Freitag, 25. Mai 2012
Ärzte Zeitung, 17.10.2010

Geriater kritisieren Arzneimittelliste

"Priscus-Liste in der Praxis wenig hilfreich"

WIESBADEN (ner). Listen mit für alte Menschen ungeeigneten Arzneimitteln seien für die Praxis wenig hilfreich, kritisiert der Geriater Professor Heiner Berthold. Statt ungeeignete Medikamente zu definieren, solle man für bestimmte Mittel ungeeignete Patienten identifizieren.

Geriater kritisieren Arzneimittelliste

Arzneien für ältere Patienten: Geriater halten Ausschlusslisten für wenig praxisgeeignet.

© INSADCO / imago

"Wir Geriater stehen der Priscus-Liste sehr kritisch gegenüber", sagte der Experte von der Forschungsgruppe Geriatrie an der Charité Berlin. Die Priscus-Liste zählt 83 Substanzen auf, die für alte Patienten eher ungünstig sind. Diese und ähnliche Aufzählungen seien "Schwarz-Weiß-Listen", so Berthold beim Herbstsymposium der Deutschen Gesellschaft für Innere Medizin (DGIM) in Wiesbaden.

Ob solche Listen etwas bringen oder nicht, sollte in prospektiven Studien geprüft werden. Positivlisten mit für alte Patienten geeigneten Medikamenten seien besser geeignet. Das Problem der Multimorbidität und Multimedikation müsse von der Patientenseite her angegangen werden.

Der Geriater verwies auf die Berliner Altersstudie wonach das biologische Alter sehr heterogen ausfällt. Es gibt den vergleichsweise jungen, aber vorgealterten Patienten ebenso wie die fitten Alten.

"Wir Geriater empfehlen, sich verstärkt mit dem geriatrischen Assessment der Patienten zu befassen", sagte Berthold. Dazu gehörten außer medizinischen Aspekten auch die Mobilität, der Ernährungsstatus, die soziale Situation oder die kognitive Leistungsfähigkeit.

"Wenn wir uns zu sehr mit dem Arzneimittel befassen, denken wir immer nur an die chemische Funktion. Ein Arzneimittel muss erstmal an den Wirkort gelangen. Dazu sollte der Patient das Medikament zunächst aus der Blisterpackung heraus bekommen."

Kognitive Beeinträchtigungen schränken nach Bertholds Aussagen sehr häufig die Compliance stark ein. Bei mindestens jedem vierten über 90-Jährigen müsse mit Demenzerkrankungen gerechnet werden.

Des Weiteren fehle es an Leitlinien für die Arzneimitteltherapie im Alter. Hier bedürfe es verstärkter Forschungsanstrengungen, die der Komplexität der Thematik gerecht würden. Es sei Zeit, dass sich die Fachgesellschaften zusammensetzten und solche Leitlinien erstellten, so Berthold.

| Share

Schreiben Sie einen Kommentar

Überschrift

Text
Weitere Top-Meldungen

"Ärzte Zeitung" und AOK suchen einen Landarzt

"Landarzt gesucht" - unter diesem Motto suchen die "Ärzte Zeitung" und der AOK-Bundes­verband für die Gemeinde Woldegk in Mecklenburg einen neuen Hausarzt. Im Interview sprechen der AOK-Chef und der Chef von Springer Medizin über die Hintergründe. mehr »

Ärzte, vernetzt Euch!

Vom Deutschen Ärztetag soll ein Aufruf ausgehen für mehr vernetztes Arbeiten von Ärzten. Doch die Botschaft stieß nicht auf einhellige Begeisterung. Denn Kooperationen bergen auch das Risiko neuer Abhängigkeiten für Ärzte, warnten Delegierte. mehr »

Ein Jahr nach EHEC: "Viele Ärzte haben gar nicht gemeldet"

Viel wurden die Behörden während der EHEC-Epidemie gescholten. Doch auch an der Basis, bei den Ärzten, lief nicht alles rund. Im Interview zieht der Chef-Epidemiologe vom Robert Koch-Institut, Professor Gérard Krause, Lehren und spricht über selbst ernannte Experten. mehr »