Ärzte Zeitung, 17.09.2009

Eine bessere Arzneiversorgung - aber wie?

Der Arzneimittel-Atlas liefert Analysen zum Arzneiverbrauch in der GKV. Was sind die Lehren? Darüber haben Experten bei einer Veranstaltung in Dortmund diskutiert.

Von Ilse Schlingensiepen

zur Großdarstellung klicken

Gute Medikamente, viele Versorgungsfragen. Daniel Fuhr©www.fotolia.de

DORTMUND. Verträge zwischen Pharmaunternehmen und Krankenkassen könnten ein Weg sein, Ärzte von den wirtschaftlichen Zwängen bei der Verordnung von Arzneimitteln zu entlasten und die therapeutischen Notwendigkeiten wieder stärker in den Vordergrund zu rücken. Davon geht Dr. Timm Volmer aus, Vorsitzender der Geschäftsführung von Wyeth Pharma. "Hersteller und Krankenkassen sollten die ökonomische Verantwortung tragen, die Ärzte die Verantwortung für den richtigen Einsatz", sagte Volmer bei einer Veranstaltung des Pharmaverbands vfa zum Arzneimittel-Atlas 2009 in Dortmund.

"Es gibt Regularien, die Ärzte davon abhalten, den Patienten die beste Qualität zu geben", kritisierte er. Das schlägt sich aus seiner Sicht etwa in der Zurückhaltung bei der Verordnung innovativer teurer Präparate nieder. Manche Arzneimittel müssten bei einigen Patienten möglichst früh eingesetzt werden, um therapeutische Erfolge zu erzielen, während andere mit den alten Substanzen gut versorgt würden. "Es kommt nicht so sehr auf die Substanz an, sondern auf den Patienten", sagte Volmer.

Direkte Verträge mit den Krankenkassen könnten eine Möglichkeit sein, die Patientenversorgung adäquater zu gestalten, glaubt er. "Wir müssen bei den Verträgen, die wir schließen, an vielen Stellen kreativer sein." Auch Martin Litsch, Vorstandsvorsitzender der AOK Westfalen-Lippe, würde es begrüßen, wenn Kassen und Unternehmen stärker als bisher direkt über die Arzneimittelversorgung verhandeln könnten. Dabei könne es auch um den zielgerichteten Einsatz von Innovationen gehen. "Es ist nicht richtig, dass wir auf Teufel komm 'raus den Einsatz teurer Arzneimittel vermeiden wollen. Wir wollen den richtigen Einsatz von Arzneimitteln", sagte Litsch. Nicht alles, was als Arzneimittel-Innovation daher komme, sei wirklich neu und vieles sei auch nicht sinnvoll. "Die Crux ist, dass wir uns schwer tun, Einigkeit herzustellen in der Bewertung der therapeutischen Wirksamkeit von Arzneimitteln."

Aus den im Arzneimittel-Atlas festgestellten regionalen Unterschieden bei der Verordnung neuer Arzneimittel dürfe man keine falschen Schlüsse ziehen, sagte Litsch. "Gibt der Anteil neuer Wirkstoffe irgendeinen Hinweis auf die Versorgungsqualität?" fragte er. Die Kassenärztlichen Vereinigungen müssten dafür sorgen, dass die Arzneimittelausgaben nicht zu stark ansteigen, schließlich drohten den Kollegen sonst wirtschaftliche Konsequenzen, sagte der Vorsitzende der KV Westfalen-Lippe Dr. Ulrich Thamer. "Wir achten als KV darauf, dass unsere Mitglieder nicht in einen Fortschrittsstrudel geraten und unkritisch werden." Das in Westfalen-Lippe praktizierte Konzept der Leitsubstanzen mit Quoten, die erreicht werden sollen, habe sich bewährt, sagte er. "Das lässt dem einzelnen Arzt Spielraum, auch andere Präparate zu verordnen."

Die über Leitsubstanzen oder die Pharmakotherapieberatung erzielten Einsparungen könnten genutzt werden, um die Verordnung von sinnvollen Innovationen wie Zytostatika zu ermöglichen, sagte Thamer. "Wir versuchen, in vernünftiger Weise zu sparen, ohne den Patienten etwas vorzuenthalten."

Patienten würden es aber immer wieder erleben, dass ihnen Therapien vorenthalten werden, sagte ein Vertreter der Parkinson-Vereinigung aus dem Publikum. Es sei nicht nachvollziehbar, dass neue Arzneimittel lange Zeit kritisiert werden, aber plötzlich als Standardtherapie gelten, wenn sie zum Generikum werden. "Dann soll man den Patienten doch ehrlich sagen: Wir können oder wollen uns die Arznei nicht leisten, anstatt sie zu verteufeln", forderte er. "Das würden Patienten verstehen."

Der Leiter der Berliner IGES-Instituts und Autor des Arzneimittel-Atlasses Professor Bertram Häussler verwies darauf, dass in KV-Regionen, in denen unterdurchschnittlich wenige neue Arzneimittel verordnet werden, die Verordnungzahlen nach Ende des Patentschutzes sehr stark nach oben gehen.

Auch er plädierte dafür, die Ärzte aus der ökonomischen Verantwortung für Arzneimittel zu nehmen. "Der Arzt ist nicht der Richtige, der diese Verantwortung zu tragen hat", sagte Häussler.

Arzneimittel-Atlas

Der zum vierten Mal veröffentlichte Arzneimittel-Atlas analysiert den Arzneiverbrauch in der GKV unter verschiedenen Blickwinkeln. So unterscheiden die Autoren des Berliner IGES-Instituts Komponenten, die Einfluss auf die Entwicklung des Umsatzes haben wie Verbrauch, Innovationen, Preis und Einsparungen. Gezeigt werden auch regionale Unterschiede.

Schreiben Sie einen Kommentar

Überschrift

Text
Weitere Beiträge aus diesem Themenbereich

Gefahr im Vekehr oder alles im grünen Bereich?

Patienten, die Cannabispräparate in Dauermedikation haben, dürfen am Straßenverkehr teilnehmen. Eine wissenschaftliche Debatte über ein erhöhtes Verkehrssicherheitsrisiko wurde noch nicht geführt. mehr »

Frau hat keinen Anspruch auf Schmerzensgeld

Hat eine Frau Anspruch auf Schmerzensgeld, wenn ein Arztfehler zu Impotenz des Mannes führt? Das OLG Hamm verneint – und gibt eine Begründung. mehr »

Tausende Pfleger ergreifen die Flucht

Großbritannien gehen die Pflegekräfte aus: Zu groß ist die Unzufriedenheit mit dem System. Sie zeigt sich zunehmend auch bei Patienten. mehr »