Ärzte Zeitung online, 02.01.2009

AOK-Chef Reichelt fordert gesetzliche Ausgabendeckelung

KÖLN (iss). Der Vorsitzende des AOK-Bundesverbands Dr. Herbert Reichelt fordert eine gesetzlich verordnete Ausgabendeckelung bei niedergelassenen Ärzten, Krankenhäusern und der Arzneimittelversorgung. Das sei notwendig, um die drohende Finanzlücke im Gesundheitsfonds zu schließen, sagte Reichelt in einem Interview mit der "Frankfurter Allgemeinen Zeitung". "Die Instrumente können unterschiedlicher Natur sein, wir sollten uns da nicht auf eine Möglichkeit festlegen", sagte er.

Reichelt, der im Dezember Nachfolger von Dr. Hans Jürgen Ahrens wurde, erwartet, dass durch einen verstärkten Wettbewerb unter den Leistungserbringern weitere Wirtschaftlichkeitsreserven im Gesundheitssystem gehoben werden können. "Gerade der Zwang, mit jedem Arzt abrechnen zu müssen, wird durch die Möglichkeit aufgeweicht, Einzelverträge in der ambulanten ärztlichen Versorgung schließen zu können." Der AOK-Verbund wolle gute medizinische Versorgung wirtschaftlicher gestalten und setze deshalb auf selektive Lösungen wie die Rabattverträge mit Pharmaunternehmen oder Hausarztverträge. Reichelt geht davon aus, dass die AOK über Rabattverträge im Generikabereich einen dreistelligen Millionenbetrag pro Jahr einsparen können.

Zu einer größeren Wirtschaftlichkeit können nach Reichelts Einschätzung aber auch bessere Organisationsstrukturen bei den Krankenkassen beitragen. Bei den AOK werde es innerhalb der nächsten drei Jahre weitere Fusionen zwischen den zurzeit 15 Kassen geben. "Mitte des nächsten Jahrzehnts werden wir noch fünf bis sechs AOK haben", prognostizierte er.

Der einheitliche Krankenkassenbeitrag von 15,5 Prozent reicht zur Finanzierung der Gesundheitsausgaben nicht aus, glaubt Reichelt. "Erst recht nicht, weil der Gesetzgeber im Krankenhausbereich keine knallharte Kostenbremse eingezogen hat."

Auf die Unterdeckung des Gesundheitsfonds hat auch der Vorstandsvorsitzende der Barmer Ersatzkasse Dr. Johannes Vöcking erneut hingewiesen. "Wir gehen davon aus, dass die Ausgaben nicht ausreichend finanziert sind", sagte er dem WDR. Um den medizinischen Fortschritt bezahlen zu können, werden "jedenfalls auf absehbare Zeit" alle Krankenkassen Zusatzbeiträge erheben müssen, sagte Vöcking.

Durch den neuen morbiditätsorientierten Risikostrukturausgleich werde der Finanzausgleich zwischen den Kassen gerechter, weil mehr Geld für die Versorgung kranker Versicherter zur Verfügung stehe. Den Kassen stehe ein wirklicher Preis-Leistungs-Wettbewerb ins Haus, sagte Vöcking voraus. Das werde zum Vorteil der Versicherten sein.

Eine Begrenzung des Leistungskatalogs der gesetzlichen Krankenversicherung erwartet der Barmer-Chef nicht. "Im Gegenteil, die Leistungen werden weiter ausgebaut werden." Der Fortschritt in der Medizin koste aber seinen Preis. Es komme jetzt darauf an, das Geld wirklich dort einzusetzen, wo es notwendig für die Versorgung der Menschen ist.

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