Ärzte Zeitung, 04.09.2012

Uniklinik Marburg

Protest im Gotteshaus

Sie treffen sich immer montags in der örtlichen Elisabethkirche und protestieren gegen widrige Arbeitsbedingungen und Stellenabbau im Uniklinikum Marburg: Gewerkschafter, Ärzte und Pflegekräfte ziehen an einem Strang.

Von Gesa Coordes

Im Gotteshaus wird heftig protestiert

Michael Weber, Betriebsrat im Klinikum Marburg, bittet um solidarische Spenden nach dem gesundheitspolitischen Montagsgebet.

© Wegst

MARBURG. Das Drama um das privatisierte Universitätsklinikum bringt so viele Menschen in die Marburger Elisabethkirche wie sonst nur in der Adventszeit.

Bis zu 500 Gläubige, Gewerkschafter, Mediziner und interessierte Bürger strömen seit Wochen zu einem "Gesundheitspolitischen Montagsgebet" in die berühmte Kirche, die sich damit in der Tradition der Montagsgebete der Ex-DDR sieht.

Selbst mitten in den Sommerferien reißt das Interesse nicht ab. Die Besucher beten für mehr Menschlichkeit im Klinikum. Sie diskutieren neue Wege, um das Großkrankenhaus wieder für die öffentliche Hand zu gewinnen.

"Diese Beteiligung ist sehr erstaunlich", sagt der Pfarrer der Elisabethkirche, Bernhard Dietrich.

Damit gingen die Marburger mit ihren Protesten gegen Stellenabbau, Personalnot und eine Verschlechterung von Krankenversorgung, Forschung und Lehre neue Wege: "Uns bringen die brennenden Fragen zur Zukunft des Universitäts-Klinikums zusammen", erklärt Dietrich.

"Die Zuwendung zu kranken Menschen darf nicht kommerzialisiert werden." Diese Kritik wird in Marburg immer wieder laut, seit das Uniklinikum privatisiert worden ist.

"Nicht in Ordnung": Geld verdienen mit Kranken

Mit ihrer Initiative zog sich die Kirche gleich den Unmut eines hochrangigen Landespolitikers zu, der sich bei Dekan Burkhard zur Nieden meldete.

Trotzdem machte sich der Dekan die Forderungen von Gewerkschaftern, Mitarbeitern und Ärzten ausdrücklich zu eigen: "Es ist doch unmöglich, dass Schwestern und Ärzte unter Bedingungen arbeiten, die ihr Gewissen beschweren", sagt er.

Und die in einem knallroten Sparschwein eingesammelte Kollekte geht an das Aktionsbündnis "Rückkauf jetzt - gemeinsam für unser Klinikum".

Doch die Pfarrer beschränken sich nicht auf theologische Aspekte. Zu den Montagsgebeten, die noch bis zum Herbst weitergehen sollen, gehören auch "Worte zur Sache" - gehalten von Gewerkschaftern, Medizinern, Studenten und Politikern.

Damit bringen sie die unterschiedlichsten Menschen zusammen. Jede Woche kommt Schwester Edith, die als Katholikin normalerweise nie in der protestantischen Elisabethkirche auftaucht: "Es ist nicht in Ordnung, mit kranken Menschen Geld zu verdienen", sagt sie.

Viele Besucher sind Atheisten oder zumindest keine regelmäßigen Kirchgänger. Nicht wenige sprechen das Vaterunser nicht mit.

Für andere - wie die Marburger Klinik-Betriebsratsvorsitzende Bettina Böttcher - ist der Glaube ein Halt: "Wir müssen uns auf unsere Werte besinnen", sagt sie und freut sich darüber, dass die Pfarrer sich so kritisch äußern: "Das ist landesweit einmalig."

Unterschriftenaktion für bessere Arbeitsbedinungen

"Wir treffen uns, weil wir uns Sorgen um unser Klinikum machen", sagt der Dekan des Fachbereichs Medizin, der Chirurg Professor Matthias Rothmund.

Offenbar hatte man sich in Marburg Hoffnungen gemacht, dass bei der Übernahme der Rhön AG durch Fresenius die Privatisierung des Uniklinikums rückgängig gemacht werden könnte.

Nach Scheitern der Übernahme ist diese Option wohl hinfällig. "Im Moment weiß keiner wirklich, wie es weitergeht", sagt Rothmund. Klar ist für ihn jedoch: 40 Millionen Rendite könne das Klinikum nicht erwirtschaften.

Dass die Mitarbeiter nun "komplett in der Schwebe hängen", sagt auch Betriebsratsvorsitzende Böttcher.

In Kürze wird das Aktionsbündnis rund 35.000 Unterschriften für den Rückkauf des Klinikums durch das Land in Wiesbaden übergeben. "Die Arbeitsbedingungen müssen sich verbessern", sagt Bettina Böttcher.

Beten helfe da auch nicht weiter, sei ihr in einem Gespräch mit Landespolitikern beschieden worden. Dazu sagt die Betriebsratsvorsitzende: "Das wollen wir doch mal sehen."

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