Ärzte Zeitung online, 22.11.2011

Behinderte häufig Opfer sexueller Gewalt

Die Zahlen sind erschreckend: Behinderte Frauen sind zwei bis dreimal häufiger sexuellen Übergriffen ausgesetzt als nichtbehinderte Frauen. Das Rezept von Familienministerin Schröder: "Schnelle und gute Hilfe".

Behinderte häufig Opfer sexueller Gewalt

Ministerin Schröder: Zuverlässige Strukturen schaffen.

© Tobias Kleinschmid / dpa

BERLIN (dpa). Behinderte Frauen sind laut einer Studie zwei- bis dreimal häufiger Opfer sexueller Gewalt als alle Frauen im Durchschnitt. Schon in der Kindheit häuften sich bei Mädchen mit Behinderungen Missbrauchs- und Gewaltfälle.

Überproportional setzten sich diese Negativ-Erfahrungen auch im Erwachsenenleben fort, heißt es in einer Studie der Universität Bielefeld, über die das Bundesfamilienministerium am Dienstag bei einer Fachtagung "Nein zu Gewalt gegen Frauen mit Behinderung in Einrichtungen" in Berlin berichtete.

Bei der Befragung von 1561 körperlich oder geistig behinderten Frauen im Alter von 16 bis 65 Jahren gaben zwischen 20 und 34 Prozent an, Übergriffe in Kindheit und Jugend durch Erwachsene erlebt zu haben. Im Bevölkerungsdurchschnitt sind dies zehn Prozent der Frauen.

Gewalt nimmt zu

Der Parlamentarische Staatssekretär im Bundesfamilienministerium, Hermann Kues (CDU), bezeichnete diese Zahlen als alarmierend. Gewalterfahrungen in Kindheit und Jugend trügen maßgeblich zu späteren gesundheitlichen und psychischen Belastungen bei.

Über psychische Gewalt und psychisch verletzende Handlungen in Kindheit und Jugend durch Eltern klagten laut Untersuchung etwa 50 bis 60 Prozent der befragten Frauen (Bevölkerungsschnitt 36 Prozent).

Aber auch im Erwachsenenalter tragen Frauen mit Behinderungen ein höheres Risiko, Opfer von Gewalt zu werden: Mit 58 bis 75 Prozent mussten fast doppelt so viele behinderte Frauen körperliche Gewalt erfahren (Bevölkerungsschnitt 35 Prozent).

Über sexuelle Gewalterlebnisse klagten 21 bis 44 Prozent der behinderten Frauen (Bevölkerungsschnitt 13 Prozent).

Schröder will Strukturen schaffen

"Wir müssen diesen Frauen besonderen Schutz und besondere Unterstützung geben", sagte Kues. Das Ministerium werde darüber hinaus mit dem im Aufbau befindlichen Hilfetelefon "Gewalt gegen Frauen" weitere Unterstützung leisten. Der Start ist für Ende 2012 vorgesehen.

Mit der Studie liegen nach Angaben des Ministeriums nun erstmals repräsentative Daten zu Lebenssituation, Belastungen, Diskriminierungen und Gewalterfahrungen von Frauen mit Behinderungen vor.

Die vollständige Untersuchung des Interdisziplinären Zentrums für Frauen- und Geschlechterforschung der Universität Bielefeld soll Anfang 2012 veröffentlicht werden.

Die befragten Frauen, die zum Teil in Betreuungseinrichtungen leben, haben starke und dauerhafte Beeinträchtigungen.

Bundesfamilienministerin Kristina Schröder sagte der "Neuen Osnabrücker Zeitung" , Hauptaufgabe sei es nun, zuverlässige Strukturen einzurichten, damit Missbrauchsopfer schnelle und gute Hilfe selbständig erreichen könnten.

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