Ruf als "Alterskrankheit". Bei zwei von drei Berlinern über 65 Jahren und bei rund der Hälfte der 55 bis 65-Jährigen haben Berliner Ärzte Bluthochdruck diagnostiziert.

Akute Infektionen der Atemwege wurden bei 18,6 Prozent der Patienten aller Altersgruppen als Diagnose kodiert.

Viele Daten, wenige Erklärungen

Sie spielen vor allem bei Kindern, Jugendlichen und jungen Erwachsenen eine große Rolle. Die Verteilung der Diagnosen nach Alter und Geschlecht barg keine Überraschungen.

Erstaunliche Ergebnisse förderte jedoch die Analyse der Morbidität nach dem Wohnort der Patienten zutage. So sind Depressionen und Angststörungen in den westlichen Bezirken wesentlich weiter verbreitet als im Osten der Stadt.

Dagegen tritt Typ-II-Diabetes eher bei Bewohnern der östlichen Bezirke auf. Warum so viele Westberliner an Depressionen und Ostberliner so oft an Diabetes leiden, kann auch der Senatsbericht nicht erklären.

Gehen Westberliner anders mit psychischen Leiden um?

Es ist schlicht unklar, in welchem Maß die Ergebnisse auf die Diagnose-Kodierung, das Versorgungsangebot und das tatsächliche Krankheitsgeschehen zurückgehen.

Derzeit nehmen die Senatsexperten an, dass das gehäufte Auftreten von Depressionen bei Bewohnern der westlichen Stadtteile mit dem größeren Angebot an Psychotherapeuten in diesen Bezirken zusammenhängt.

Sie schließen aber auch nicht aus, dass Westberliner anders mit psychischem Leidensdruck umgehen als Ostberliner.

Depressionen ein West-, Diabetes ein Ostproblem

Ganz klare Unterschiede im Abrechnungsgeschehen zwischen Ost- und West-Patienten zeigten sich auch mit Blick auf Impfungen und Vorsorgeuntersuchungen.

Sie werden im Osten viel öfter abgerechnet. Dieses Ergebnis bestätigt andere Senatsanalysen, die bereits nahe gelegt haben, dass die Impfpflicht in der DDR im Bewusstsein der Bevölkerung noch nachwirkt.

Bestätigt hat sich auch der Zusammenhang zwischen Armut und Krankheit. So zeigt die Analyse für bestimmte Erkrankungen überdurchschnittliche Häufungen in sozial schwachen Gebieten der Hauptstadt.

Einfluss durch die Lebengewohnheiten

Vor allem Typ-II-Diabetes, Adipositas, psychische und Verhaltensstörungen und chronisch obstruktive Lungenkrankheit treten bei Bewohnern dieser Gebiete häufiger auf.

Sie werden aber auch öfter wegen Infekten, Rückenschmerzen und Verletzungen behandelt.

Der Bericht kommt daher zu dem Ergebnis, dass eine hohe soziale Belastung mit einer Vielzahl an gesundheitlichen Einschränkungen einhergehe, "die deutlich durch Lebensgewohnheiten beeinflusst sind".

Für die Bedarfsplanung sind weitere Analysen nötig

Die amtierende Gesundheitssenatorin Katrin Lompscher (Linke) betrachtet den Bericht als Grundlage für eine morbiditätsorientierte Bedarfsplanung, die sich genauer an den regionalen Bedürfnissen ausrichtet.

Doch das ist nicht so einfach. Denn die Berliner gehen nicht unbedingt in ihrem eigenen Bezirk zum Arzt. Darauf verweist die KV Berlin seit langem.

Nun liegt im aktuellen "KV-Blatt" eine erste Detailanalyse für Hausärzte, Augenärzte und Dermatologen vor.

Besuch aus der Nachbarschaft in Mitte

Sie zeigt, dass bei den Hausärzten in den Innenstadtbezirken Mitte, Friedrichshain-Kreuzberg und Charlottenburg-Wilmersdorf nur gut jeder zweite Patient aus der Nachbarschaft kommt.

Zwischen 35,9 und 39,4 Prozent der Patienten im ersten Quartal 2011 kamen laut KV-Blatt aus anderen Bezirken, 4,8 bis 6,2 Prozent gar nicht aus Berlin.

Dagegen behandelten Hausärzte in Treptow-Köpenick 88 Prozent Patienten aus dem Bezirk.

Kommt eine neue Bedarfsplanung

Bei den Dermatologen und Augenärzten war der Anteil der Patienten aus dem Bezirk durchweg geringer als bei Hausärzten.

Im KV-Blatt wird die Vermutung geäußert, dass diese Wanderungsbewegungen mit der Lage der Arbeitsstelle und der öffentlichen Verkehrsanbindung zusammenhängen.

KV und Senatsverwaltung haben weitere Analysen angekündigt. Für eine kleinräumige Bedarfsplanung können sie wegweisend sein.

Lesen Sie dazu auch den Kommentar:
Ein wahrer Datenschatz

[14.11.2011, 08:27:55]
Norbert Meyer 
Unterschiede gibt es enorm
Wen wunderst, Ostberliner kommen erst seit 22 Jahren in den Genuss der marktwirtschaftlichen Rundumvollversorgung,Westberliner wurden mit ihren gesundheitlichen Problemen als Umsatzfaktor benutzt.Ein durchschnittlicher Westpatient zieht einen Berg von erlebten Krankheiten hinter sich her, da träumt der Ossi von, alles ganz wichtig und nebenbei erkämpft sich der Westpatient seine Therapie gegenüber dem Ostberliner, so schwer zu erkennen sind die Fakten nicht, und nach dem Wegfall der Berlinförderung plus Rentenananpassung kommen zwangsweise Depressionen doch auf ,im Westteil! zum Beitrag »

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