Ärzte Zeitung, 06.10.2011

Politischer Rückenwind für ABDA-KBV-Modell

DÜSSELDORF/BERLIN (run/HL). Kernthema des diesjährigen Apothekertags in Düsseldorf ist die strukturierte Zusammenarbeit von Apothekern und Ärzten im Rahmen des ABDA-KBV-Modells. Deutliche positive Signale dazu kamen auch von Seiten der Politik bei der Eröffnung der Tagung.

"Die Koalition ist bereit, den Weg für ein Modell des ABDA-KBV-Konzepts frei zu machen", betonte Annette Widmann-Mauz in ihrer Rede zur Eröffnung des Apothekertages. Es sei ein im positiven Sinne bemerkenswertes Konzept.

Gerade Hausärzte profitierten von der geplanten Zusammenarbeit, sagte die Parlamentarische Staatssekretärin im BMG mit Blick auf die zum Teil heftige Kritik von Seiten des Hausärzteverbands.

Die Compliance bei Patienten mit Plymedikation verbessern

Zur Erinnerung: Das Modell sieht zum einen das Erstellen eines Medikationskatalogs vor und eine Wirkstoffverordnung durch den Arzt. Der Apotheker wählt dann das Arzneimittel.

Durch die gemeinsame Patientenbetreuung inklusive Medikationscheck soll bei Patienten mit Polymedikation die Compliance verbessert werden.

Widmann-Mauz appellierte an Ärzte und Apotheker: "Beweisen Sie uns, dass das Modell funktioniert! Nur dann kann das Programm zur Regelversorgung werden."

Auf das Instrument der Rabattverträge werde dabei aber auf keinen Fall verzichtet.

Weigeldt: Keine Chance dem Modell

Hausärzte-Chef Ulrich Weigeldt sieht hingegen keine Chance, dass dieses Modell auch nur in einer einzigen Modellregion realisiert wird. Die Hausärzte in den KV-Vorständen hätten sich dagegen ausgesprochen. Dem Apotheker fehlten wichtige Informationen über Diagnosen und Indikationen.

Sensible Daten der Patienten dürften nicht ins System gestreut werden. Nur der Arzt kenne das gesamte Krankheitsbild, Unverträglichkeiten und familiäre Hintergründe. Weigeldt bezweifelt, dass ein Patient dies mit einer PTA in einem öffentlichen Verkaufsraum besprechen möchte.

[06.10.2011, 20:09:44]
Dr. Thomas Georg Schätzler 
ABDA, KBV, BMG - Wir machen den Weg frei?
Die Parlamentarische Staatssekretärin im BMG, Annette Widmann-Mauz, dachte vermutlich an 'Wir machen den Weg frei' der Volksbanken & Raiffeisenkassen, als sie von "den Weg für ein Modell des ABDA-KBV-Konzepts frei zu machen" sprach. Aber ich befürchte, für die Erkenntnis der Mängel und inhaltlichen Schwächen dieses Konzeptes reichen ihre politik- und rechtswissenschaftlichen Kenntnisse einfach nicht aus.

Denn die Granden von ABDA und KBV haben eine weltfremde Sandkastenstrategie aufgebaut, die in der ersten Etappe ihrer Realitätsoffensive in sich zusammenbrechen wird. Erstellen eines Verordnungsplans gehört zu jedem Krankenhaus-Entlassungsbrief und zu jedem fach- und hausärztlichen Rüstzeug. Abstimmung und Ausschluss von Interaktionen und Nebenwirkungen werden bereits in der klinischen Pharmakologie-Ausbildung gelehrt bzw. in Ärzte-Pflicht-Fortbildungen das ganze Berufsleben lang vertieft. (Wie sieht's da eigentlich mit den Fortbildungspunkten und der Qualitätssicherung bei den Apotheken aus?)

Doch kaum will der GKV-Patient das ärztliche Rezept als KV-Muster 16 in der Apotheke seiner Wahl einlösen, geht es schon los: Die papiergestützte Verordnung wird dort digital eingelesen, aber ihm im Online-Zeitalter weggenommen; Kopie? - Fehlanzeige: Da standen Präparatenamen drauf, Dosierungen und Einnahmeregeln. Der Patient hat keine Kontrolle mehr, ob die Auslieferung korrekt war, die Anwendungsregeln entsprechend mitgeteilt wurden. Er/sie stehen u. U. mit einer ihm fremden Verpackung und einem ungewohnten Arzneinamen da; griechisch-spanisch-italienisch-portugiesische Texte bei (Re-)Importware womöglich notdürftig überklebt.

Und dann kommen seit April 2011 ABDA und KBV mit ihrem "Zukunftskonzept Arzneimittel-versorgung" aus dem Quark. Nannten es wahlweise "Modellprojekt Wirkstoffkatalog", "Medikationskatalog" oder "Weiterentwicklung des Konzeptes der Leitsubstanzen". Der ahnungslose BMG Daniel Bahr (FDP) bezeichnete das Modellvorhaben gar als "Alternative zu Rabattverträgen"; frei nach H. Grönemeyers "Bleibt Alles Anders"?

Dem GKV-Patienten, der z. B. Ramipril/HCT, Metoprolol, Simvastatin, Amlodipin und ASS 100 vom Arzt 'blanco' verordnet bekäme, würde der Apotheker nach Marktlage bis zu z w a n z i g (20) verschiedene Verpackungen, Logos, Tablettenformen und –farben, Herstellernamen oder Reimporte aus EU-Ländern in einem e i n z i g e n Jahr austeilen. Unser rezeptferner KBV-Vorstand dachte allen Ernstes, "bei dem Modell soll vor allem die mangelnde Compliance von Patienten, die mehr als fünf Wirkstoffe einnehmen müssen, verbessert werden".

Verehrte Frau Widmann-Mauz, ABDA und KBV, wir Ärztinnen und Ärzte haben Arbeit und Mühe, bestehende Erkrankungen unserer Patienten zu therapieren. Wir brauchen kein Modellprojekt als zusätzliche Krankheit. Geben Sie doch einfach das vom Apotheker belieferte ärztliche "Kassenrezept" dem Patienten als Papierbeleg zurück!

Mf+kG, Dr. med. Thomas G. Schätzler, FAfAM Dortmund

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