Ärzte Zeitung online, 02.09.2011

AMNOG stoppt die zweite Innovation

In kurzer Zeit ist das zweite neue Arzneimittel an der frühen Nutzenbewertung gescheitert. Der Hersteller will es nicht auf den Markt bringen, weil er einen schlechten Erstattungsbetrag fürchtet.

AMNOG stoppt die zweite Innovation

Was darf ein Arzneimittel kosten? Der zweite Hersteller fürchtet, dass diese Frage mehr schlecht als recht für eines seiner Präparate beantwortet beantwortet wird.

© Sven Bähren / fotolia.com

INGELHEIM (brs). Boehringer Ingelheim und Lilly Pharma werden ihren DPP4-Hemmer Linagliptin (Trajenta®) zwar in Deutschland in Verkehr bringen, es den Patienten aber nicht zur Verfügung stellen.

Dem Antidiabetikum drohe ein Erstattungsbetrag, der dem Innovationscharakter nicht angemessen sei, so die Begründung der Unternehmen.

Man gehe davon aus, dass die Auswahl der Vergleichstherapie für Linagliptin und die Bewertung zu einer nicht ausreichenden Berücksichtigung des therapeutischen Nutzens und der positiven Eigenschaften des Wirkstoffs führen werden.

Die Unternehmen hätten sich gerne einem Vergleich mit den anderen Gliptinen gestellt, sagte eine Sprecherin von Boehringer Ingelheim.

Welche Medikation der Gemeinsame Bundesausschuss (GBA) als Vergleichstherapie stattdessen festgelegt hat, war allerdings nicht zu erfahren. Darüber hätten Lilly und Boehringer Stillschweigen vereinbart.

Trajenta wird, da weiter im Verkehr, jetzt das komplette Nutzenbewertungsverfahren gemäß AMNOG durchlaufen.

Mit der Entscheidung, es Patienten erst gar nicht zur Verfügung zu stellen, verzichteten die Unternehmen zwar auf Umsatz.

Gegenüber einer Marktrücknahme erst nach Abschluss des Prozesses habe die gewählte Option aber den Vorteil, dass keine Patienten auf das Produkt eingestellt würden, denen man es später vorenthalten müsse, erklärte die Sprecherin.

Auf jeden Fall lassen Boehringer und Lilly keinen Zweifel daran, dass sie am Ende des Prozesses einen aus ihrer Sicht unangemessen niedrigen Preis nicht akzeptieren würden.

"Wir können, wenn überhaupt, das neue Antidiabetikum in Deutschland erst zur Verfügung stellen, wenn mehr Transparenz bezüglich des Ausgangs des AMNOG-Prozesses besteht", so Boehringer-Deutschlandchef Dr. Engelbert Günster.

Enttäuscht äußerte er sich auch über die laufenden Gespräche auf Verbandsebene mit den Kostenträgern zur Umsetzung des AMNOG.

Diese deuteten darauf hin, "dass zurzeit keinerlei Bereitschaft erkennbar ist, Preise für medizinische Innovationen auch nur angemessen zu gestalten. Im Gegenteil: Es ist die Absicht zu erkennen, die Preise in Deutschland als hoch-industrialisiertem Land sogar noch unter dem europäischen Durchschnittspreis festlegen zu wollen".

Nach einem Bericht der "Frankfurter Allgemeinen Zeitung" konnten sich der GKV-Spitzenverband und die Industrie auch im dritten Anlauf nicht, über die Regularien für die anstehenden Preisvereinbarungen für Arzneimittel mit belegtem Zusatznutzen verständigen.

Hier dürfte wohl die Schiedsstelle angerufen werden. Linagliptin ist das erste zugelassene Produkt aus der seit Januar 2011 bestehenden Diabetes-Allianz zwischen Boehringer Ingelheim und Lilly.

Zunächst sah es danach aus, dass es durch das AMNOG entgegen pessimistischen Vorhersagen aus der Branche nicht zu Verzögerungen der Markteinführung von neuen Arzneimitteln kommen würde.

Das Gros der seit dem 1. Januar zugelassenen Präparate ist auch in die Apotheken gekommen, und die Hersteller haben pflichtgemäß ihre Nutzenbewertungsdossiers eingereicht.

Zum Schwur kam es aber bereits bei Rasilamlo®, der Blutdrucksenker-Fixkombination von Novartis. Der Hersteller hat das Arzneimittel zum 1. September außer Vertrieb gestellt.

Streitpunkt war auch hier die vom GBA festgelegte Vergleichstherapie. Es ist damit zu rechnen, dass weitere Unternehmen in vergleichbaren Fällen ebenfalls den Rückzug antreten werden.

[05.09.2011, 11:51:31]
Dr. Christof Rheinert 
ein schlechter Dienst (des AMNOG) am Wettbewerb!
in typisch deutscher Manier wird hier der Wettbewerb innovativer und in diesem Fall sinnvoller Neueinführungen durch monströse Bürokratiemechanismen behindert, die an der Sache völlig vorbeigehen. Wettbewerb und damit sinkende Preise (hier wären kartellrechtliche Werkzeuge zur Verhinderung von illegalen Preisabsprachen bei innovativen Neueinführungen sinnvoller) nutzen den Patienten und auch den Kostenträger jedenfalls mehr, wie die letzte Jahre gezeigt haben.  zum Beitrag »
[05.09.2011, 11:11:58]
Dr. Christof Rheinert 
ein schlechter Dienst (des AMNOG) am Wettbewerb!
in typisch deutscher Manier wird hier der Wettbewerb innovativer und in diesem Fall sinnvoller Neueinführungen durch monströse Bürokratiemechanismen behindert, die an der Sache völlig vorbeigehen. Wettbewerb und damit sinkende Preise (hier wären kartellrechtliche Werkzeuge zur Verhinderung von illegalen Preisabsprachen bei innovativen Neueinführungen sinnvoller) nutzen den Patienten und auch den Kostenträger jedenfalls mehr, wie die letzte Jahre gezeigt haben.  zum Beitrag »

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