Ärzte Zeitung, 11.04.2012

Hintergrund

Amokläufe: Nur in Schulen nimmt die Gewalt zu

Berichte über das jüngste Blutbad an einer Uni in Kalifornien legen die Vermutung nahe, dass die Zahl der Amokläufe zunimmt. Doch insgesamt gesehen stimmt das so nicht, sagen Forscher - zumindest mit Blick auf Deutschland.

Von Pete Smith

Amokläufe gab es schon immer, nur in den Schulen nimmt das "Töten in blinder Wut" zu

Gedenken an die Opfer eines Amoklaufs in Pforzheim.

© Uli Deck / dpa

Erfurt, Emsdetten, Winnenden - aufsehenerregende Amokläufe wie diese legen die Vermutung nahe, dass sich die Zahl derartiger Straftaten im vergangenen Jahrzehnt deutlich erhöht hat.

Magdeburger Forscher kommen in ihrer Studie jetzt jedoch zu einem differenzierteren Bild. Eine Zunahme von Amokläufen insgesamt können sie nicht bestätigen, wohl aber von so genannten "School Shootings", also Massakern an Schulen.

Ein interessantes Detail: Drei Viertel aller Amoktäter waren vor ihrer Bluttat wegen einer psychiatrischen Erkrankung in Behandlung.

Amok kommt vom malaischen meng-âmok, was so viel heißt wie "in blinder Wut töten". Bezogen auf Massaker wie das am Gutenberg-Gymnasium in Erfurt 2002 oder in der Albertville-Realschule in Winnenden 2009, ist der Begriff zumindest problematisch, denn in beiden Fällen haben die Täter ihre Morde von langer Hand geplant.

Aus diesem Grund hat sich bei (versuchten) Massentötungen an Schulen der Begriff "School Shooting" durchgesetzt, der jedoch im Hinblick auf Angriffe mit anderen Waffen (etwa einem Schwert, einem Messer oder einer Handgranate) unscharf bleibt.

Insgesamt weniger Taten in der Folgedekade

Diplom-Psychologin Eileen Peter und Professor Bernhard Bogerts von der Klinik für Psychiatrie und Psychotherapie am Universitätsklinikum Magdeburg haben für ihre Studie sowohl Presseberichte über Amokläufe wie auch Strafakten von 27 Amokläufern, die ihre Taten überlebten, ausgewertet (Nervenarzt 2012; 83: 57).

Aus den vergangenen 20 Jahren konnten sie dafür 97 pressewirksame Amokläufe innerhalb Deutschlands ausfindig machen. In knapp 30 Prozent dieser Fälle endete der Amoklauf mit dem Suizid des Täters.

Bezogen auf die jeweilige Einwohnerzahl fanden die meisten Amokläufe in Hamburg und Berlin sowie in Mecklenburg-Vorpommern und im Saarland statt. Untersucht wurde der Zeitraum zwischen 1990 und 2010.

Peter und Bogerts stellten dabei fest, dass sich von 1990 bis 1999 insgesamt 50 Amokläufe ereigneten, durchschnittlich fünf pro Jahr, und im darauf folgenden Jahrzehnt 45 Taten.

Eine Zunahme von Amokläufen hat es also nicht gegeben. Allerdings zeigen die Magdeburger Forscher einen besorgniserregenden Anstieg der "School Shootings" auf: von einer Tat im Zeitraum 1990 bis 1999 auf sieben in der darauf folgenden Dekade.

Anhand der Urteile im Prozess gegen Amokläufer und der forensisch-psychiatrischen Gutachten war es Peter und Bogerts möglich, Täterprofile zu erstellen. Jene 25 ausgewerteten Amokläufe, an denen 27 Täter beteiligt waren, verübten ausschließlich Männer.

Tatsächlich sind in den vergangenen 20 Jahren in Deutschland lediglich vier Frauen (22 bis 49 Jahre alt) Amok gelaufen, wobei sie ihre Opfer zwar verletzt, doch niemanden getötet haben.

Geringe Bildungsabschlüsse

Von den 27 Amoktätern, die für die aktuelle Studie untersucht wurden, war der jüngste 14 und der älteste 63 Jahre alt (Durchschnittsalter knapp 32 Jahre). 23 Täter wuchsen bei ihren Eltern oder einem Elternteil auf, drei bei ihren Großeltern und einer bei seinen Adoptiveltern.

Die meisten Täter hatten einen Hauptschul- oder Realschulabschluss, drei Abitur und fünf besaßen gar keinen Schulabschluss.

Fünf Amokläufer waren zur Zeit ihrer Tat arbeitslos, sieben ohne Beruf. Die meisten Täter waren ledig (18) oder lebten vom Partner getrennt (fünf).

Anhand der gerichtlichen Gutachten konnten die Magdeburger Forscher belegen, dass 74 Prozent der Amokläufer schon vor ihrer Tat psychiatrisch auffällig waren. Am häufigsten sind affektive Störungen (30 Prozent), Psychosen (22) und Suchterkrankungen (15).

Sechs Täter standen auch zur Zeit ihres Amoklaufs unter Alkohol- und drei unter Drogeneinfluss. Schusswaffen kamen bei gut der Hälfte der Taten zum Einsatz. Knapp die Hälfte aller vermeintlichen Amokläufer suchten ihre Opfer gezielt aus.

Die Ergebnisse der Magdeburger Untersuchung werden im Wesentlichen durch vorausgegangene Studien gestützt. So hat beispielsweise der US-Psychiater Peter Langman in seiner 2009 auf Deutsch erschienenen Analyse von zehn Amokläufen an Schulen ("Amok im Kopf - Warum Schüler töten", Beltz) nachgewiesen, dass alle Täter entweder psychotisch, psychopathisch und/oder traumatisiert waren.

Die Eskalation der Gewalt wurde dabei von verschiedenen weiteren Faktoren ausgelöst.

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