Ärzte Zeitung, 06.09.2005

4700 Arbeitsplätze Opfer der Gesundheitsreform

Bundesverband der Pharmazeutischen Industrie beklagt den Konflikt zwischen Wirtschafts- und Gesundheitspolitik

BERLIN (HL). Die Gesundheitsreform hat im Jahr 2004 über 4700 Mitarbeitern in der pharmazeutischen Industrie ihren Arbeitsplatz gekostet. Nach mehreren Jahren kontinuierlichen Beschäftigungszuwachses ist damit das Stellenniveau von 1998 erreicht.

Das berichtet der Bundesverband der Pharmazeutischen Industrie (BPI) in der jüngsten Ausgabe der "Pharma Daten", die gestern in Berlin vorgelegt worden ist. Es sei damit zu rechnen, daß näherungsweise weitere 5000 Arbeitsplätze bei Zulieferern und Dienstleistern der Industrie verloren gegangen sind, so BPI-Vorsitzender Dr. Bernd Wegener.

Er wertet diese Entwicklung als ein "Beleg politischer Kurzsichtigkeit" bei Gesundheitsreformen. Die Hauptbremse für die Branche sei der Konflikt zwischen Gesundheits- und Wirtschaftspolitik. Wegener: "Die pharmazeutische Industrie könnte mehr Arbeitsplätze zur Verfügung stellen, wenn es weniger staatliche Eingriffe gäbe."

Darüber hinaus habe die Gesundheitsreform eine "Standardisierung der Patientenbehandlung" eingeleitet. Bei der Industrie sei dies spürbar geworden durch die Umsatzeinbrüche bei Arzneimitteln der besonderen Therapierichtungen. Im Markt der gesetzlichen Krankenversicherung verloren anthroposophische Arzneimittel 39 Prozent, homöopathische Medikamente 66 Prozent und pflanzliche Arzneien sogar 79 Prozent des Umsatzes.

In den ersten sechs Monaten dieses Jahres sieht Wegener "Zeichen einer leichten Entspannung" für die Industrie. Der Umsatz im Apothekenmarkt zu Herstellerabgabepreisen (einschließlich der Rabatte) sei um 10,5 Prozent auf 10,6 Milliarden Euro gestiegen.

Wegener warnte vor Horrorszenarien, die gegenwärtig von den Krankenkassen aufgestellt würden. Die Arzneimittelhersteller hätten vor allem mit ihrer Preispolitik ihre Verantwortung unter Beweis gestellt. Im Durchschnitt seien Arzneimittel für die Krankenkassen im Januar dieses Jahres um 2,5 Prozent billiger gewesen als im Jahr 2003. Lediglich Medikamente ohne Festbetrag seien binnen zwei Jahren um 3,76 Prozent teurer geworden.

Im Vorfeld der Bundestagswahl forderte der Industrieverband die Abschaffung des sechsprozentigen Herstellerrabatts für Arzneimittel ohne Festbetrag, eine deutlich schnellere Zulassung neuer Arzneimittel und eine konsequente Forschungsförderung. In der Biotechnik dürfe es keine nationalen, von der Regeln der EU abweichenden Alleingänge mehr geben.

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