Ärzte Zeitung, 23.11.2011

Frühchentod: Fairer Umgang mit Klinikpersonal gefordert

Die Untersuchungen zum Tod der drei Frühchen im Bremer Klinikum Mitte laufen - und auch das Verhalten der Mitarbeiter wird unter die Lupe genommen. Die Ärztekammer Bremen fordert jetzt mehr Sachlichkeit und Fairness im Umgang mit dem Klinikpersonal.

Von Christian Beneker

Frühchentod: Fairer Umgang mit Klinikpersonal gefordert

War auch die Zahl der Mitarbeiter eine Ursache für die Hygienemängel in der Neonatologie am Bremer Klinikum Mitte?

© dpa

BREMEN. Die Delegierten der Ärztekammer Bremen haben eine sachbezogene Aufklärung der Ereignisse um die Infektionen im Bremer Klinikum Mitte (KBM) gefordert.

"Vordergründig politisch motivierte Auseinandersetzungen oder nicht sachlich begründete Handlungen, Äußerungen und Berichte sind weder verantwortungsvoll noch hilfreich im Sinne eines modernen Fehlermanagements", erklären die Delegierten in einer Resolution.

"Eine Beurteilung vom heutigen Wissensstand aus ist nicht zulässig"

An der Aufklärung nach dem Tod von drei Frühchen sowie der Infektion und Besiedelung mit Keimen von weiteren Babys auf der Neonatologie des KBM arbeitet inzwischen ein parlamentarischer Untersuchungsausschuss der Bremer Bürgerschaft. Auch das Robert Koch-Institut will Ende des Monats einen Bericht über die Infektionen vorlegen.

"Die beteiligten Ärzte haben das Recht auf eine Beurteilung ihrer Handlungsweise zum Zeitpunkt der Handlung. Eine Ex-Post-Beurteilung vom heutigen Wissensstand aus - mit dem größeren Wissen um Zusammenhänge und Verläufe - ist nicht zulässig", so die Delegierten.

"Klima des Vertrauens für die Mitarbeiter"

Unter Umständen sei der Blick der Prüfer "nicht ausreichend genug auf die strukturellen Probleme im Klinikum gerichtet", sagte Dr. Heike Delbanco, Hauptgeschäftsführerin der Ärztekammer Bremen, der "Ärzte Zeitung".

In den vergangenen Wochen waren Probleme der Arbeitsverdichtung und der Hygiene auf der Neonatologie des KBM in die Schlagzeilen geraten.

"Bei der Aufklärung der Umstände, die zum Tod der Frühchen geführt haben, muss es für alle Mitarbeiter im Klinikum ein Klima geben, in dem sie die Aufklärung unterstützen können, ohne personelle Konsequenzen fürchten zu müssen", so Delbanco.

Als Konsequenz aus den Hygienemängeln hatte Dr. Diethelm Hansen, Chef des Klinikverbundes GeNo, zu dem das KBM gehört, den Leiter der Kinderklinik und der Neonatologie, Professor Hans-Iko Huppertz, entlassen.

Neonatologie wird von Hygieneinstitut überprüft

Die Delegierten forderten darüber hinaus die Überprüfung des Personalschlüssels und der Belegungsdichte in der Neonatologie.

"Die Folgen der Verschlechterung dieser hygienisch bedeutsamen Rahmenbedingungen können weder den behandelnden Ärztinnen und Ärzten noch den Pflegekräften angelastet werden", so die Resolution.

13 Überlastungsanzeigen bestätigt

Unterdessen will das Magazin "Focus" erfahren haben, dass Huppertz mehrfach mehr Personal für die Neonatologie gefordert hat. Auch die Schwestern auf der fraglichen Station haben im abgelaufenen Jahr bei der Klinikleitung 13 Überlastungsanzeigen gestellt. Hansen bestätigte die Anzeigen.

Das Personal sei aber für die 16-Betten-Station ausreichend gewesen, sagte Hansen der "Ärzte Zeitung". "Wir arbeiten im Dreischichtbetrieb, und zwar mit der Besetzung vier, drei, drei. Das entspricht den geforderten Standards."

Hygienebedingungen werden überprüft

Erkrankte oder ausgefallene Schwestern seien kurzfristig durch qualifiziertes Personal aus anderen Stationen ersetzt worden, so Hansen. Ab Mitte der Woche soll ein Team des Freiburger Hygieneinstitutes die Hygienebedingungen im KBM überprüfen, kündigte der Bremer Klinikchef an.

Die Resolution der Kammer sei laut Geschäftsführerin Delbanco nicht nur an Hansen adressiert, sondern auch an die Aufsichtsbehörden und den Untersuchungsausschuss.

[24.11.2011, 15:53:48]
Prof. Dr. Volker von Loewenich 
Frühchentod und Hygiene in Bremen
Ein hochresistenter Keim kann in eine Station jederzeit eingeschleppt werden, z.B. durch ein mit Erregern seiner Mutter kontaminiertes Kind. Wissen kann man das erst, wenn nach zwei bis drei Tagen das bakteriologische Resultat vorliegt. Deshalb und weil Infektionen auch durch immer vorhandene weniger gefährliche Keime verursacht werden können, kommt es auf eine penible Einhaltung von Hygiene-Maßnahmen an.
Wenn auf der neonatologischen Intensivstation in zwei von drei Schichten drei Schwestern für je 5,33 Patienten zur Verfügung stehen und in einer Schicht für vier Kinder, dann ist das eine Besetzung, bei der man sich über Pannen bei der Hygiene nicht wundern kann. Mit das Wichtigste ist die Vermeidung von Keim-Übertragungen durch Hände, das weiß mittlerweile jeder. Wenn ein Händedesinfektionsmittel wirken soll, so bedarf es laut Herstellervorschrift einer Einwirkungsdauer von mindestens 30 sec. Es ist auf einer Intensivstation gängig, daß eine Pflegekraft an einem Patienten beschäftigt ist und bei einem weiteren eine Situation auftritt, die sofortigen Zugriff erfordert. 30 sec für die Händedesinfektion, zuzüglich der Zeit für den provisorischen Abschluß der Arbeit an dem zuerst betreuten Kind, sind dann eine sehr lange Zeitspanne, die mitunter zu lang sein kann. Je mehr Patienten einer Pflegekraft zugeteilt sind, desto höher ist die Wahrscheinlichkeit, daß solche Situationen auftreten und daß dann bei der Händedesinfektion die nötige ruhige Sorgfalt leidet. Desto höher ist auch die Wahrscheinlichkeit, daß eine Kollegin nicht stellvertretend eingreifen kann, eine Kollegin, die ebenfalls mit mehr als 5 Patienten beschäftigt ist. Nachdem ich über 30 Jahre lang die Neonatologie des Frankfurter Universitäts-Klinikums geleitet habe und anfangs ebenfalls zu wenig Personal hatte, weiß ich sehr gut von was ich rede. Bekannt ist weiter, daß die Rate der Infektionen mit der Pferchung von Patienten und mit dem Mangel an Behandelnden steigt. Der Chef der Bremer Kinderklinik hat laut Ihres Berichtes mehrfach mehr Personal gefordert, offenbar ohne Erfolg. Eingaben von Pflegenden hatten laut Bericht offenbar ebenfalls keinen Erfolg. Wenn diese Berichte so zutreffen, dann ist es ein Skandal, wenn der Geschäftsführer des Klinikums den leitenden Pädiater feuert. Vielmehr hätte dann der Geschäftsführer gehen sollen, vorausgesetzt die hier vorgestellten Fakten sind richtig wiedergegeben. Als Pädiater bringt es einen ferner auf, daß ausgerechnet bei der Intensivbehandlung von Früh- und Neugeborenen, unseren schwächsten Schutzbefohlenen, gespart wird. Übrigens wird die Behandlung sehr unreifer Kinder von den Kostenträgern vergleichsweise ordentlich honoriert. Hier zu sparen, das Personal zu überlasten und damit wohlbekannte Risiken in Kauf zu nehmen, ist weder moralisch noch rechtlich zu vertreten. Wenn man Ihren Bericht so versteht, wie Sie ihn publiziert haben, dann liegt hier ein Organsiationsverschulden der Geschäftsführung vor, das entsprechend zu würdigen ist.
Prof. Dr.med. Volker v. Loewenich, Frankfurt a.M. zum Beitrag »

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