Ärzte Zeitung, 11.10.2010

KV Niedersachsen droht Ärzten mit Regresskeule

Weil die mit den Kassen vereinbarte Zielgröße für die Arzneimittelausgaben nicht eingehalten wird, verschickt die KV Niedersachsen Mahnschreiben.

KV Niedersachsen droht Ärzten mit Regresskeule

Die KV Niedersachsen zieht die "Notbremse" für Arzneimittelausgaben.

© Jan Haas / fotolia.com

HANNOVER (cben). Land unter im Nordwesten. Die KV Niedersachsen (KVN) fordert jeden Vertragsarzt im Land dazu auf, bis Ende des Jahres täglich 99 Euro bei den Verordnungen einzusparen. Der Grund: Die gesetzlichen Krankenkassen werden laut KVN-Hochrechnung 2010 voraussichtlich 2,82 Milliarden Euro für Arzneimittel ausgeben und damit 75 Millionen Euro mehr als zwischen der KV und Kassen vereinbart.

Nun ziehe die KVN die "Regress-Notbremse", wie es hieß. "Wenn wir im letzten Quartal des Jahres nicht auf die Ausgabenbremse treten, dann droht vielen der rund 13 200 Ärzten in Niedersachsen ein Arzneimittel-Regress", befürchtet KV Vize Dr. Volker Steitz. Die KVN verschickt daher in diesen Tagen an alle Kassenärzte in Niedersachsen einen Maßnahmenkatalog in die Praxen.

Er umfasst eine Reihe von allerdings längst bekannten Sparrezepten:

  • Wirkstoff statt Präparat verordnen.
  • Vermeiden von "Me-Too-Verordnungen."
  • Die Verordnung an sich prüfen und andere Maßnahmen oder billigere Präparate erwägen.
  • Keine Übernahme der Verordnungen aus dem Krankenhaus
  • Dauermedikationen prüfen.

Das Ausgabenvolumen für das Jahr 2010 war auf 2,745 Milliarden festgesetzt worden. Die Verantwortung für die Überschreitung sieht die KV bei den Herstellern: "Die Pharmaunternehmen halten ihre Gewinnmargen durch ihre Preispolitik hoch und die Versicherten und Ärzte müssen bluten. Ich fordere die Politik auf, dem Gewinnstreben Einhalt zu gebieten", sagt Steitz und kritisiert zugleich die Arzneimittelrichtgrößen als solche. Sinn und Zweck dieses Instruments sei zwar, die Arzneimittelausgaben zu begrenzen. Aber "dieses Instrument läuft ins Leere, da die Vorgaben in keiner einzigen Region Niedersachsens von Ärzten eingehalten werden können", erklärte Steitz.

Was auf den ersten Blick wie ein Ärzteversagen aussehe, sei das Resultat unrealistischer Vorgaben, hieß es. Die Höhe der Richtgrößen stehe in keinem Zusammenhang mit dem jeweiligen Bedarf an Arzneimitteln. "Die Arzneimittel-Richtgrößen müssen schnellstmöglich abgeschafft werden", fordert Steitz.

Die KV verschickt ihren Brandbrief verziert mit einer Grafik: der Silhouette einer Notbremse.

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KV Niedersachsen (643)
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Volker Steitz (38)
[13.10.2010, 22:38:20]
Gisbert W. Selke 
Möglichkeiten zur Kostensteuerung
Einen guten Hinweis zum sinnvollen Umgang mit Richtgrößenüberschreitungen in Niedersachsen findet der geneigte Leser in der Ärztezeitung vom 4. Oktober, "Verordnungskosten differieren je nach Region erheblich" (http://www.aerztezeitung.de/politik_gesellschaft/arzneimittelpolitik/default.aspx?sid=622130):
Verglichen mit der KV Westfalen-Lippe haben niedersächsische Äzte um rd. 10% teurer (je Arzneimittelpackung) verordnet. Bei einer Orientierung an den westfälischen Werten hätten in Niedersachsen also rd. 300 Mio. Euro eingespart werden können -- damit wäre eine Überschreitung um 75 Mio. Euro nie entstanden. Hinweise auf signifikante Morbiditätsunterschiede zwischen NDS und WL oder gar auf eine schlechtere oder mengenmäßig unzureichende Versorgung in WL sind mir zumindest nicht bekannt.
Mit der Ausgabensteuerung erst im letzten Quartal zu beginnen ist freilich problematisch. Wer mit voller Geschwindigkeit auf eine weithin sichtbare Wand zurast, muss sich nicht wundern, wenn er am Ende die Notbremse ziehen muss. Das ist nun allerdings nicht der Fehler der Wand (alias Richtgröße). zum Beitrag »

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