Ärzte Zeitung online, 01.11.2010

Nutzenbewertung mit Beteiligung der Bürger?

Nicht erst seit dem AMNOG wird über die Nutzenbewertung gestritten. Bei einer Fachtagung in Berlin waren sich die Experten zumindest darin einig, dass die Bewertung wirklichkeitsnäher werden muss. Mögliches Rezept: ein Ältestenrat.

Von Anno Fricke

Nutzenbewertung mit Beteiligung der Bürger?

Hort der Nutzenbewertung: der Gemeinsame Bundesausschuss.

© dpa

BERLIN. Was ist Nutzen? Dieser Frage gingen Experten bei einer Veranstaltung der Deutschen Krebsgesellschaft in Berlin nach. Einigkeit herrschte in der Runde lediglich darüber, dass die Nutzenbewertung künftig näher an die Versorgungswirklichkeit heranrücken müsse.

Nur Wissenschaft zu betreiben, um Therapien aus dem Leistungskatalog der Kassen zu streichen, reiche nicht mehr, sagte Professor Matthias Schrappe vom Institut für Patientensicherheit. Eine Bürgerbeteiligung, möglicherweise über einen Ältestenrat, könne das Verfahren demokratisieren.

Zwar sprach keiner der an der Diskussion Beteiligten das Wort Rationierung offen aus. Es schwang aber bei vielen Äußerungen mit. Lediglich der Medizinethiker Professor Georg Marckmann von der Universität Tübingen wagte offen auszusprechen, dass das für die Medizin zur Verfügung stehende Geld begrenzt ist. "Geld, das für seltene und teure Therapien eingesetzt wird, fehlt an anderer Stelle", sagte Marckmann. Dies müsse Nutzenbewertung mit berücksichtigen.

Privatdozent Stefan Lange, Vize-Chef des IQWIG, argumentierte gegen die unendliche Ausweitung medizinischer Leistungen. Das Wirtschaftlichkeitsgebot im SGB V spreche von der Notwendigkeit einer Therapie. Es verlange also, dass Not gewendet werde. Er frage sich, so Lange, ob ein progressionsfreies Überleben eines Krebspatienten um sechs bis acht Wochen dessen Not wende.

Weitgehend einig war sich die Runde darin, dass Studien nur einen Ausschnitt der therapeutischen Wirklichkeit abbilden. "Der Nutzen ist nie vorhersehbar", sagte Professor Dirk Arnold vom Universitären Cancer Center Hamburg. Er forderte daher, die Evidenz randomisierter kontrollierter Studien immer durch die Versorgungsforschung mit überprüfen zu lassen.

Die Versorgungsforschung sei eine exakte Wissenschaft, die Auskunft über den Nutzen einer Therapie in der Versorgungswirklichkeit und sogar über den möglichen Schaden, den sie im Alltagseinsatz anrichte, geben könne, befanden die Fachleute.

"Das Arzneimittelneuordnungsgesetz wird zu einer Nutzendiskussion in der Onkologie führen", sagte Dr. Matthias Perleth vom Gemeinsamen Bundesausschuss. Er warnte vor einer Orphan Drug-Inflation. Selbst Volkskrankheiten würden selten, indem die daran Erkrankten in Subgruppen unterteile.

[21.11.2010, 12:04:28]
Uwe Schneider 
Breaking Bad
Das progressionsfreie Überleben eines Krebspatienten um 6-8 Wochen soll dessen Not nicht wenden, meint der IQWiG-Vize. Sollte medizinische Behandlung aber nicht schon dann gewährt werden, wenn sie die Not lindert? Und wann wird aus dieser Zeitspanne ein Jahr, wann werden daraus 3 Jahre geworden sein? Je nach Kassenlage? Egal wie lange, wenn es um Leben oder Tod geht, dann muss man damit rechnen, dass (jedenfalls manche) verzweifelte Patienten oder ihre Angehörigen "zur Not", wenn Sie keine anderen Geldmittel (mehr) haben, auf die schiefe Bahn geraten werden, um sich die weitere Behandlung leisten zu können. Das dürfte keine reine Fantasie von Filmautoren sein, sondern in der Natur des Menschen liegen. Wenn man schon die Leistungen der GKV, die ja (zu recht) auch einen Schutz des eigenen Vermögens und Einkommens vor den Behandlungskosten vorsieht, rationiert, dann sollte man wenigsten daran denken, die Grundsicherung für diejenigen ohne ausreichendes eigenes Vermögen und Einkommen zu erweitern. zum Beitrag »

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