Ärzte Zeitung online, 23.11.2011

Ärzte und Bürger voller Zukunftsangst

BERLIN (HL). Die Ärzte und die Bürger in Deutschland sind in tiefer Sorge, dass das Gesundheits- und Pflegesystem unzureichend auf den demografischen Wandel vorbereitet ist. 82 Prozent der Befragten beklagen, dass die Politik der alternden Gesellschaft keine ausreichende Bedeutung beimisst.

Gesundheitssystem: Ärzte und Bürger plagt Zukunftsangst

In Zukunft noch gut versorgt? Das bezweifeln Ärzte und Bevölkerung gleichermaßen.

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Das sind Ergebnisse des sechsten MLP-Gesundheitsreports, der gemeinsam mit der Bundesärztekammer und dem Institut für Demoskopie Allensbach am 23. November in Berlin vorgestellt worden ist.

Angesichts der nun zwei Jahre andauernde Untätigkeit der Koalition in Sachen Pflegereform sind die Umfrageergebnisse eine schallende Ohrfeige für das FDP-geführte Bundesgesundheitsministerium.

Montgomery: Mehr Mut zu Reformen lautet die Botschaft

Dazu Frank Ulrich Montgomery, der Präsident der Bundesärztekammer: "Mehr Mut zu Reformen lautet die Kernbotschaft in dem Report. Die Politik täte gut daran, dieser Aufforderung zu folgen."

Aus der Ärzteumfrage - 522 Mediziner aus Praxis und Klinik - geht hervor, dass die Ärzte klare gesundheitspolitische Prioritäten wollen: 86 Prozent plädierten für mehr Prävention und Gesundheitsförderung, 89 Prozent für den Ausbau von Pflegeeinrichtungen, 86 Prozent für mehr eigene geriatrische Fortbildung und 84 Prozent für den Ausbau geriatrischer Forschung, um neue Therapien und Medikamente gegen Alterskrankheiten zu entwickeln.

Ärzte und Bürger voller Zukunftsangst

64 Prozent sind für den Ausbau einer ambulanten spezialärztlichen Versorgung. Mehr Geld - also eine Erhöhung der GKV-Beitragssätze - halten die Ärzte mit 42 Prozent eher für zweitrangig.

Gemeinsame Furcht: Gesundheitssystem nicht ausreichend für alternde Gesellschaft gerüstet

Die Sorge der Ärzte, dass das Gesundheitssystem unzureichend für eine alternde Gesellschaft gerüstet ist, wird von der Bevölkerung in vollem Umfang geteilt. 75 Prozent glauben, es werde schwieriger, die Versorgung Pflegebedürftiger sicherzustellen.

73 Prozent meinen, es werde schwieriger, einen Pflegeheimplatz zu erhalten. 73 Prozent fordern, dass Ärzte mehr Patientenbesuche zu Hause oder im Heim machen.

61 Prozent fürchten immer vollere Arztpraxen und Probleme, einen Termin zu bekommen. Mit 80 Prozent am ausgeprägtesten ist die Erwartung, dass die Kassenbeiträge steigen werden.

Jeder Zweite hat Furcht, dass teure Therapien bei älteren Menschen aus Kostengründen nicht mehr gemacht werden.

Hoffnung auf neue Medikamente gegen Alterskrankheiten

Andererseits gibt es auch etwas Hoffnung: dass Arzneimittelhersteller verstärkt Medikamente gegen Alterskrankheiten entwickeln (53 Prozent), dass Alterskrankheiten besser erforscht werden (48 Prozent) und dass Arztpraxen und Krankenhäuser sich immer mehr nach den Bedürfnissen der älteren Generation richten (43 Prozent).

Ärzte und Bürger voller Zukunftsangst

Einmütig ist das Urteil der Ärzte und der Bevölkerung darüber, dass die Politik der Pflege einen höheren Stellenwert zumessen sollte: 82 Prozent. Aber nur 30 Prozent der Bürger meinen, dass dies gelingen wird oder gelingen kann, bei den Ärzten sind es immerhin 49 Prozent.

Andererseits sind 46 Prozent der Ärzte definitiv der Auffassung, dass der Politik dies nicht gelingen wird; bei den Medizinern sind in dieser Frage nur fünf Prozent unentschieden, in der Gesamtbevölkerung 43 Prozent.

Aktuelle Versorgung erhält gute Noten

Während die Zukunftsperspektiven düster sind, wird die aktuelle Gesundheitsversorgung als gut und teilweise sogar im Vergleich zu den Vorjahren als besser bewertet. Seit 2008 ist die Zufriedenheit der Bevölkerung mit dem Gesundheitssystem von 59 auf 72 Prozent gestiegen.

Bei Privatversicherten sind die absoluten Werte höher, bei den GKV-Versicherten ist der Zuwachs der Zufriedenen größer als bei den PKV-Versicherten.

Bei Ärzten ist die Sorge um ihre Therapiefreiheit seit 2009 gesunken - von 77 auf 68 Prozent. Aber niedergelassene Ärzte haben immer mehr Schwierigkeiten, ihre Richtgrößenvolumina einzuhalten.

Drei von vier Ärzten bewerten eigene wirtschaftliche Lage als gut bis sehr gut

Die wirklich gute Nachricht: Fast unverändert 82 Prozent der Ärzte bewerten ihre eigene wirtschaftliche Lage als gut oder sehr gut. Im Vergleich zu 2010 hat die wirtschaftliche Zufriedenheit bei den Hausärzten von 63 auf 76 Prozent deutlich zugenommen, während sich das Urteil der Klinikärzte etwas verschlechtert hat.

Drastisch gestiegen - von 46 auf 65 Prozent - ist der Anteil der Ärzte, die den Medizinermangel bereits für manifest halten. Besonders betroffen fühlen sich Krankenhausärzte in eher ländlichen oder strukturschwachen Regionen (78 Prozent). Zumindest in den neuen Bundesländern macht sich auch die Bevölkerung Sorgen.

Fazit: Ärzte wie auch die Bevölkerung sind gleichermaßen der Auffassung, dass Deutschland eine gesundheitliche Versorgung auf sehr hohem Niveau hat. Einig sind sie sich in der großen Sorge, dieses Niveau angesichts einer alternden Gesellschaft und unzulänglich reagierenden Politik nicht halten zu können.

Ärzte und Bürger voller Zukunftsangst

Lesen Sie dazu auch den Standpunkt:
Schluss mit Volksbeglückung!

[23.11.2011, 22:02:28]
Dr. Thomas Georg Schätzler 
Bei Medizin und Pflege - bildungsferne Schichten in der Politik?
Unsere Systeme der Kranken- und Pflegeversicherungen kranken an inadäquater bis nicht existenter Versorgungsforschung. Wir können nicht einmal erahnen, wo medizinische Versorgungsmängel oder -überfluss, wo Pflegenotstand oder Ärztemangel sozial, inhaltlich und regional bestehen. Prioritäre Gesundheits-, Versorgungs- und Pflegeziele können weder formuliert noch umgesetzt werden.

Im Gegensatz zur Ebene der Landes-GesundheitsministerInnen gewinnt man in der Bundespolitik den Eindruck, dass diejenigen, die im Reichstagsgebäude des Deutschen Bundestages zielgenau die Toiletten finden, sich bereits für Gastroenterologie-Experten halten. Mit Chuzpe, eigener Überschätzung und mangelnder Selbstreflexion wird in Regierung wie Opposition medizinisches und gesundheitspolitisches Halbwissen, Versorgungsnihilismus und gesundheitsökonomisches Laienschauspiel gepflegt.

Was bleibt, ist der ungute Verdacht, dass bei gleichzeitiger Verknappung von Medizinressourcen plötzlich mehr Geld für weniger Leistung generiert werden soll. Eine „Verknappungsforschung“ sozusagen, welche "Ärzte und Bürger voller Zukunftsangst" bei diesen Befragungsergebnissen reflektieren.

Mf+kG, Dr. med. Thomas G. Schätzler, FAfAM Dortmund

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