Ärzte Zeitung, 13.02.2009

Selbstbeteiligung - und bei kleinem Geldbeutel?

Ärzte sind zwiegespalten in der Frage, dass Kassen seit fünf Jahren nicht mehr für rezeptfreie Arzneien zahlen dürfen. Das zeigt eine Umfrage der "Ärzte Zeitung".

Eigenverantwortung der Patienten ist nach Ansicht einer großen Mehrheit von Ärzten im Grundsatz sinnvoll.

Von Florian Staeck

Von den fast 700 Lesern, die an der nicht-repräsentativen Befragung teilgenommen haben, sieht sich ein Drittel in der Therapiefreiheit eingeschränkt. Sie lehnen die Ausgrenzung der OTC-Präparate (Over The Counter) ab, die mit dem Gesundheits-Modernisierungs-Gesetz Anfang 2004 in Kraft getreten ist. Dagegen halten es fast zwei Drittel der antwortenden Ärzte für "im Grundsatz richtig, dass der Gesetzgeber die finanzielle Eigenverantwortung der Patienten gestärkt hat".

Doch zwischen diesen beiden Positionen gibt es viele "Ja, aber": viele Ärzte zeigen sich zurückhaltend bei der Abwägung: "Die Einschränkung der Therapiefreiheit überwiegt den grundsätzlich richtigen Aspekt der Eigenverantwortung", sagt der Allgemeinarzt Dr. Wolfram Kollmeier aus Kirchweidach. Gleicher Auffassung ist sein Kollege Dr. Thomas Fisseler aus Schwerte. Er argwöhnt, als Folge der Ausgrenzung von OTC würden Patienten erstattungsfähige, aber dafür auch teurere Präparate verordnet.

Viele Niedergelassene betonen die sozialen Folgen und sehen besonders Familien benachteiligt: Dass rezeptfreie Arzneien selbst bezahlt werden müssen, sei "ein Problem für Familien mit Kindern über zwölf Jahren und kleinem Geldbeutel", berichtet Dr. Angelika Hauswald, Praktische Ärztin aus Weinböhla. Auch Dr. Wilhelm Pape, Internist in der Onkologischen Tagesklinik in Paderborn, berichtet, Krebskranke hätten "oft nicht das Geld für den Kauf der rezeptfreien Arzneimittel". "Unverschämt" nennt es Udo Pappert, Facharzt für Innere und Allgemeinmedizin aus Holzwickede, dass die Kassen nicht bei Jugendlichen bis 18 Jahre die Kosten übernehmen. Hinzu kommt, merkt Allgemeinarzt Dr. Thomas Bonin aus Biebergemünd an, dass die "Ausnahmetatbestände zum Teil willkürlich und unerklärbar sind".

Zudem kann die Selbstmedikation Tücken haben, wenn Ärzte nicht mehr überschauen können, "was der Patient sonst einnimmt", schreibt die Allgemeinärztin Christine Hegmann aus Hanau. Dr. Harald Bär-Palmié aus Schauenburg klagt, die Politiker hätten sich "aus der Verantwortung gestohlen, da diese Arzneimittel oftmals sinnvoll sind".

Am kommenden Mittwoch lesen Sie: Welche Gründe Ärzte für den Einsatz von rezeptfreien Arzneien sehen.

Lesen Sie dazu auch:
"Gesetzgeber hat das Kind mit dem Bade ausgeschüttet"

Weitere Beiträge zur Serie:
"Grünes Rezept als Chance"

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