Ärzte Zeitung online, 20.09.2011

Hermann erteilt ABDA-KBV-Konzept eine Absage

"In der Sache nicht umsetzbar" und ein "Bankrott der verfassten Ärzteschaft" - Dr. Christopher Hermann, Vizechef der AOK Baden-Württemberg, macht keinen Hehl daraus, was er vom ABDA-KBV-Konzept hält. Ein Modellprojekt zur Wirkstoffverordnung sei gegen Rabattverträge nicht zu realisieren.

Hermann erteilt ABDA-KBV-Konzept eine Absage

Hermann: "Das ist mir unbegreiflich."

© AOK Baden-Württemberg

STUTTGART (cw/af). Als "Alternative zu Rabattverträgen" will Bundesgesundheitsminister Daniel Bahr (FDP) das Modellvorhaben "zur Verbesserung der Qualität und Wirtschaftlichkeit der Arzneimittelversorgung" verstanden wissen, das jetzt per Änderungsantrag Eingang ins Versorgungsstrukturgesetz finden soll.

Doch gerade die Rabattverträge dürften sich als stärkster Hemmschuh für ein solches Modellprojekt erweisen. Denn "Rabattverträge können nicht außer Kraft gesetzt werden", erklärt Dr. Christopher Hermann, Vize der Südwest-AOK, der für die AOKen seit Jahren Ausschreibungen auflegt.

Rabattverträge seien nach Vergaberecht europaweit ausgeschrieben und abgeschlossen. Die Pharmaunternehmen, die Zuschläge erhielten, hätten einen Anspruch darauf, "dass die Verträge in vollem Umfang erfüllt werden".

"Ärzte wollen Therapiehoheit aufgeben"

Eine etwaige Vereinbarung eines Modellvorhabens oder auch ein Schiedsstellenbeschluss darüber zöge unweigerlich Schadensersatzforderungen nach sich.

Darüber hinaus bezeichnet Hermann das ABDA-KBV-Konzept als "Bankrott der verfassten Ärzteschaft". Er könne sich der Kritik des Hausärzteverbands nur anschließen.

Dessen Bundesvorsitzender Ulrich Weigeldt hatte die Wirkstoffverordnung kürzlich als Kompetenzverlust für die Verordner und "Apothekenförderprogramm" bezeichnet.

Hermann: "Die Kassenärzteschaft ist offenbar gewillt, die Therapiehoheit am Counter der Apotheke abzugeben. Das ist mir unbegreiflich".

ABDA und KBV wollen einsparen

Im April hatten ABDA und KBV ihr "Zukunftskonzept Arzneimittelversorgung" erstmals ausführlich der Öffentlichkeit vorgestellt.

Der Änderungsantrag der Regierungskoalition zum Versorgungsstrukturgesetz greift diesen Vorschlag in Grundzügen auf.

Demnach sollen sich Ärzteschaft, Apotheker und Krankenkassen in einer KV-Region auf einen Wirkstoff-Katalog einigen, Ärzte dann nur noch Wirkstoffe verordnen, die Apotheker die Produktauswahl treffen.

Davon erhoffen sich ABDA und KBV Effekte zu Gunsten der Therapietreue sowie direkte und indirekte Einsparungen bei den Arzneimittelausgaben.

Schlenker: Dirigistische Gesundheitspolitik

Genau das zweifelt Barmer GEK-Vize Dr. Rolf-Ulrich Schlenker an. "Es ist nicht glaubhaft, dass Arzt und Apotheker sich zusammensetzen, um zu einer günstigeren Medikation zu gelangen", sagte er am Mittwoch in Berlin.

Bei dem Projekt handele es sich nicht um ambitionierte Versorgungsgesetzgebung, sondern um den befürchteten Rollback zu einer interessengeleiteten und dirigistischen Gesundheitspolitik, ging er den liberalen Gesundheitsminister an.

Kritik kommt auch aus dem Lager der Arzneimittelhersteller. "Medikationskataloge und Listenmedizin" lehne der Verband Pro Generika klar ab, kommentierte dessen Geschäftsführer Bork Bretthauer das Vorhaben

 Die Therapietreue von multimorbiden Patienten zu verbessern, die fünf und mehr Medikamente einnehmen sollen, hält Bretthauer für begrüßenswert, den Lösungsvorschlag von ABDA und KBV jedoch für falsch.

"Nur eine auf den einzelnen Patienten abgestimmte, individuelle Beratung kann die Therapietreue verbessern. Dafür braucht es aber gerade die ärztliche Therapiefreiheit und keine pauschale Listenmedizin", so Bretthauer.

[21.09.2011, 13:08:37]
Dr. Karlheinz Bayer 
Das ist Hermann unbegreiflich ...

... unbegreiflich, daß es Ärzte gibt, die lieber einen Wirkstoff aufs Rezept schreiben wollen als eine Firma, die der AOK des Herrn Hermann Rabatte einräumt?
... unbegreiflich, daß es Ärzte gibt, die Bedenken haben, tatsächliche teurerer Medikamente zu verordnen, nur weil die Firmen, die dahinter stehen Geschäfte mit der AOK des Herrn Hermann machen?
... unbegreiflich, weil die AOK des Herrn Hermann immer noch nicht sagen will, wie hoch die Rabatte tatsächlich sind?
... unbegreiflich weil der Hausärzteverband (des Herrn Hermann?) praktisch nirgendwo sonst, als in dem Bundesland des Herrn Hermann so viele Hausarztverträge abgeschlossen hat?
... oder nur deswegen unbegreiflich, weil ein transparentes System entstehen könnte?

Unbegreiflich, das alles.

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[21.09.2011, 12:04:00]
Dr. Jürgen Schmidt 
Verschlungene Wege
Über die Beweggründe der vom AOK-Chef Herrmann gescholtenen "verfassten Ärzteschaft", dem Willen des Gesetzgebers zu folgen und einen solchen Vertrag auszuhandeln, muss man nicht lange rätseln.

Es geht für die Ärzteschaft um den Druck der Arzneimittelregresse, den die KBV in gleichem Zuge wegverhandeln wollte. Da dies nicht zu gelingen scheint, gibt es keinen Grund an der Sache festzuhalten.

Ob nun der AOK-Chef zum Scheitern indirekte Schützenhilfe leistet, indem er rechtliche Gesichtspunkte der Umsetzung in den Vordergrund stellt, die eine Realisierung verhindern, oder das Vorhaben tatsächlich mit einem Modellversuch ad absurdum gebracht werden muss, ist eine müßige Betrachtung.

Die Berufspolitik geht manchmal verschlungene Wege, Lorbeeren sind aus der Defensive selten zu gewinnen. Sich zu beteiligen, ist für die KBV einfacher, als eine Verweigerungshaltung einzunehmen, die zur Ersatzvornahme des Gesetzgebers heraus fordert. zum Beitrag »
[20.09.2011, 21:52:59]
Dr. Detlef Weidemann 
Steht der Patient im Mittelpunkt?
Unseren -Arzt und Apotheker- gemeinsamen Patienten ist sicher durch Partnerschaft der Heilberufe am besten geholfen.
Wie weit Rabattverträge unseren Patienten schaden, indem sie die compliance beschädigen, ist gerade nach der neuesten Bertelsmann-Studie eine wichtige Frage.
Darüber hilft auch nicht die Polemik des Dr. Hermann hinweg. Wer gefährdet eigentlich die Therapiehoheit der Ärzte? Ein partnerschaftliches Zusammenwirken zweier Heilberufe oder das Diktat von Krankenkassenfunktionären, die in ihrem ganzen Leben noch nicht einen Patienten versorgt haben, aber eben diesem per Vertrag vorschreiben, was er zu "schlucken" hat? zum Beitrag »
[20.09.2011, 21:45:56]
Dr. Thomas Georg Schätzler 
Wir können alles. Außer Hochdeutsch...
wirbt Baden-Württemberg. Ja, die können Hausarztverträge, integrierte Versorgung, Arzneiversorgung mit Augenmaß, einen Regierungswechsel, Weinbau, gutes Essen, Autos und sogar "AOK". Denn auch wenn es mir vielleicht schwerfällt, ich muss Herrn Dr. Christopher Hermann, Vizechef der AOK Baden-Württemberg, Recht geben: KBV und ABDA haben da mit dem "Modellprojekt Wirkstoffkatalog" ein "hässliches Entlein" ausgebrütet. Von dem wissen sie selbst nicht, ob es doch eine "Positivliste" oder ein "Medikamentenkatalog" ist.
.
Ich staune wie der ungläubige Thomas, wenn ich höre: Mit dem Projekt "soll vor allem die mangelnde Compliance von Patienten, die mehr als fünf Wirkstoffe einnehmen müssen, verbessert werden." Lieber federführender KBV-Kollege Müller, da Sie schon längere Zeit keine Rezepte mehr ausgestellt haben, nehmen wir doch mal Ramipril/HCT, Metoprolol, Simvastatin, Amlodipin und ASS 100. Bei diesen 6 Wirkstoffen in 5 Packungen, vom Arzt "blanco" (?) verordnet, wählt der Apotheker die zugehörigen Präparate aus. Für den Patienten sind das bis zu z w a n z i g (20) verschiedene Verpackungen, Logos, Tablettenformen und –farben, Herstellernamen, Reimporte, Distributoren aus EU-Ländern in 4 Quartalen eines einzelnen Jahres. Da haben sich Rabattverträge, Listenpreise, Angebote des Pharmagroßhandels, Vertriebswege, Marktverfügbarkeit ständig verändert, so dass der Apotheker für Stetigkeit und Achtsamkeit in seiner "Beratung" gar keine Zeit mehr hat.

Die Compliance der Patienten wird mit diesem von Ihnen im Elfenbeinturm von KBV und ABDA ausgeheckten „Wirkstoffkatalog-Modell“ fürs Versorgungsstrukturgesetz ad absurdum geführt. Sie entwickeln damit eine zusätzliche Krankheit, wo wir Hausärztinnen und Hausärzte u. a. mit AOK-Verträgen, DMP's und integrierter Versorgung doch die bestehenden Erkrankungen unserer Patienten zu heilen versuchen.

Mf+kG, Dr. med. Thomas G. Schätzler, FAfAM Dortmund

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