Ärzte Zeitung online, 22.01.2010

Das IQWiG braucht nicht nur einen anderen Chef, sondern auch eine neue Leitidee

Vorstand und Stiftungsrat des Instituts für Qualität und Wirtschaftlichkeit im Gesundheitswesen (IQWiG) haben am Freitag beschlossen, den Vertrag von Instituts-Leiter Professor Peter Sawicki nicht über August 2010 hinaus zu verlängern.

Von Florian Staeck

Das IQWiG braucht nicht nur einen anderen Chef, sondern auch eine neue Leitidee

Professor Peter Sawicki. © sbra / Ärzte Zeitung

Beide Leitungsgremien des Instituts teilten mit, man wolle ab 1. September 2010 mit einem neuen Leiter starten, "um die hervorragenden inhaltlichen Leistungen des Instituts nicht mit Diskussionen um ordnungsgemäße Verwaltungsabläufe zu belasten".

Mit der anstehenden Neubesetzung des IQWiG hat die schwarz-gelbe Koalition ein selbstgestecktes Ziel erreicht. Bereits vor der Bundestagswahl war der Unmut über das Kölner Institut immer lauter artikuliert worden. In einem unionsinternen Papier hatten Gesundheitspolitiker kurz nach der Bundestagswahl eine inhaltliche und personelle "Neuausrichtung" des Instituts gefordert. Im Koalitionsvertrag vereinbarten Union und FDP, die Arbeit des IQWiG unter dem "Gesichtspunkt stringenter, transparenter Verfahren zu überprüfen". Mit dem erzwungenen Abgang Sawickis ist der Weg dafür frei.

Gescheitert ist Sawicki nicht an Abrechnungsfehlern

Sawicki, der am 1. September 2004 zum Instituts-Leiter ernannt wurde, hat sich bei Aufbau und Entwicklung des IQWiG Verdienste erworben - gegen harte Widerstände aus Industrie und Verbänden. Zudem zeugt eine Unterschriftenliste für Sawicki von über 600 Ärzten und Fachleuten aus dem Gesundheitswesen davon, dass Teile der Ärzteschaft seinen Kurs teilen (wir berichteten).

Dessen ungeachtet kennzeichnet ein schweres Versäumnis die Ära Sawicki: Er hat das Institut in die Isolation geführt. Anders als ähnliche Institutionen in Nachbarländern konnte der Institutsleiter das IQWiG und die mit ihm verbundenen Ziele nie auf der politischen Bühne etablieren. In Großbritannien ist das National Institute for Health and Clinical Excellence (NICE) eine zwar streitbare, aber in Politik und Gesellschaft weit akzeptierte Einrichtung. Dies hat Sawicki in seiner mehr als fünfjährigen Amtszeit nicht geschafft. Daran - und nicht an fragwürdigen Tankquittungen für Rasenmäherbenzin und Leasingverträgen für Dienstwagen - ist er gescheitert.

Das Institut stehe für "den durch die Gesundheitsreform (von 2004, d. Red.) eingeleiteten Paradigmenwechsel", gab die frühere Gesundheitsministerin Ulla Schmidt (SPD) bei der Eröffnungsfeier des IQWiG Sawicki mit auf den Weg. Dieses de facto politische Mandat hat Sawicki zum Korpsgeist des Instituts ausgeformt - obwohl er einen politischen Auftrag nie hatte. Das IQWiG ist der wissenschaftlicher Zuarbeiter des Gemeinsamen Bundesausschusses (GBA). Mehr nicht.

Als Problem stellte sich heraus, dass Sawicki persönliche Denkhaltungen und professionelles Wirken als Institutsleiter oft nicht zu trennen vermochte. Misstrauen kennzeichnet seine Haltung der eigenen Profession gegenüber. Er selber habe große Angst vor Medizinern, gab Sawicki im Interview einmal zu Protokoll, weil er als Patient dem behandelnden Arzt "schutzlos ausgeliefert" sei.

Entsprechend ungestüm war der Auftakt seiner Institutsarbeit. Kaum im Amt und noch ohne einen Auftrag vom GBA, befand er Mitte November 2004, es gebe "keinen Nachweis, dass Sortis® (Atorvastatin) Herzinfarkte und Schlaganfälle besser verhindert als andere Statine". Es folge ein politischer Großkonflikt nach dem anderen, bei denen sich Institut, Arzneihersteller und Patientenverbände verbissene Scharmützel lieferten.

Auch Interventionen des Ministeriums halfen nicht

Die Vorwürfe variierten nur geringfügig: Mangelnde Transparenz beim Vorgehen, fehlende frühzeitige Einbindung der Akteure - kurz: ein Mangel an politischer Streitkultur.

Auf der medialen Klaviatur spielte der IQWiG-Chef derweil mit großer Bravour. Vor allem TV-Magazine wurden nicht müde, in zahllosen Varianten das "David-gegen-Goliath-Spiel" vorzuführen: Das kleine Institut in Köln-Kalk allein im Kampf gegen die großen Pharmabosse.

Aber auch gegenüber Patientenverbänden wählte Sawicki im Zweifelsfall den Degen statt des Floretts - und verbat etwa dem Diabetiker-Bund bei einer Anhörung im IQWiG eigene Tonbandaufnahmen.

Legendär gescheitert sind die Dialogversuche von Industrievertretern. Im Gefolge des Streits über kurzwirksame Insulinanaloga lud Hans-Werner Meier, damals Deutschland-Chef von Sanofi-Aventis, Sawicki zur Besichtigung von Produktionsanlagen nach Frankfurt ein. Ohne diplomatische Kümmernisse bekannte der IQWiG-Chef, dann hätte er den Pharma-Boss auch auf einen Friedhof mitnehmen müssen, "zu den Toten, die durch seine Versäumnisse entstanden" sind.

Die Flurschäden durch Sawickis Amtsverständnis verhärteten sich und brachen sich vor allem Bahn im Streit um die Methoden des Instituts. So gelang es etwa trotz mehrfacher Interventionen des Bundesgesundheitsministeriums nicht, einen Konsens bei der Methodik für eine Kosten-Nutzen-Bewertung herzustellen.

Nach drei Jahren verbissener Diskussionen, in denen eine Mehrheit der deutschen Gesundheitsökonomen sich wiederholt gegen das Vorgehen des IQWiG ausgesprochen hat, liegt nun eine Methodik vor. Der GBA hat noch im Dezember 2009 erste Aufträge für Bewertungen erteilt.

Doch diese Arbeit dürfte vorerst ruhen. Wer soll den Job übernehmen in einer personell auf Sawicki zugeschnittenen Einrichtung? Gesucht ist: Ein Kenner der evidenzbasierten Medizin, versiert in Gesundheitsökonomie, vernetzt ins politische Berlin. Vielen gilt das als Stellenbeschreibung für eine Mission impossible.

Lesen Sie dazu auch:
IQWiG-Chef Peter Sawicki muss den Stuhl räumen

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