Ärzte Zeitung online, 08.02.2011

Rabatt-Streit: Apotheker und Großhandel sind keine Freunde mehr

Zwischen Apothekern und dem pharmazeutischen Großhandel kriselt es. Der Grund ist das AMNOG, das auch von den Grossisten Sparmaßnahmen verlangt. Die Apotheker fürchten, dass die Einsparungen bis zu ihnen durchgedrückt werden. Nun behaken sich beide Seiten, teils mit Verschwörungstheorien.

Von Christoph Winnat

Rabatt-Streit: Apotheker und Großhandel sind keine Freunde mehr

Die wohnortnahe Apotheke: Die ABDA sieht sie durch das AMNOG gefährdet.

© anmaro / fotolia.com

NEU-ISENBURG. Jahrelang galt das Bekenntnis zur inhabergeführten Individualapotheke als das Mantra des Pharmagroßhandels. Wo immer sich eine öffentliche Gelegenheit bot, betonten die Chefs der Grossisten ihre Verbundenheit mit der Apothekerschaft.

Doch spätestens seit das AMNOG von den Zwischenhändlern einen Beitrag zur Kostendämpfung fordert, ist die Freundschaft empfindlich gestört.

Die Apotheker fürchten um die üppigen Rabatte, die ihnen der Marktpartner bislang gewährte, und seit neuestem warten sie sogar mit Verschwörungstheorien auf.

400 Millionen Euro - so sahen es die Koalitionspläne ursprünglich vor - sollte der Großhandel zur Prävention des drohenden Milliardendefizits der GKV dieses Jahr beisteuern.

Nach heftigem Aufschrei und dem einen oder anderen Wink mit einer Verfassungsklage erreichte die Branche in Berlin einen Kompromiss: 200 Millionen zahlt der Großhandel, 200 Millionen übernehmen die Apotheken durch Anhebung des GKV-Abschlags von 1,75 Euro auf 2,05 Euro.

Zähneknirschend hatten sich damit schließlich auch die Standesvertreter der Apotheker einverstanden erklärt. Wohl wissend, dass der Großhandel desto stärker nach umsatzstarken Kunden und Kooperationspartnern selektieren würde, je weniger ihm zu verteilen bleibt.

Die vom Apothekerdachverband ABDA zuvor gestartete Kampagne "Stoppt den Raubbau an der Apotheke", lief gleichwohl weiter.

Der drohende Verlust von Rabatten des Großhandels gefährde "die flächendeckende, wohnortnahe und sichere Arzneimittelversorgung", heißt es unter besagtem Claim auf der ABDA-Website.

Zudem wird befürchtet, die Grossisten könnten auch "die für den Handel vorgesehenen Sparmaßnahmen den Apotheken aufbürden".

Letztere Formulierung hat es in sich: Sie suggeriert Handlungsfreiheit, wo dem Handel gar nichts anderes übrig bleibt, wenn er seine Erträge stabil halten will.

Wie hoch genau die Rabatte sind, die per anno an die Apotheker fließen, ist nicht bekannt. Hinter vorgehaltener Hand heißt es rund drei Prozent vom Branchenumsatz.

Im Jahr 2010 setzte der Pharmazwischenhandel laut Marktforscher IMS Health 21,8 Milliarden Euro zu Grossopreisen um (plus 4,3 Prozent zu 2009).

Daraus ergäbe sich demnach ein Rabattvolumen von rund 650 Millionen Euro. Die ABDA selbst bezifferte die durch den Großhandelsabschlag drohenden Belastungen zu Beginn ihrer Kampagne gegen das AMNOG mit rund 500 Millionen Euro.

Wie dem auch genau sei: Hier schöpft der Gesetzgeber ab, ob 400 Millionen oder 200 Millionen - der Topf für die Apotheker wird damit zwangsläufig kleiner.

Unausgesprochen im Raum steht unterdessen der Verdacht, dass sich die Großhändler über Gebühr schadlos halten und die Verteilungsmasse um mehr als die vereinbarten 200 Millionen Euro kappen könnten.

Konkrete Hinweise darauf gibt es bislang zwar nicht. Doch immerhin sehen sich Koalitionspolitiker schon veranlasst, den Apothekern Beistand zu signalisieren.

So deutete etwa Bundesjustizministerin Sabine Leutheusser-Schnarrenberger (FDP) bei einem Apothekerkongress zu Monatsbeginn in München an, dem Großhandel auf die Finger schauen und darauf achten zu wollen, dass der seine Lasten nicht stärker auf die Apotheker abwälzt.

Auch der gesundheitspolitische Sprecher der Unions-Bundestagsfraktion, Jens Spahn, hat sich der Sache angenommen. Einem Bericht des Branchendienstes "apotheke adhoc" zufolge sagte Spahn bei einer Veranstaltung des Apothekerverbands Nordrhein: "Wir sind bereit, das Fass wieder aufzumachen".

Dann allerdings, heißt es in dem Bericht weiter, "werde man über die Großhandelsrabatte insgesamt reden müssen". Am Ende könnte für die Apotheker noch weniger übrig bleiben.

Während der Großhandelsverband Phagro die Anwürfe mit dem Hinweis kontert, die gesetzlich vorgesehenen Belastungen gar nicht an die Apotheker weitergeben zu können, da man schließlich gezwungen sei, den Abgabepreis pro Packung um 0,85 Prozent zu verbilligen, nimmt die Wut in der Apothekerschaft über die Rabatteinbußen weiter zu.

Seit kurzem kursiert sogar ein professionell gezeichneter Clip im Internet (bei YouTube unter: "Herr Axt, Maria und ihre Mutter"), der dem Großhandel unterstellt, mittels AMNOG "die Kontrolle über Apotheken und ihre Patienten an sich zu reißen".

In schönstem antikapitalistischem Expressionismus steckt sich dort ein Zigarre rauchender Herr eine Apotheke nach der anderen in die Tasche seines Nadelstreifenanzuges und wird immer dicker.

Am Ende sieht man ein weinendes Mädchen, dessen Tränen der Sprecher damit erklärt, dass "die Apotheke in ihrer Straße von Politik und Handelskonzernen gerade platt gemacht wird".

Bei der ABDA will man sich zu dem unfreiwillig komischen Clip nicht äußern: Zwar wird darin auch der bekannte Spruch "Stoppt den Raubbau an der Apotheke" im offiziellen Layout präsentiert.

Doch wollte man in Berlin weder bestätigen noch dementieren, den Streifen beauftragt und im Internet lanciert zu haben. Ein Verbandssprecher erklärte auf Anfrage lediglich, er könne "dazu nichts sagen".

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