Ärzte Zeitung, 03.07.2012

"Telenotärzte" für ein attraktives Landleben

Schwarz-gelbe Zukunftsaussichten: Politiker von CDU/CSU und FDP haben sich Gedanken gemacht, wie ländliche Regionen auch künftig attraktiv bleiben können. Herausgekommen ist ein Sammelsurium von Vorschlägen - ohne roten Faden und mit wenig Ideen zur ärztlichen Versorgung.

Von Florian Staeck

Union und FDP wollen den "Telenotarzt"

Das Leben auf dem Land soll auf in Zukunft schön sein.

© Doreen Salcher/fotolia.com

BERLIN. Eine Arbeitsgruppe der Unions- und der FDP-Fraktion hat einen Bericht vorgelegt, wie ländliche Regionen auch künftig attraktiv und lebenswert bleiben können.

Die Autoren des Papiers mit dem Titel "Ländliche Räume, regionale Vielfalt" treten dabei mit dem Anspruch an, ein "integriertes Handlungskonzept" auszuarbeiten, das ökonomische, ökologische und soziale Aspekte umfasst.

Sammelsurium von Vorschlägen

Gesundheit, Pflege, Betreuung und sozialer Zusammenhalt werden von den Abgeordneten zwar als zentrales Thema adressiert.

Doch wie die ärztliche und pflegerische Versorgung dauerhaft auch in ländlichen Regionen, die von Bevölkerungsschwund betroffen sind, sichergestellt werden kann, beantworten die Abgeordneten in dem Papier nicht.

Stattdessen wird ein Sammelsurium von Vorschlägen ohne roten Faden präsentiert:

Beworben wird die Nutzung technischer Optionen wie die Telemedizin oder des "Telenotarztes" - ohne zu beschreiben, was darunter genau zu verstehen ist.

Appelliert wird an die Kommunen, vorhandene gesetzliche Möglichkeiten stärker zu nutzen. Sie sollen mehr Räume zur Verfügung stellen, in denen sich Zweitpraxen etablieren können.

Gedrängt werden die Länder, die Auswahlverfahren für die Zulassung zum Medizinstudium zu modifizieren, um außer der Abiturnote auch andere Kriterien zu berücksichtigen. Freilich ist diese Anregung nicht neu und wird seit Jahren debattiert.

Vorgeschlagen wird die Einführung eines neuen Pflegebedürftigkeitsbegriffs, vor allem mit Blick auf die ambulante Pflege Demenzkranker. Hier müssen die Abgeordneten vor der eigenen Türe kehren: Die jüngst verabschiedete Pflegereform hat die längst vorliegenden Vorschläge für einen neuen Pflegebegriff ignoriert und erst einmal eine neue Kommission eingesetzt.

Antrag für Bundestagsbeschluss im September

Eine gute Infrastruktur, die wohnortnah ist, sei unerlässlich, damit ländliche Regionen attraktiv bleiben. Das schließe auch die Forderung nach mehr Geld zugunsten strukturschwacher Regionen mit ein.

Im September wollen die entsprechenden Gremien in den Fraktionen von Union und FDP einen Antrag für einen Bundestagsbeschluss erarbeiten. Darin soll die Bundesregierung zu konkreten Gesetzesinitiativen aufgefordert werden.

Ziel sei es, möglichst viele der Maßnahmen noch in dieser Wahlperiode auf den Weg zu bringen, teilte die Arbeitsgruppe mit, deren Vorsitzender Ingbert Liebing (CDU) ist.

Lesen Sie dazu auch den Kommentar:
Richtiger Befund, dürftige Therapie

[12.07.2012, 17:42:35]
Denis Nößler 
Leserbrief von Ingbert Liebing
Per E-Mail erreichte uns folgender Leserbrief des CDU-Bundestagsabgeordneten Ingbert Liebing:

Mit Interesse habe ich den Artikel in der Onlineausgabe der Ärzte Zeitung vom 03.07.2012 gelesen, mit dem über den Abschlussbericht der Koalitionsarbeitsgruppe im Deutschen Bundestag zum Thema "Ländliche Räume – regionale Vielfalt" berichtet wird. Dabei wird das Kapitel zur Gesundheitspolitik eher kritisch betrachtet.
Gern möchte ich diese kritische Berichterstattung aufgreifen: In unserer Arbeitsgruppe haben wir auch über andere Vorschläge diskutiert, die keinen Eingang in den Abschlussbericht gefunden haben. Diese Diskussion möchte ich gerne gerade auch mit Ärzten führen: Gibt es noch mehr Vorschläge, was wir tun können, um die medizinische Versorgung in ländlichen Regionen, auch angesichts des demographischen Wandels, aufrecht zu halten? Ziel soll es dabei immer sein, gleichwertige Lebensverhältnisse von Stadt und Land zu gewährleisten.
Wie wäre es zum Beispiel, den Strukturfonds des Versorgungsstrukturgesetzes, mit dem zusätzliche Leistungen für Landärzte finanziert werden können, nicht erst dann einzusetzen, wenn Ärztemangel akut gegeben ist oder absehbar droht, sondern frühzeitiger, präventiv, generell in ländlichen Räumen, um möglichst rechtzeitig einem Ärztemangel gegen zu steuern?
Wie wäre es damit, bei der Planung der Kassenärztlichen Vereinigungen möglichst frühzeitig die Kommunen einzubinden, um auch ihre Kenntnisse zu nutzen?
Wie wäre es damit, Landärzte zu entlasten, indem leichte Aufgaben auch von kommunalen Gemeindeschwestern übernommen werden können, deren Leistungen dann aber auch mit den Krankenkassen abrechenbar sein müssen? Damit soll kein Arzt überflüssig gemacht werden, aber ein Arzt entlastet werden, damit er auch nicht zu viel fährt: Fahrtzeit ist für Ärzte zu teuer, und sollte auf das Nötigste reduziert werden. Können da nicht andere Kräfte leichte Aufgaben abnehmen?
Die Diskussion ist eröffnet, wichtig ist, dass über das Versorgungsstrukturgesetz hinaus, mit dem schon viel auf den Weg gebracht wurde, weitere machbare Maßnahmen angegangen werden, um frühzeitig einer Teufelsspirale entgegen zu wirken, dass Infrastrukturen und Versorgungsstrukturen in den ländlichen Räumen verloren gehen, dadurch das Leben auf dem Lande unattraktiver wird, immer mehr Menschen abwandern und dadurch die Strukturen umso mehr gefährdet werden.
Alle Vorschläge dafür sind willkommen.
Die o.g. drei Beispiele haben die Zustimmung der Kolleginnen und Kollegen der CDU/CSU-Bundestagsfraktion in der Koalitionsarbeitsgruppe gefunden, aber nicht die der FDP. Wie wird dieses Thema unter Ärzten gesehen und diskutiert?
Über Rückmeldungen freue ich mich.
Ingbert Liebing, MdB
ingbert.liebing@bundestag.de zum Beitrag »

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