Ärzte Zeitung, 28.07.2010
Interview
"Statt versprochener Deregulierung neue Interventionen"
In Rekordzeit von neun Monaten hat es die Regierung aus CDU, CSU und FDP geschafft,
die gesundheitspolitischen Erwartungen ihrer Wähler nahezu restlos zu enttäuschen.
Statt Deregulierung mehr Hürden und Bürokratie. Mit Enttäuschung, aber schließlich
auch mit Pragmatismus reagieren Dr. Ulrich Eggert, General Manager der Astellas
Pharma, und Dr. med. Martin Marhoefer, Medical Director des Unternehmens, im Gespräch
mit der "Ärzte Zeitung".
Dr. Ulrich Eggert

© Schlüter
Aktuelle Position: Geschäftsführer der Astellas Pharma GmbH in München.
Werdegang/Ausbildung: Studium und Promotion im Bereich der Agrarwissenschaften
an der Christian- Albrecht-Universität in Kiel.
Karriere: Klinischer Pharmareferent beim Pharmakonzern Eli Lilly; danach
in verschiedenen leitenden Positionen in den Bereichen Produkt- management, Marktforschung,
Sales & Marketing sowie Business Development für namhafte Unternehmen der Pharmaindustrie;
ab dem Jahr 2000 zwei Jahre Vizepräsident des HAMLON Laboratoriums Beeher B.V. in
den Niederlanden; Wechsel nach Heidelberg zur Yamanouchi Pharma GmbH, ab 2003 Geschäftsführer;
seit der Fusion der japanischen Unternehmen Yamanouchi und Fujisawa zu Astellas
verantwortlich für das Deutschlandgeschäft des forschenden Arzneimittel- herstellers.
Ärzte Zeitung: Herr Dr. Eggert, wenn Sie auf die jüngsten Pläne der Regierung
zur Arzneimittelpolitik blicken - zweifeln Sie nicht daran, ob noch jemand in der
Regierung eine Antenne für die Pharmaindustrie hat?
Eggert: Ein bisschen schon. Wenn man sieht, dass sich die ganze Pharmapolitik
einzig und allein auf Preise innovativer Medikamente reduziert, dann ist das schon
enttäuschend für die forschenden Pharmaunternehmen. Der gesamte Bereich der Deregulierung
des Pharmamarktes, wie von der Koalition versprochen, ist in das Gegenteil gekippt.
Einerseits redet etwa auch Angela Merkel davon, Deutschland als Standort für die
Pharmaunternehmen zu erhalten, andererseits konzentrieren sich die Debatten auf
Arzneimittelpreise. Das ist nicht mehr nachzuvollziehen.
Ärzte Zeitung: Man hätte von einer liberal-konservativen Regierung wohl kaum
erwartet, dass sie in die freie Preisbildung bei Innovationen und in den Wettbewerb
eingreift …
Eggert: Das enttäuscht uns. Von dem, was im Koalitionspapier stand, ist nichts
umgesetzt worden. Die Wähler, die diese Koalition auch im Hinblick auf eine qualitätsorientierte
Gesundheitspolitik gewählt haben, müssen sich hintergangen fühlen.
Ärzte Zeitung: Nun sind die Arzneipreise auch vielen Ärzten ein Dorn im Auge.
Sie fürchten Regresse. Wie wollen Sie Ärzten die Angst nehmen?
Eggert: Die Angst können wir den Ärzten nicht nehmen. Die Politik hat aber
mit den Rabattverträgen ein Instrument geschaffen, mit dem sich Regresse verhindern
lassen. Wenn sich die Ärzte entsprechend informieren, können sie in diesen Therapiefeldern
relativ frei verschreiben, ohne Regresse fürchten zu müssen.
Ärzte Zeitung: Geht es nach der Kassenärztlichen Bundesvereinigung, dann sollen
Ärzte künftig nur noch Wirkstoffe verordnen. Für den Rest - und damit die Kosten
- sollen Apotheker, Kassen und Hersteller verantwortlich sein. Was halten Sie von
dieser Idee?
Eggert: Somit würden die in vielen Therapiebereichen jetzt schon sichtbaren
Probleme der eingeschränkten Austauschbarkeit, zum Beispiel bei Inhalationsarzneimitteln,
noch verstärkt, und die Ärzte würden ihre Therapiefreiheit weitgehend preisgeben.
Dagegen sollten sie sich wehren. Es darf nicht soweit kommen, dass man die Ärzte
durch Regress- und sonstige Drohungen dazu bringt, Arzneien zu verordnen, die sie
gegebenenfalls andernfalls nicht verordnet hätten.
Dr. med. Martin B. Marhoefer

© Schlüter
Aktuelle Position: Medizinischer Direktor und Mitglied der Geschäftsleitung
der Astellas Pharma GmbH in München.
Werdegang/Ausbildung: Medizinstudium in Perugia (Italien), Göttingen und
Frankfurt am Main; Promotion zum Dr. med. am Zentrum für Chirurgie der Goethe-Universität
in Frankfurt; klinische Ausbildung mit allgemein-medizinischem Schwerpunkt; MBA-Studium
(Master of Business Administration) an der University of Wales.
Karriere: verschiedene leitende Positionen in den Bereichen Medizin, Entwicklung,
Marketing und Business Development bei namhaften Unternehmen der Pharmaindustrie
und Biotechnologie in Deutschland, Österreich, Brasilien und den USA; seit 2005
bei Astellas verantwortlich für die Bereiche Klinische Forschung, Medizinische Information,
Arzneimittelzulassung und Arzneimittelsicherheit.
Ärzte Zeitung: Neben der Preisdiskussion gibt es ja auch noch die Zwangsrabatte.
Wie hart werden Sie davon getroffen?
Eggert: Das trifft alle forschenden Unternehmen gleichermaßen, und zwar dramatisch.
Auch wenn wir derzeit nicht daran denken, die Mitarbeiterzahlen zu reduzieren -
um diese Ausfälle zu kompensieren, werden Tochterunternehmen von Astellas in ganz
Europa beitragen müssen.
Ärzte Zeitung: Ab 2011 soll die Nutzenbewertung gesetzlich neu geregelt werden.
Per Schnellbewertung entscheidet dann der Gemeinsame Bundesausschuss, ob ein neues
Medikament als Innovation gilt oder in die Festbetragsgruppe eingereiht wird. Was
bedeutet das für ein Unternehmen wie Astellas, das stark auf Innovationen setzt?
Eggert: In der forschenden Pharmaindustrie wird sich niemand dagegen wehren,
seine Präparate einer Nutzenbewertung zu unterwerfen. Die Frage ist nur, wie das
gemacht wird. Das sogenannte Value Dossier, das wir künftig bei Einführung eines
Medikamentes vorlegen müssen und das seinen Nutzen erweisen soll, gab es in Deutschland
zwar bisher nicht. In Europa ist das aber nichts Neues. Natürlich werden wir uns
bemühen, exzellente Dossiers mitzugeben. Nur muss klar sein, was von uns gefordert
wird. Es ist zum Beispiel nicht geklärt, was der Maßstab, der Standard für ein neues
Präparat sein soll. Soll etwa gegen einen Vertreter der Festbetragsgruppe verglichen
werden? Unser Anspruch in der Forschung und Pharmaindustrie ist es, sich bei der
Entwicklung neuer Substanzen mit dem besten im Markt vorhandenen Produkt zu messen.
Marhoefer: Eine Schnellbewertung kann ja nur eine Nutzenprognose abgeben.
Denn aus den Daten von ein paar Tausend Patienten in einer Phase-III-Studie lässt
sich kein definitiver Nutzen ableiten. Wenn die Bewertung als Prognose gesehen wird,
dann kann man damit durchaus einverstanden sein. Und man könnte dann im Verlauf
der Markteinführung weitere Daten generieren.
Ärzte Zeitung: Nach der Anerkennung als Innovation muss für das jeweilige
Präparat über den Preis verhandelt werden. Partner ist dabei der Spitzenverband
Bund der Krankenkassen. Was halten Sie davon?
Eggert: Im Sinne des Wettbewerbs müssten die einzelnen Kassen Verhandlungspartner
sein. Der Prozess der Preisbildung wird generell von Außenstehenden etwas verkürzt
wahrgenommen. Man sitzt nicht im geschlossenen Raum und denkt sich einen beliebigen
Preis aus. Vielmehr orientiert man sich am innovativsten Präparat und berücksichtigt
die Preisbildung auf dem gesamten europäischen Markt. Meine Befürchtung ist, dass
neue Präparate überwiegend in Festbetragsgruppen eingruppiert werden, weil man hauptsächlich
Kosten reduzieren will. Das alles wird dramatische Folgen haben. Dennoch hoffen
wir alle auf eine faire und transparente Evaluierung unserer neuen Medikamente.
Wenn nicht, halte ich es nicht für ausgeschlossen, dass künftige Forschungsaktivitäten
von Deutschland mehr ins Ausland verlagert werden.
Ärzte Zeitung: Welche Präparate werden das Wachstum von Astellas in den nächsten
fünf Jahren treiben?
Corporate Social Responsibility (CSR)
CSR bedeutet nachhaltiges unternehmerisches Handeln in vier Dimensionen:
Wirtschaft: Fokus auf
Innovationen in Therapiebereichen, für die es noch
keine ausreichenden Lösungen gibt; fairer Wettbewerb.
Umwelt: Verantwortungsvoller Umgang mit Ressourcen; konkret: globaler Plan
zur Reduzierung der Treibhausgas-Emission um 35 bis 45 Prozent von 2005 bis 2020.
Mitarbeiter: Optimales Arbeitsumfeld, Programme zur Work Life Balance, langfristige
Mitarbeiterentwicklung.
Gesellschaft: Bildung wird als zentrale Voraussetzung für Teilhabe am gesellschaftlichen
Leben und Gesundheit gesehen. Konkret: Förderprojekt "Die Arche" in München
für sozial benachteiligte Kinder.
Eggert: Wir sind stark in den Bereichen Transplantationsmedizin, Urologie,
Dermatologie und Pneumologie. Wir haben hier vor, jährlich mindestens ein Produkt
einzuführen. Aber auch die Onkologie wird ein Bereich sein, in dem wir uns bewegen
werden. Für uns heißt das: Wir werden versuchen, First-Class-Präparate nicht nur
selbst zu entwickeln, sondern auch durch Lizenznahmen von Biotech-Unternehmen in
den Markt zu kommen.
Ärzte Zeitung: Eine solche Lizenznahme ist ein Schmerzpflaster auf Capsaicin-Basis
gegen neuropathische Schmerzen, das Sie im Herbst einführen (Qutenza™). Wie verläuft
der Einführungsprozess?
Marhoefer: Wir erweitern dadurch unser Portfolio im Bereich der Schmerztherapie.
Mit dem Produkt stellt Astellas ein neues und einzigartiges Schmerzpräparat bereit,
das als kutanes Pflaster zur lokalen Behandlung von peripheren neuropathischen Schmerz
angewendet wird. Das Schmerzpflaster wirkt schnell und dauerhaft bis zu 90 Tagen.
Deutschland ist das erste Land, in dem mit dieser Therapieform Klinikerfahrungen
gesammelt werden.
Wir gehen daher auch in der Einführung innovative Wege: Wir wollen zunächst eigene
Anwendungsexpertise aufbauen, bevor wir in die Breite des Marktes gehen. Seit März
erproben wir das Produkt im praktischen Einsatz in Zusammenarbeit mit ausgewählten
Zentren, ab Oktober machen wir das Pflaster für alle schmerztherapeutisch tätigen
Ärzte verfügbar.
Ärzte Zeitung: Was ist im Bereich der Onkologie geplant?
Marhoefer: Astellas wird in der Onkologie besonders expandieren. Wir planen
in den nächsten Jahren fünf bis sieben Markteinführungen. Schon jetzt sind wir in
diesem Bereich erfolgreich, so in der Indikation Prostatakrebs mit dem LHRH-Antagonisten
Eligard und dem Androgenrezeptor-Antagonisten MDV3100, mit dessen Einführung wir
in der zweiten Jahreshälfte 2012 rechnen. Durch die Akquisition von OSI haben wir
nun eine ganze Pipeline dazugekauft (Anm. d. Red.: Im Juni 2010 hat Astellas das
US-Biotech-Unternehmen OSI Pharmaceuticals für umgerechnet 3,12 Milliarden Euro
gekauft). Allerdings ist diese Pipeline noch nicht für Europa geöffnet. Daher können
wir hierzu noch keine konkreteren Aussagen machen.
Ärzte Zeitung: Astellas, das vor fünf Jahren aus der Fusion der Unternehmen
Fujisawa und Yamanouchi hervorgegangen ist, übernimmt auch gesellschaftliche Verantwortung
weit über das Kerngeschäft mit Arzneimitteln hinaus. Beispielsweise unterstützen
Sie den Förderverein Fistula, der sich in Äthiopien um Frauen mit Geburtsfisteln
kümmert. Was treibt sie dabei an?
Eggert: Gesellschaftliche Verantwortung zu übernehmen, ist integraler Bestandteil
unserer Unternehmensphilosophie. Unsere unternehmerische Leitidee lautet "Changing
tomorrow". Sie bringt zum Ausdruck, dass wir über die Entwicklung von wirklich
nützlichen Medikamenten und Therapien auch in weiteren Bereichen der gesellschaftlichen
Verantwortung einen aktiven Beitrag für eine lebenswerte Zukunft leisten wollen.
Vor allem auch dort, wo Hilfe besonders nötig ist: Beim Fistula-Projekt etwa unterstützen
wir den Verein dabei, sogenannte Health Worker auszubilden. Sie sollen präventiv
und helfend vor allem im Hinterland von Äthiopien tätig werden.
Ärzte Zeitung: Astellas engagiert sich auch in Deutschland, und zwar auf dem
Sektor der Bildung. Sie arbeiten dabei mit der Stiftung Bildungspakt Bayern zusammen.
Warum?
Eggert: Das ist mir besonders wichtig. Wenn Sie beruflich gezwungen waren,
mit Ihren Kindern nacheinander in vier Bundesländern zu leben, dann wissen Sie,
welche Anforderungen das deutsche Schulsystem an die Kinder stellt. Es ist einfacher,
seine Kinder von Deutschland aus in den USA auf eine Schule zu schicken (nur zurück
geht es dann nicht mehr), als nach einem Umzug von Hessen oder Nordrhein-Westfalen
nach Baden-Württemberg oder gar Bayern. Da gilt es, sich zu engagieren, um Kindern
gleiche Chancen in allen Bundesländern zu eröffnen.
Ärzte Zeitung: Ein Ausblick: Wo wird Astellas im Jahr 2015 stehen?
Eggert: Wir werden prosperieren, davon bin ich überzeugt. Ich bin ebenso
überzeugt, dass wir mit unseren Investitionen in den neuen Kategorien dorthin kommen
werden, wo wir heute schon im Bereich Transplantationsmedizin und Urologie stehen.
Woran wir intensiv arbeiten, ist, Employer of Choice zu werden, also ein Arbeitgeber,
zu dem man gerne kommt.
Das Interview führten Wolfgang van den Bergh, Dirk Einecke und Robert Bublak.
Astellas - Zahlen und Fakten
Sitz: Astellas Pharma GmbH in München
Aktuelle Geschäftszahlen: Astellas weltweit: 7,4 Mrd. Euro Umsatz, 1,4 Mrd.
Euro operatives Ergebnis; 1,3 Mrd. Euro für Forschung und Entwicklung; Astellas
Europa: 1,3 Mrd. Euro Umsatz; Astellas Deutschland: 240 Mio. Euro Umsatz (Zahlen
für 2009)
Mitarbeiter: Astellas weltweit: ca. 15 000; Deutschland: 370
Wichtigste Produkte:
• Transplantation: Prograf, Advagraf, Modigraf
• Urologie: Vesikur, Eligard, Omnic Ocas
• Dermatologie: Protopic, Alfason, Deflatop
• Pneumologie: Formotop, Budecort, Junic, Bronchoretard u. a.
• Antiinfektiva: Mycamine
•
Selbstmedikation: Vomex A, Venostasin u. a.
• Schmerztherapie: Qutenza (neu ab Okotber 2010)
Social Responsibility: Astellas Pharma unterstützt den Förderverein Fistula
e. V.; der Verein setzt sich für die Behandlung von Frauen in Äthiopien ein, die
nach Geburtstraumen unter Blasen-Scheiden-Fisteln leiden. Zudem beteiligt sich Astellas
am "Bildungswerk Bayern" und hilft dem Projekt "Arche" in München,
das sich um die Förderung sozial benachteiligter Kinder bemüht.

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