Ärzte Zeitung, 07.02.2013

Häusliche Gewalt

Strategien für Ärzte im Umgang mit den Opfern

Anzeichen für häusliche Gewalt erkennen Ärzte nicht immer -  und noch schwieriger ist es, das Thema mit der Patientin zu besprechen. Jetzt liegen dazu Empfehlungen vor.

Von Jonas Tauber

Strategien für Ärzte im Umgang mit den Opfern

Jede vierte Frau erfährt in ihrem Leben häusliche Gewalt. Ärzte können Taten dokumentieren.

© Petro Feketa / fotolia.com

KÖLN. Niedergelassene Ärzte können die gesundheitliche Versorgung weiblicher Gewaltopfer entscheidend verbessern, wenn sie entsprechend geschult werden.

"Wenn Sie Ärzte dafür sensibilisieren, ist die Praxis ein guter Ort, um häusliche Gewalt zu erkennen und betroffenen Frauen zu helfen", sagt Professor Stephanie Ritz-Timme, Leiterin des Instituts für Rechtsmedizin der Uniklinik Düsseldorf. Das hat ein Modellprojekt im Auftrag des Bundesfamilienministeriums gezeigt.

Statistisch gesehen macht jede vierte Frau in ihrem Leben Erfahrungen mit häuslicher Gewalt. Doch viele Fälle kommen nicht oder erst sehr spät ans Licht, weil Betroffene sich schämen oder Schuldgefühle haben.

Bei Verdacht einfach nachfragen

Beim Modellprojekt "Medizinische Intervention gegen Gewalt an Frauen" haben Rechtsmediziner in Düsseldorf 20 niedergelassene Ärzte geschult, um ihnen Strategien für einen Umgang mit der Problematik an die Hand zu geben.

Die Teilnehmer trainierten, wie sie Anzeichen für Gewalt erkennen und wie sie ihren Verdacht aussprechen, ohne die Patientinnen zu traumatisieren.

Außerdem übten sie die gerichtsfeste Dokumentation von körperlichen und psychosomatischen Gewaltspuren und erhielten einen Überblick über Nachversorgungsangebote in der Region.

"Seit der Schulung weiß ich, dass es gut und richtig ist, Frauen nach möglichen Gewalterfahrungen zu fragen", sagt Dr. Ikuya Shinoda, Facharzt für Innere Medizin aus Düsseldorf, der an der Schulung an der Düsseldorfer Uniklinik teilgenommen hat.

Damit Gewaltopfer nicht erneut traumatisiert werden, sei es aber wichtig, dass eine Antwort nicht erzwungen wird.

Shinoda versucht, betroffenen Patientinnen im Gespräch einige zentrale Botschaften zu vermitteln, wie er es in der Schulung gelernt hat. "Die Frauen sollen wissen, dass sie mit ihrem Problem nicht alleine stehen und dass es Hilfsangebote für sie gibt", sagt er.

Dahinter steckt das Wissen um diffuse Schuldgefühle von Opfern häuslicher Gewalt. "Betroffene reden sich oft ein, den Gewaltausbruch ihres Partners mit eigenem Versagen erst provoziert zu haben und fühlen sich mitschuldig", erklärt Rechtsmedizinerin Ritz-Timme.

Verletzungen beschreiben und fotografieren

Erhärtet sich ein Verdacht, sollen Ärzte Betroffenen deshalb vermitteln, dass sie keine Schuld an ihrer Situation haben, rät sie. In der Schulung haben die Ärzte entsprechende Gesprächssituationen mit Schauspielerinnen trainiert.

Hat sich ein Verdacht bestätigt, oder wurde zumindest nicht ausgeräumt, sollten Ärzte körperliche und psychosomatische Gewaltspuren gerichtsfest dokumentieren, damit sie in einem eventuellen Gerichtsprozess verwendet werden können.

"So ist sichergestellt, dass auch später noch eine Anzeige gegen den Täter möglich ist", erklärt Ritz-Timme. "Zu diesem Zweck haben die Ärzte geübt, wie Verletzungen beschrieben und fotografiert werden", sagt sie.

Die Unterlagen verbleiben bis zu einem möglichen Prozess beim Arzt. "Dass dadurch noch Jahre später ein Verfahren möglich wäre, hilft den Patientinnen psychisch enorm", so Ritz-Timme.

Zu guter Letzt erhielten die Mediziner einen Überblick über in der Region vorhandene Versorgungsangebote für Gewaltopfer. "Es ist entscheidend, dass Ärzte die regionalen Stellen und Hilfsangebote kennen und gut eingebunden sind", sagt Ritz-Timme.

Nur so könnten sie die richtigen Anlaufstellen identifizieren, wenn sie um die Sicherheit einer Patientin fürchten oder wenn Kinder mitbetroffen sind, erklärt sie.

Unter www.gesundheit-und-gewalt.de sind Projektergebnisse, Materialien mit Handlungsvorschlägen sowie ein Umsetzungsleitfaden für regionale Projekte erhältlich..

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