Ärzte Zeitung, 16.02.2010

Generikabranche sucht Antidot gegen Heuschrecken

Vor dem Pharma-Gipfel mit Rösler: Herstellerverband will Abschaffung von Rabattverträgen und Entlastungen für die Vertragsärzte

BERLIN (HL). Der Herstellerverband Pro Generika fordert im Vorfeld des Pharmagipfels mit Bundesgesundheitsminister Philipp Rösler am Donnerstagabend die Abschaffung von Rabattverträgen und der fachgruppenspezifischen Richtgrößen für Ärzte.

Generikabranche sucht Antidot gegen Heuschrecken

Laut Positionspapier des Verbands Pro Generika soll es bei der Aut-idem-Regelung bleiben. © Daniel Fuhr / fotolia.com

Arzneiverordnungen der Ärzte sollten sich primär nach qualitativen Parametern ausrichten. Deshalb müssten Ärzte weitestgehend von der Verantwortung und Haftung für die Wirtschaftlichkeit ihrer Arzneiverordnungen freigestellt werden, heißt es in einem Positionspapier des Verbandes.

Danach sollen Ärzte über die Indikationstellung, den Wirkstoff und die Verordnung rationaler Mengen und Dosierungen bestimmen, die Auswahl des konkreten Arzneimittels aber dem Apotheker überlassen. Es bliebe somit bei der Aut-idem-Regelung. Als Vorgaben sollten Ärzte Negativlisten, Arzneimittelrichtlinien, evidenzbasierte Behandlungsleitlinien, DMP und Empfehlungen der medizinischen Fachgesellschaften beachten.

Eine wirtschaftliche Verantwortung würde Ärzte nur dann treffen, wenn sie die Wahl zwischen zwei therapeutisch gleichwertigen Behandlungsalternativen (Wirkstoffen) haben, die jedoch Kostenunterschiede aufweisen. Regresse sollten gegen Ärzte nur ausgesprochen werden, wenn sie dabei gegen das Effizienzgebot verstoßen.

Generell beibehalten werden sollten nach Auffasung von Pro Generika die Festbeträge - mit Modifikationen etwa für Biosimilars - die Zuzahlungsbefreiungsgrenze, der Herstellerabschlag und die Aut-idem-Regelung. Bei den Zuzahlungen sollte die Mindestzuzahlung von fünf Euro zugunsten einer durchgängigen zehnprozentigen Zuzahlung (maximal zehn Euro) entfallen.

Besonders kritisch setzt sich Pro Generika mit den Rabattverträgen auseinander. Sie werden als ruinös beschrieben, führten dazu, dass Hersteller teils unter Kosten anbieten und neuerdings sogar "Broker" und "Heuschrecken" am Markt agieren, die auf Spotmärkten Wirkstoffe kaufen und in den Wettbewerb um Rabattverträge einzutreten. Eine längerfristige und kontinuierliche Arzneimittelversorgung sei so nicht gewährleistet.

Nach wie vor sei nicht bekannt, welche Ersparnisse die Krankenkassen mit Rabattverträgen erzielen. Kolportiert werde ein Rückfluss von 310 Millionen Euro im zweiten Halbjahr 2008. Dem stünden jedoch höhere Transaktionskosten gegenüber: 650 Millionen Euro bei Apotheken (laut ABDA) und 220 Millionen bei den Ärzten (laut KBV). Complianceverluste sind dabei nicht eingerechnet.

Grundsätzlich fürchtet die Generika-Industrie um ihre Leistungsfähigkeit, die in Deutschland besonders ausgeprägt ist. Wachsende Bedeutung haben künftig Biosimilars, deren Entwicklung und Zulassung allerdings bis zu 200 Millionen Euro kostet. Sie sind aber von Bedeutung zur Kostenbegrenzung im wachsenden Markt der Biologicals.

Von den Gesamtausgaben der gesetzlichen Krankenkassen für Arzneimittel in Höhe von 28,6 Milliarden Euro (2009) entfielen knapp 8,1 Milliarden Euro auf Generika. Das ist ein Marktanteil von 28 Prozent. Dem steht jedoch ein mengenmäßiger Anteil von 62 Prozent (insgesamt 422 Millionen Packungseinheiten) gegenüber.

Auch ohne Rabattverträge herrscht im Generika-Segment intensiver Preiswettbewerb, wie sich am GKV-Arzneimittelindex des AOK-Instituts ablesen lässt: Danach sind Preise im Festbetragsmarkt von Januar 2007 bis Anfang 2009 um mehr als neun Prozent gesunken.

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