Ärzte Zeitung online, 28.03.2012
Keine klare Meinung zu korrupten Ärzten
Was tun gegen Korruption im Gesundheitswesen? Das wollten Bundestagsabgeordnete von Experten wissen. Deren Meinungen könnten vielfältiger nicht sein. Die einzelnen Aussagen zum Nachlesen.

Am 28.03. fand im Bundestag die Anhörung von Experten zur Korruption im Gesundheitswesen
statt.
© Claudio Divizia / panthermedia
Die Anhörung zum Nachlesen:
16:05 Dr. Carola Reimann bedankt sich bei allen Sachverständigen und schließt
die Sitzung
16:04 Bundesinnung für Orthopädie-Technik: In der Vergangenheit haben sich
bei Betrug die Betriebe bei den Kassen "freigekauft", die Ärzte waren garnicht eingeschlossen.
16:02 biha: Es ist schwierig für uns korrupte Absprachen zu verfolgen, da
fehlen strafrechtliche Änderungen. Welche Regelungen die richtigen wären, da fehlt
uns der Sachverstand. Aber die bisherigen Regelungen aus dem Wirtschaftsrecht oder
dem Sozialrecht schrecken Ärzte nicht von der Korruption ab.
15:59 Die Bundesinnung der Hörgeräteakustiker (biha) begrüßt jegliche weitere
Maßnahmen gegen Korruption. Wir sehen etwa folgende Tatbestände: Flächendeckend
erklären Vertragsärzte, dass die GKV keine Hörgeräteakustiker bezahlen und der Versicherte
glaubt das - das ist aber nicht der Fall, das wird in vollem Umfang bezahlt.
15:54 Behörde der Staatsanwaltschaft beim Oberlandesgericht Frankfurt/Main:
Bei der Ermittlung stimmen wir uns eng mit der Polizei ab und kaufen extern Kompetenz
zu, zum Beispiel bei Kliniken Medizincontroller, die sich mit der Abrechnung auskennen.
Bisher haben wir sehr wenige Fälle, sodass wir uns eine eigene Kompetenz noch erarbeiten.
15:52 SPD: Wie ermittelt man denn in der Praxis?
Korruption im Gesundheitswesen
Falschabrechnungen in Kliniken, Schmiergeldzahlungen von Apothekern - Korruption
im Gesundheitswesen zeigt sich in vielen Formen.
Dem will die SPD einen Riegel vorschieben. Auf Antrag der Sozialdemokraten hört
der Gesundheitsausschuss im Bundestag heute Experten und Sachverständige zu diesem
Thema an.
"Korruption ist ein unterschätztes Problem", sagte SPD-Politiker Karl
Lauterbach. Sie hinterlasse nicht nur einen wirtschaftlichen, sondern auch einen
medizinischen Schaden im Gesundheitswesen.
Die Abgeordneten der Bundestagsfraktion fordern, dass Korruption auch bei niedergelassenen
Vertragsärzten als Straftatbestand gilt.
Das ist bisher nur bei Ärzten in Kliniken möglich - als Angestellte erfüllen sie
die Voraussetzung für Paragraf 299 StGB. Daher will die SPD auch hier ergänzende
Regelungen.
AWMF: Ärzte keine Beauftragten der Kassen
Vertragsärzte handeln nicht als "Beauftragte" der Krankenkassen und können
daher nicht wegen Bestechlichkeit nach Paragraf 299 StGB belangt werden, meint dagegen
die Arbeitsgemeinschaft der Wissenschaftlichen Medizinischen Fachgesellschaften
e.V. (AWMF).
Rechtlich muss noch geklärt werden, ob Vertragsärzte tatsächlich als "Beauftragte"
angesehen werden können oder nicht. Darüber hat derzeit der Bundesgerichtshof noch
zu entscheiden.
Sollten Ärzte als "Amtsträger oder Beauftragte" gelten, verlören sie "zwingend
erforderliche Freiheit zur diagnostischen und therapeutischen Entscheidung",
fürchtet die AWMF.
Pläne werden abgelehnt
Der GKV-Spitzenverband betonte in seiner Stellungnahme, dass ein Anreiz bei den
Krankenhäusern gesetzt werden müsse, um künftig fehlerhafte Krankenhausrechnungen
zu reduzieren.
Er weist außerdem daraufhin, dass die Studie, die den Schaden auf fünf bis 18 Milliarden
Euro für die Kassen in Deutschland durch Korruption im Gesundheitswesen beziffert,
nicht aussagekräftig sei. Zwar seien mehrere Länder untersucht worden, aber nicht
die Bundesrepublik, so der Spitzenverband.
Die Deutsche Krankenhausgesellschaft (DKG) wehrt sich gegen die Pläne: "Wie
sehen uns zu unrecht durch die Kassen beschuldigt", sagte ein Sprecher der
"Ärzte Zeitung". (plc/jvb/sun)
15:51 Michael Frehse (Medizinrechtler): Wir haben durch das Versorgungsgesetz
sehr durchschlagkräftige Mittel zur Ahndung, die durch die KVen jetzt auch ausgeübt
werden müssen, zum Beispiel kann die Zulassung bis zu zwei Jahre ruhen. Deswegen
sollte mit der Ausweitung des Straftatbestandes noch gewartet werden.
15:49 Behörde der Staatsanwaltschaft beim Oberlandesgericht Frankfurt/Main:
Verfahren dauern bis zu zwei bis fünf Jahre, es müssen sehr viele Detailfragen geklärt
werden. Die Unschuldsvermutung schützt, Gott sei Dank, den Betroffenen, aber gerade
sie ermöglicht es den Betroffenen auch, Sand ins Getriebe zu streuen. Bevor Regelungen
getroffen werden, sollte die Entscheidung des BGH abgewartet werden.
15:47 Behörde der Staatsanwaltschaft beim Oberlandesgericht Frankfurt/Main:
Wir haben 300 bis 500 Ermittlungsverfahren im Jahr. Das sagt noch nichts über den
Ausgang aus. Gerade im Gesundheitswesen sind sehr viele Umstände zu beachten, daher
werden die meisten Verfahren eingestellt, aber oft mit Zahlungsaufforderungen. Der
Kampf gegen Korruption muss ein gemeinsamer sein, dafür müssten mehr gemeinsame
Schnittmengen gefunden werden.
15:42 GKV-Spitzenverband: Wir stehen den Zahlen von Transparency skeptisch
gegenüber, weil internationale Zahlen auf Deutschland übertragen werden. Wir gehen
von einem Schaden von 1,5 Milliarden aus.
15:36 KBV: Bisher hat der BHG nur zwei Betrugsfälle von Ärzten, was nun der
Anlass ist, einen eigenen Straftatbestand für Ärzte zu schaffen - andere Leistungserbringer
sind nicht enthalten. Deswegen halten wir den Weg für falsch.
15:31 GKV-Spitzenverband: Fehlverhalten ist bei den neuen Kooperationsformen
schwieriger zu messen, deswegen brauchen wir klare Regelungen für die Vergütung,
dann kann Fehlverhalten überhaupt festgestellt werden.
15:30 Michael Frehse (Medizinrechtler): Ich sehe Schwierigkeiten, wenn der
BGH die Straffälligkeit der Ärzte ausweitet. Es gibt durchaus Fallgestaltungen,
bei dem Kooperationen unter Missbrauchsverdacht fallen könnten. Deswegen sehe ich
den momentan verfolgten Weg als schwierig an.
15:28 Jens Spahn (CDU/CSU): Wir gehen ja immer mehr in Richtung Kooperation
der Leistungsanbieter, gleichzeitig wollen wir aber keine Korruption. Wie kann man
das auflösen?
15:27 BAG Selbsthilfe: Wir sehen die Anwendungsbeoachtungen (AWB) mit Sorge, weil
das genutzt werden kann, um verdeckte Zahlungen zu leisten. Gleichzeitig kann es
Rückmeldungen über Probleme geben - AWBs sind also nicht per se sinnlos, aber sie
müssen richtig gemacht werden. Wir begrüßen auch eine Veröffentlichung der Studienergebnisse.
AWB sollten nur gemacht werden dürfen, wenn der Patient das Medikament eh schon
erhält. Dann entfällt der Anreiz für den Arzt, das Medikament für eine AWB zu verordnen.
15:25 GKV-Spitzenverband: Die neuen Daten bei den Prüfstellen sind nur Eckdaten,
nach wie vor kann nicht ein Bild der gesamten Versorgungslandschaft gegeben werden
- dafür fehlt die Rechtsgrundlage.
15:23 KBV: Vor allem die Beziehungen von Ärzten zu anderen Leistungserbringern
können mit dem neuen Gesetz erst jetzt von Prüfstellen besser erfasst werden. Da
wird sich also die Datenlage verbessern. Zum Thema Anwendungsbeobachtungen: Uns
sind als KBV 300 insgesamt bekannt. Wir finden, dass das transparent gemacht werden
muss: Wie lange dauern sie? Haben die Patienten zugestimmt? Wieviel Geld wird
dafür bezahlt?
15:16 Die Grünen hinterfragen vor allem den Nutzen der Prüfstellen gegen
Korruption im Gesundheitswesen.
15:13 m.e.z.i.s (Mein Essen zahl ich selbst e.V.): Vor allem im Bereich der neuen Produkte hat die Pharmaindustrie
großen Einfluss auf die Ärzteschaft. Auch gerade bei den wissenschaftlich umstrittenen
Anwendungsbeobachtungen. Viele der Ärzte haben auch kein Problem mit solchen Unterstützungen
der Industrie. Unkritische Ärzte verschreiben teurer und auch mehr neuere Medikamente.
15:11 verdi: Unter dem Finanzdruck der Kliniken - dort werden ja die
Fallzahlen sehr erhöht - wenn Beschäftigte dann darauf hinweisen,
dass die Personalzahl diese Fälle nicht mehr erfüllen kann, versucht man, das zu
unterbinden. Da brauchen wir noch mehr Rechte für die Beschäftigten, dass Hinweise
für sie keine arbeitsrechtlichen Folgen haben.
15:08 VDÄÄ: Ein Problem, das kaum beachtet wird, ist, dass Leistungen aus dem
Leistungskatalog privat abgerechnet werden. Da sagen Ärzte dann zum Beispiel: "Mein
Budget ist erfüllt." Und das gehört unserer Ansicht nach unterbunden.
15:06 Verein Demokratischer Ärztinnen und Ärzte (VDÄÄ): Die Ärzteschaft ist nicht korrupter
als andere Berufsgruppen. Es besteht aber kein Bewusstsein bei den Ärzten dafür,
dass die Gelder, über die sie verfügen, aus der Versichertengemeinschaft finanziert
werden.
15:03 Transparency Deutschland: Der Antrag der SPD geht uns nicht weit genug. Wir müssen eine gesellschaftliche Debatte darüber haben, wohin soll das Gesundheitssystem gehen?
Soll es ein wirtschaftliches System werden oder soll es sich an dem Nutzen für Patienten
orientieren?
15:02 Transparency: Die Kodizes beschreiben leider nur die gültige Rechtslage und sollten
daher angepasst werden. Die Intransparenz im System, zum Beispiel der steigenden
Marketingausgaben für Produkte, nimmt leider immer weiter zu. Das ist ein großes
Problem.
15:01 Linke: Was hält Transparency von der Selbstkontrolle der Pharmaindustrie?
14:59 DKG: wir haben auch keine Daten über die Nutzung.
Aber es wird genutzt, im Vorhinein Verträge zwischen niedergelassenen Ärzten und
Kliniken zu prüfen. In Landeskrankenhausgesetzen kommen ja auch teilweise viele
Regelungen hinzu, sodass inzwischen ein ganzes Bündel an Gesetzen zu beachten ist
bei der Zusammenarbeit.
14:57 KBV: In den Ländern sind Clearingstellen eingerichtet
worden, bisher finden nicht viele Verfahren statt, vielleicht weil es die Clearingstellen
noch nicht so lange gibt.
14:53 BDI: Wir haben eine Einrichtung der freiwilligen Selbstkontrolle
ins Leben gerufen, weil wir davon ausgehen, dass Kooperationen im Gesundheitswesen
nötig für die Patienten sind. Wir schulen die Unternehmen im Hinblick auf die Zusammenarbeit
mit den Ärzten und haben diesbezüglich sehr gute Erfahrungen gemacht.
14:51 BVMed: Wir haben mit den Spitzenverbänden gemeinsam vor vielen
Jahren einen Kodex entwickelt, der vom Inhalt noch Gültigkeit hat. Wir unterscheiden
darin nicht zwischen niedergelassenem und stationärem Bereich.
14:48 GKV-Spitzenverband: 10 bis 15 Prozent der Klinikrechnungen
werden geprüft. 2006 waren 34 Prozent fehlerhaft abgerechnet, mittlerweile sind
es fast 50 Prozent. Aus der Tatsache, dass nur zehn Prozent der Einrichtungen geprüft
werden und dadurch anzunehmen, dass die restlichen Einrichtungen korrekt
abrechnen, wie die DKG sagt, halte ich für einen zu kurzen Schluss.
14:45 DKG: Im Kernbereich der stationären Abrechung (56 Milliarden GKV-Volumen), zehn Prozent
Prüffällen, von denen werden 50 Prozent beanstandet. Also werden 95 Prozent nicht
beanstandet. Fast keine Fälle werden am Ende staatsanwaltlich verfolgt. Deswegen
wenden wir uns gegen die Bestrafung der Kliniken aus dem SGB V heraus.
14:45 FDP: Bei falschen Klinikabrechnungen, um welche Größenordnung geht es?
14:42 Jörg Engelhard (Landesgericht Halle): Die Anzahl der Tatverdächtigen steigt. Die Zählweise variiert
aber zum Beispiel auch zwischen GKV und PKV. Pro Jahr gehen wir etwa von einem Schaden
bis zu 40 Millionen aus.
14:40 Jörg Engelhard (Landesgericht Halle): Wir haben sehr unterschiedliche Schadensvolumina, was niedergelassene
Ärzte oder Apotheker betrifft, das sind 50 Euro im Einzelfall, wenn ein Arzt Patienten
zum Beispiel aus dem letzten Quartal abrechnet - das geht aber bis zu 14 Millionen,
wenn Vertragsleistungen im großen Stil falsch abgerechnet werden, etwa bei Kliniken.
Korruption und Betrug haben eine extrem große Spannweite, allein schon aufgrund
der unterschiedlichen Beschäftigungsformen, von einzelnen Ärzten über MVZ bis zu
Kliniken.
14:37 KKH Allianz: Gerichte und Strafverfolgungsbehörden müssen besser
aufgeklärt werden, dass man hier einen speziellen Straftatbestand ins Gesetz
aufnehmen wird.
14:34 Jörg Engelhard (Sachverständiger): Wir dürfen es nicht zulassen, dass
der Arzt aus pekuniären Interessen geleitet wird, wenn er behandelt - auch wenn
der BGH anders entscheidet, brauchen wir diesbezüglich Rechtsklarheit.
14:31 KKH Allianz: Wir brauchen einen speziellen Straftatbestand
aus Gründen der Sicherheit.
14:29 DKG: 70 Prozent sind Fragen (der Kassen), ob die Aufnahme
in die Klinik berechtigt war. Aber das ist sicherlich keine Schuldanerkennung von
Falschabrechnung.
14:02 Die Übertragung der Sitzung verzögert sich aufgrund technischer Probleme
bis etwa 16 Uhr
11:46 Die Anhörung im Gesundheitsausschuss beginnt um 14 Uhr - wir sind für
Sie live dabei.
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| [28.03.2012, 19:20:02] |
| Dr. Thomas Georg Schätzler
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| Zweifelhaftes Ärzte-"Bashing"?
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Interessanter Weise haben Transparency International/Deutschland und die KKH Allianz in einer gemeinsamen Pressekonferenz am 28.2.2012 offengelegt, dass für das Jahr 2011 eine Gesamtschadensumme von 934.000 Euro in 589 Fällen aufgedeckt worden sei, so Ingo Kailuweit, Vorstandsvorsitzender der KKH Allianz. Am häufigsten hätten nach den Ermittlungen der KKH Allianz Krankengymnasten und Physiotherapeuten betrogen. Darauf folgten Apotheken und die häusliche Pflege. Ärzte stünden bei Häufigkeit und Schadenssummen erst an vierter Stelle.
http://www.aerztezeitung.de/praxis_wirtschaft/article/806466/lasche-betrugskontrolle-durch-kven.html
Bei gedeckelter Gesamtvergütung im ambulanten GKV-Bereich ist es angemessen, dass die KVen selbst Clearingstellen unterhalten, denn bei Abrechnungsmanipulationen können sich die Vertragsärzte nur gegenseitig betrügen. GKV-Versicherte und -Kassen kommen dabei nicht zu Schaden, speziell bei der Masse der intrabudgetär gedeckelten Leistungen. Und besonders krasse Fälle werden von den KVen zu Recht an die zuständigen Staatsanwaltschaften übermittelt.
Mf+kG, Dr. med. Thomas G. Schätzler, FAfAM Dortmund
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