Ärzte Zeitung, 12.11.2008

Viagra gilt in der jüdischen Medizin als koscher

Der erste Kongress jüdischer Mediziner diskutiert über Ethik und Vorschriften in Religionsgesetzen.

Von Ilse Schlingensiepen

Viagra gilt in der jüdischen Medizin als koscher

Viagra gilt in der jüdischen Medizin als koscher.

Foto: dpa

Im Haus der Ärzteschaft in Düsseldorf feierten rund 150 Ärzte aus ganz Deutschland und dem Ausland eine Premiere. Sie nahmen am "1. Internationalen Kongress Jüdischer Mediziner in Nordrhein-Westfalen" teil und diskutierten eine breite Palette von Themen.

Sie reichte von "Jüdische Medizinethik" über "Forschung in der Tumorbehandlung" bis "Koscherer Sex - ist auch Viagra koscher?" Die große Klammer für die verschiedenen Beiträge war das Thema "Judentum und Medizin - gestern, heute, morgen".

Der Kongress sei eine etwas andere Art des Gedenkens, sagte Cora Rimoczi, Vorsitzende des Landesverbands Jüdischer Mediziner in Nordrhein-Westfalen. "Dieser Kongress ist die Fortsetzung der sehr erfolgreichen Arbeit jüdischer Ärzte in Deutschland vor dem Krieg, sei es als niedergelassene Ärzte, sei es als in der Wissenschaft tätige."

In mehreren Regionen haben sich in den vergangenen Jahren Landesverbände jüdischer Mediziner gebildet. Formal gibt es auch einen Bundesverband, er soll bald mit Leben erfüllt werden, berichtete Dr. Adrian Flohr vom NRW-Landesverband.

Dieser wurde 1999 gegründet und ist seitdem ständig gewachsen. Heute hat er 190 Mitglieder. Die meisten sind niedergelassene Ärzte oder Medizinstudierende. Aber auch Zahnärzte, Apotheker und andere medizinische Berufe sind mit von der Partie. Der Landesverband organisiert regelmäßig medizinische Fortbildungen. "Sehr wichtig ist aber auch die soziale Komponente, der Austausch untereinander", sagte Flohr. Dazu gehöre die Integration der Neuankömmlinge. "Wir haben lange überlegt, ob wir überhaupt einen solchen Verband brauchen", sagte der niedergelassene Gynäkologe. "Der Zulauf zeigt uns, dass es Bedarf gibt."

Der Verband beschäftigt sich auch mit dem Schicksal der jüdischen Ärzte unter den Nazis und im Holocaust. "Die Vergangenheit ist für uns ein Thema, aber unser Anliegen sind das Jetzt und das Morgen", sagte Flohr.

Unterscheidet sich jüdische Medizin von der "anderen"?

Das Thema Judentum und Medizin wirft Fragen auf, weiß Rimoczi. "Was ist das? Ist es Medizin, die von Juden ausgeübt wird? Ist es eine jüdische Medizin, die sich von anderen unterscheidet? Wenn ja, wodurch?" Abschließende Antworten könne man nicht erwarten.

Seit Jahren bilden sich jüdische Medizinerverbände.

In der jüdischen Religion habe das Leben den höchsten Stellenwert, sagte die niedergelassene HNO-Ärztin. "Um ein Leben zu retten, können alle Gebote gebrochen werden." Dasselbe gelte auch bei der Behandlung von kranken Menschen. "Alle Maßnahmen, die zu seiner Heilung führen, oder sein Leiden lindern, müssen ergriffen werden", sagte Rimoczi. Fragen wie der Beginn des Lebens, der Zeitpunkt des Todes, Sterbehilfe oder Transplantationen werden auch heute noch im Licht der Thora geprüft, berichtete sie.

"Fortschrittliche, ja moderne Lösungen und Antworten lassen sich von diesen mehr als 2000 Jahre alten Gesetzen und Lehren ableiten." Beispiel Stammzellforschung: "Wenn die Forschung dazu dient, Krankheiten zu heilen, dann ist dieses erlaubt." Da das Medikament Viagra der Schaffung neuen Lebens dient, gilt es als koscher.

Die breite Themenpalette des Kongresses habe ihm vor Augen geführt, dass sich ärztliche Körperschaften und Verbände sonst fast ausschließlich auf Fragen der Gesundheits- und Honorarpolitik fokussieren, sagte der Vorsitzende der Kassenärztlichen Vereinigung Nordrhein Dr. Leonhard Hansen. Er begrüßte die Teilnehmer im Haus der Ärzteschaft. "Andere Themen, die früher ganz unbestritten genuin ärztliche Themen waren, sind uns in den letzten Jahren fast gänzlich abhandengekommen. Oder besser gesagt: Wir haben sie zum Teil leichtfertig aus der Hand gegeben", sagte Hansen. Das Besondere am Verband der jüdischen Ärzte sei, dass sie eine gemeinsame religiöse und kulturelle Identität bewusst mit der Berufsrolle als Ärztinnen und Ärzte verknüpfen.

Hansen hält es für wichtig, dass sich Mediziner explizit auch mit ethischen Fragen auseinandersetzen. "Die Ethik in der Medizin ist kein exklusives Feld nationaler Kommissionen oder berufener Gremien. Fragen der Ethik betreffen jeden Bürger - und erst recht jeden Arzt."

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