Ärzte Zeitung online, 11.09.2011

Interview

Kassen erwarten deutliche Einsparungen bei Arzneimitteln

Eine Zeitenwende steht bevor: Erstmals sollen Krankenkassen und Hersteller auf breiter Front über die Preise neuer Mittel verhandeln. Doch die Vorbereitungen sind wegen Differenzen ins Stocken geraten. Der Vizechef des Verbands der Gesetzlichen Kassen, Dr. Johann-Magnus von Stackelberg, hofft dennoch auf spürbare Einsparungen zugunsten der Beitragszahler.

Zeitenwende: Kassen erwarten deutliche Einsparungen bei Arzneimitteln

GKV-Vizechef Dr. Johann-Magnus von Stackelberg. Bild: GKV

© dpa

dpa: Die Arzneiausgaben sanken im ersten Halbjahr um 6,3 Prozent - welches Ergebnis erwarten Sie fürs gesamte Jahr?

Johann-Magnus von Stackelberg: Ich gehe derzeit davon aus, dass die Arzneimittelausgaben auch im Gesamtjahr rückläufig sind. Weil bereits ab dem 1. Juli 2010 der zusätzliche Herstellerrabatt galt, wird der Rückgang auf das ganze Jahr gerechnet aber deutlich geringer ausfallen.

Als der mit Abstand bedeutendste "Großkunde" bekommen die Krankenkassen derzeit einen gesetzlichen Garantierabatt von 16 Prozent - allerdings soll der im Sommer 2012 wieder auf 6 Prozent gesenkt werden.

Und schon jetzt macht die Pharmaindustrie Druck auf die Politik, um den Rabatt noch früher wieder zu senken, damit deren Gewinne wieder steigen können. Umgekehrt wird ein Schuh daraus: Überall bekommen Großkunden angemessene Preisnachlässe, bloß bei den Krankenkassen soll das nicht so sein? Richtig wäre es, den Rabatt von mindestens 16 Prozent dauerhaft festzuschreiben.

dpa: Ab kommendem Jahr sollen Sie laut Gesetz mit der Pharmaindustrie über die Preise neuer Medikamente verhandeln - auf der Basis von Analysen des Nutzens dieser Mittel. Noch sind Sie sich mit der Industrie aber nicht mal über die Kriterien für die Verhandlungen einig geworden. Kann es dann trotzdem damit losgehen?

Stackelberg: Die konkreten Verhandlungen beginnen im Januar 2012. Bis heute wurden bereits für 20 neue Arzneimittel die Nutzen-Dossiers der Hersteller eingereicht. Das zeugt von der Dynamik des Arzneimittelmarkts und macht mir Hoffnung, dass durch die künftigen Verhandlungen wirklich Geld eingespart werden kann.

Bei den Verhandlungen wird unser Fokus auf der guten und möglichst preiswerten Versorgung der Patienten liegen. Für faire Verhandlungen brauchen wir faire Spielregeln. Darüber sprechen wir seit einiger Zeit mit den Pharmaverbänden. Auf mehrere Punkte haben wir uns auch bereits geeinigt.

Es gibt aber noch ein paar echte Knackpunkte, wie die Frage, mit welchen anderen Ländern in Europa die Preise verglichen werden sollen. Dazu setzen wir uns im Oktober noch einmal zusammen.

dpa: Besteht das Risiko, dass sich wie einst beim Schmerzmittel Vioxx oder dem Cholesterinsenker Lipobay weiter neue Arzneimittel am Markt etablieren, bevor mögliche Gesundheitsrisiken erkennbar sind?

Stackelberg: Die Zulassung von neuen Arzneimitteln ist bei dem Bundesinstitut für Arzneimittel und Medizinprodukte und den anderen damit befassten Institutionen in guten Händen. Daran hat sich nichts geändert.

Zulassungsstudien können sich immer nur auf eine im Vergleich zu den späteren Nutzern meist relativ kleine Gruppe von Patienten beziehen. Deshalb kann man nicht ausschließen, dass auch künftig etwa besonders seltene aber gravierende Nebenwirkungen erst später festgestellt werden.

Die neue Nutzenbewertung macht deutlich, welches Arzneimittel von vornherein nur so tut, als ob es für die Versorgung besser ist, oder ob es kranken Menschen tatsächlich besser hilft. Die Wahrscheinlichkeit, dass ein neues Medikament auf den Markt kommt, das vermeintlich für besser gehalten wird, aber das Risiko noch unbekannter Nebenwirkungen enthält, wird durch die Nutzenbewertung sinken.

Das Interview führte Basil Wegener, dpa

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