Ärzte Zeitung, 04.06.2013

Hochwasser-Drama

Chaos vielerorts - aber Versorgung klappt

Im Osten und Süden Deutschlands hat das Hochwasser viele Menschen immer noch fest im Griff. Aber es zeigt sich: Die Patientenversorgung ist fast überall sichergestellt. Wir blicken auf die Brennpunkte in Bayern, Sachsen, Thüringen und Sachsen-Anhalt.

Von Robert Büssow, Thomas Trappe, Petra Zieler und Jürgen Stoschek

Chaos vielerorts - aber Versorgung klappt

Das Hochwasser drückt in Passau ein Flusskreuzfahrtschiff bis auf die Höhe oberer Häuseretagen.

© Kneffel/dpa

SACHSEN-ANHALT

Land unter mittlerweile in weiten Teilen Sachsen-Anhalts. Besonders betroffen ist der Süden. Evakuiert werden musste das 450-Betten-Krankenhaus in Bitterfeld.

Viele der Patienten wurden vom Köthener Krankenhaus aufgenommen. Laut Aloys Tappel, Sprecher des Landkreises Bitterfeld, mussten zudem Menschen aus Pflegeheimen und betreuten Wohneinrichtungen anderweitig untergebracht werden.

Kritisch ist die Lage auch in der Saale-Klinik Halle, einem ambulanten Operationszentrum für Vertragsärzte. Laut Dr. Torsten Ullmann, Ärztlicher Direktor, wurden am Dienstag sämtliche Operationen abgesagt. Die Versorgung war noch gewährleistet.

Ullmann: "Wir betreuen hier derzeit auch beatmete Patienten aus anderen Einrichtungen." Bei weiter ansteigendem Wasserpegel schließt der Ärztliche Direktor eine Evakuierung nicht aus.

Reha-Patienten zurückgeschickt

Ein Meter hoch steht das Wasser in der Reha-FLEX-Rehabilitationsklinik Halle. 150 Patienten mussten nach Hause geschickt werden.

Geschäftsführer Axel Witt: "Die Feuerwehr ist vor Ort, alle Mitarbeiter versuchen, das Wasser aus dem Innern des Hauses zu schöpfen. Die im Keller gelegenen Therapieräume sowie die Schwimmbadtechnik werden kaum noch zu retten sein."

Unbürokratische und schnelle Hilfe sichern Ärzte und Pflegende des Klinikums Burgenlandkreis vom Hochwasser Betroffenen zu. Geschäftsführer Lars Frohn: "Wir haben bislang 26 Pflegebedürftige aufgenommen, von denen einige auch medizinisch versorgt werden müssen."

Ambulante Patienten, die ihre Hausärzte nicht erreichen können, erhalten vom Krankenhaus problemlos Medikamente oder notwendige Behandlungen.

SACHSEN

In Sachsen schauten Ärzte in den betroffenen Gebieten wohl mehrmals stündlich auf die aktuellen Pegelstände. Wie sich das Hochwasser entwickeln wird, war absolut unklar. Dr. Klaus Heckemann, Vorstandsvorsitzender der KV Sachsen, ist selbst betroffen - dabei aber in einer glücklicheren Lage als viele seiner Kollegen.

Seine Praxis befindet sich im Dresdner Stadtteil Kleinzschachwitz und damit "in einer Insellage", wie Heckemann erklärte. Er rechnete am Dienstagmittag damit, dass bis heute sein Stadtteil vom Wasser eingeschlossen sein wird.

Dass mit der Katastrophenlage auch ein Patientensturm bei ihm und anderen Kollegen einhergehen wird, davon geht Heckemann nicht aus. Im Gegenteil: "Die geplanten Termine werden großteils abgesagt, weil die Menschen gerade andere Sorgen haben".

Vor allem psychischer Art wären jetzt die Nöte vieler Patienten - die sich gerade darauf einstellen müssen, das zweite "Jahrhundertwasser" innerhalb von elf Jahren zu durchleben.

Landesärztekammer startet Aufruf

Am Dienstagmorgen war das Hochwasser Thema in der Geschäftsführersitzung der KV. Zu diesem Zeitpunkt, erklärte KV-Sprecher Dr. Ingo Mohn, habe noch niemand "gegenüber der KV einen Schadensfall angezeigt".

Allerdings würden Ärzte im Katastrophenfall in der Regel erst ihre Praxis retten und dann den Kontakt mit der KV suchen. "Und in Dresden müssen wir abwarten, wie sich alles entwickelt."

Betroffene Ärzte sollten sich als erstes an ihre KV-Bezirksstellen in Chemnitz, Dresden und Leipzig wenden, so KV-Chef Heckemann. "Diese kleinteilige Struktur ist am besten geeignet, so einer Katastrophe zu begegnen. Das hat sich auch 2002 schon gezeigt."

Die beiden kassenärztlichen Notfallpraxen in Dresden und Leipzig würden wahrscheinlich vom Hochwasser verschont, sagte Heckemann.

Die Landesärztekammer startete bereits am Montag einen Aufruf. Vom Hochwasser betroffene Ärzte sollten sich an die Kammer wenden, um finanzielle Unterstützung zu erhalten. Auch hier seien, wie bei der KV noch keine Meldungen eingegangen, sagte Sprecher Knut Köhler am Dienstagmorgen.

Auch er verwies darauf, dass dies wohl erst nach Absinken des Wassers der Fall sein werde. Bei den Krankenhäusern "gibt es noch keine akute Situation", sagte Rene Schubert, Sprecher der Krankenhausgesellschaft Sachsen.

Vor allem die Region Dresden und der Landkreis Meißen sei gefährdet, wobei im Kreis Meißen die Krankenhäuser meist auf Anhöhen lägen.

Diakonissenkrankenhaus in Dresden räumt mehrere Abteilungen

Einschränkungen meldete bereits das Dresdner Diakonissenkrankenhaus. Geplante operative Eingriffe sowie Untersuchungs- und Sprechstundentermine sind abgesagt, das gelte aber nicht für das Ambulante Operationszentrum, wie die Klinik mitteilte.

Außerdem wurden das Untergeschoss und der Keller des Hauses, also die Funktionsabteilungen der Kliniken für Innere Medizin und Urologie, das Labor und das Archiv geräumt.

Unterdessen hat die Landesärztekammer einen Leitfaden für Ärzte herausgegeben, wie sie mit Patientenakten umgehen sollen, die durch Wasser beschädigt wurden. Es wurde darauf hingewiesen, dass die Vernichtung der beschädigten Akten gut abgewogen werden sollte, da Ärzten sonst "Rechtsnachteile", zum Beispiel beim Verdacht auf Behandlungsfehler, entstehen könnten.

"Sofern sie tatsächlich nicht mehr verwendbar sein sollten, sollte dies ausreichend dokumentiert werden", appellierte die Kammer. "Wir empfehlen auch, die Berufshaftpflichtversicherung über die Umstände zu informieren." Ärzte, die rechtlichen Rat suchen, könnten sich dafür an die Kammer wenden.

THÜRINGEN

Für katastrophale Auswirkungen sorgte in Thüringen unter anderem die Weiße Elster in Gera. Dort war das Waldklinikum mit mehr als 800 Betten betroffen und tagelang von der Strom- und Wärmeversorgung abgeschnitten.

Weniger dringende Operationen mussten verschoben werden, weil die Operationssäle nicht mehr ausreichend klimatisiert werden konnten, erklärt Sprecherin Katrin Wiesner.

Um die Patienten trotzdem waschen zu können, müssen die Schwestern das Wasser in Kochern erhitzen. Wegen des Hochwassers werden zudem etliche Patienten mit Unterkühlungen oder Angstzuständen behandelt.

Anderen muss geholfen werden, weil sie nicht mehr an ihre Medikamente kommen. Laut Krisenzentrum in Gera wird inzwischen zum Ende der Woche wieder mit einer regulären Versorgung gerechnet. Bis die Schäden beseitigt sind, wird es jedoch wohl noch Monate dauern.

BAYERN

Auch in Bayern hat das Hochwasser die Patientenversorgung beeinträchtigt. In Passau-Kohlbruck wurde eine Rehaklinik vorübergehend geschlossen, da wegen der Hochwassersituation ein reibungsloser Betrieb nicht mehr möglich sei.

Unterdessen sinken in Passau die Pegel allmählich. Der Strom ist in den betroffenen Stadtteilen jedoch noch abgestellt, die Telefonverbindungen funktionieren noch nicht.

Wegen einer drohenden Verunreinigung hatten die Stadtwerke die Trinkwasserversorgung gesperrt. Betroffen war auch das Klinikum, das vom THW notversorgt werden musste.

Die Versorgung der Patienten habe "höchste Priorität" und sei auf Tage gesichert, hieß es am Dienstagvormittag.

Vom Hochwasser in Passau sind nach Informationen der KV Bayerns auch mindestens eine Hausarzt- und eine Psychotherapeutenpraxis betroffen, die "vollgelaufen" sind.

Längere Wege für Hausärzte

Ab Mittwoch finden in Bayern schriftliche Prüfungen für MFAs statt. Diese können nach Angaben der Ärztekammer auch in den Hochwassergebieten wie geplant in den örtlichen Berufsschulen durchgeführt werden.

Davon ausgenommen sind jedoch die Prüfungen in Passau. Derzeit wird nach einem Ersatztermin eventuell noch in diesem Monat gesucht.

In Bad Reichenhall standen die Hilfskräfte nach Angaben aus Feuerwehrkreisen am Wochenende kurz davor, das Klinikum zu evakuieren.

Vielerorts gesperrte Straßen haben dazu geführt, dass Hausärzte für ihre Hausbesuche längere Wege in Kauf nehmen mussten, teilte die KV mit.

Mit weiteren Behinderungen müsse gerechnet werden, weil die Straßen erst allmählich wieder freigegeben werden.

Die Kassenzahnärztliche Vereinigung Bayerns (KZVB) gab Dienstagabend bekannt, dass es wegen der Unterbrechung der Trinkwasserversorgung in Passau nur noch eine zahnärztliche Notversorgung gibt.

Die meisten Zahnarzt-Praxen haben den Betrieb eingestellt. Für Schmerzpatienten stehen drei Praxen in der näheren Umgebung zur Verfügung.

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