Ärzte Zeitung online, 06.06.2011

Kassen installieren neue Kontrollpyramide

In Niedersachsen haben die Krankenkassen ein dreistufiges Kostendämpfungssystem durchgesetzt. Die Begründung ist bemerkenswert: Angesichts der vielen Rabattmedikamente sei das Einhalten des Budgets nicht das Verdienst der Ärzte.

Von Christian Beneker

Kassen installieren neue Kontrollpyramide

Vertragsärzte in Niedersachsen müssen unter anderem Zielwerte für zwölf Leitsubstanzen erreichen, um einer Richtgrößenprüfung zu entgehen.

© imago

HANNOVER. Trotz eingehaltener Obergrenzen bei den Arzneimitteln sind Niedersachsens Krankenkassen unzufrieden mit dem Verordnungsverhalten der Vertragsärzte im Nordwesten.

In den Verhandlungen zum Arzneimittel-Regionalpaket für 2011 haben sie deshalb ein neues dreistufiges Kostendämpfungssystem durchgesetzt.

Verzicht auf Richtgrößenprüfungen seit 2007

Seit 2007 verabredet die KV Niedersachsen (KVN) mit den Kassen den Verzicht auf Richtgrößenprüfungen, wenn die Verordnungen eine vereinbarte Ausgabenobergrenze nicht überschreiten. Der Handel funktionierte bisher.

Im Jahr 2009 beliefen sich die tatsächlichen Ausgaben für Arzneimittel auf 2,644 Milliarden Euro, die vereinbarte Obergrenze lag bei 2,664 Milliarden Euro. Die Heilmittelausgaben sollten 398 Millionen Euro nicht überschreiten und lagen bei 358 Millionen Euro.

Drei neue Wege

Die Kassen dringen nun auf eine neue Regelung, obwohl die alte erfolgreich war. Ab diesem Jahr gelten in Niedersachsen drei Wege, auf denen Ärzte Richtgrößenprüfungen ausweichen können. Erstens müssen die Gesamtausgaben bei den Arzneimitteln prozentual mindestens 0,1 Prozent unter dem Bundesschnitt liegen.

Gelingt dies, entfällt die Richtgrößenprüfung. Gelingt dies nicht, kann ein zweites Kriterium greifen: festgelegte Zielwerte für zwölf Leitsubstanzen in den jeweiligen Arzneimittelgruppen.

So müssen Vertragsärzte in Niedersachsen etwa unter den Calciumantagonisten gemessen an den verordneten DDD durchschnittlich zu 78,3 Prozent Amlodipin oder Nitrendipin verschreiben. Werden alle zwölf Quoten erreicht, entfallen die Prüfungen.

Versagen diese beiden Wege, kann der einzelne Arzt einen dritten gehen, um den Richtgrößenprüfungen zu entkommen - und zwar, indem er die zwölf Zielwerte individuell einlöst. So entgeht er der Prüfung selbst dann, wenn die zwölf Zielwerte im Landesschnitt nicht erfüllt werden.

Ersatzkassenverband kontra KVN

Carsten Göken, Referatsleiter bei beim Ersatzkassenverband Niedersachsen, begründete die Haltung der Kassen so: "Wir haben inzwischen eine unsichere Geschäftsgrundlage. Wenn die Ärzte wegen der vielen rabattierten Arzneimittel das Budget einhalten, so ist es nicht das Verdienst der Ärzte. Unser Interesse ist jedoch, auf das Verordnungsverhalten der Ärzte Einfluss zu nehmen."

Die KVN reagierte verschnupft auf Gökens Stellungnahme. "Wenn dem so wäre, dann brauchen wir keine Budgets mehr mit den Kassen zu verhandeln. Wir fordern schon seit Langem, dass die Kassen ihre Rabattverträge offen legen", erklärte KVN-Sprecher Detlef Haffke.

"Wenn die Ärzte das Verordnungsgeschehen noch positiver beeinflussen sollen, dann müssen sie die Preise der rabattierten Arzneimittel kennen."

Die Krankenkassen kennten weder die Auswirkungen der Rabattverträge auf das Gesamtvolumen, noch die des Arzneigesetzes AMNOG, so Haffke. "Also greifen die Kassen als Rettungsanker nach dem Bundesschnitt, um ihr Risiko grob im Rahmen zu halten."

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