Ärzte Zeitung online, 30.12.2011

Dryden wirbt für ABDA-KBV-Modell

Das Medikationskonzept von KBV und ABDA war alle andere als unumstritten: Heftige Proteste kamen etwa von den Hausärzten. Nun steht das Konzept im Gesetz. Der KVWL-Vorstand will einen Versuch wagen - allerdings mit einem Okay des Ärzteparlaments.

Von Ilse Schlingensiepen

Dryden will sich Okay holen für Teilnahme am ABDA-KBV-Konzept

KV-Chef Dryden: Haben keinen Zeitdruck.

© KVWL

KÖLN. Vor einer Erprobung des ABDA-KBV-Konzepts zur Arzneimittelversorgung will der Vorstand der Kassenärztlichen Vereinigung Westfalen-Lippe (KVWL) zunächst ein positives Votum der Vertreterversammlung einholen.

"Ich möchte ein parlamentarisches Okay haben", sagte der KVWL-Vorsitzende Dr. Wolfgang-Axel Dryden der "Ärzte Zeitung".

Außerdem wolle die KVWL weitere Optionen prüfen, bevor sie den Antrag stellt, das Modell in Westfalen-Lippe zu testen, sagte er.

Schon seit Längerem macht Dryden aus seiner Sympathie für das Konzept kein Hehl.

Es sieht vor, dass der Arzt einen Wirkstoff verschreibt, der Apotheker das konkrete Fertigarzneimittel aussucht und beide gemeinschaftlich ein Arzneimittelmanagement betreiben.

Schon länger führt die KVWL mit der Apothekerkammer und dem Apothekerverband in Westfalen-Lippe Gespräche über eine Umsetzung.

"Ich persönlich wäre bereit, die Bewerbung der KVWL für den Modellversuch abzugeben", sagte Dryden auf der KVWL-Vertreterversammlung (VV). Er nehme aber die Bedenken aus der Ärzteschaft ernst.

Mit Versuchsteilnahme lassen sich Bedenken prüfen

Der beratende Fachausschuss für die hausärztliche Versorgung der KVWL habe sich mehrheitlich für eine Umsetzung des ABDA-KBV-Konzepts in Westfalen-Lippe ausgesprochen, berichtete er.

Ein Grund: Die Beteiligung an der Erprobung würde es ermöglichen, die ärztlichen Einwände gegen das Konzept konkret zu überprüfen.

Dryden warb für das Konzept, das nach seiner Einschätzung die Patientensicherheit erhöht. Für die Ärzte sei zudem positiv, dass der Apotheker die Verantwortung für die Kosten übernehme, sagte er.

Auch ein weiterer Aspekt sollte nicht unberücksichtigt bleiben: "Für die teilnehmenden Ärzte steht eine extrabudgetäre Vergütung zur Verfügung."

Ihre Höhe müsse zwar noch konkret ausgehandelt werden. Dryden geht aber davon aus, dass sie noch über dem Volumen liegen wird, das als Add-on über die Verträge zur hausarztzentrierten Versorgung kam.

"Diese brachten ein Umsatzmehrvolumen für die beteiligten Hausärzte von circa zwölf Millionen Euro im Jahr."

Beim ABDA-KBV-Konzept werde der Kreis der Beteiligten und der Nutznießer deutlich größer sein als bei den Hausarztverträgen, sagte Dryden.

"Wir müssen uns angesichts der Lage in Westfalen-Lippe schon sehr genau überlegen, ob wir bereit sind, zusätzliche Finanzmittel auf der Straße liegen zu lassen."

Kritiker zweifeln an Generikamanagement der Apotheker

Nicht alle Kollegen konnte er mit seiner Argumentation überzeugen. Die Ärzte dürften die Verantwortung für die Arzneimittelversorgung nicht an die Apotheker abgeben, warnte der Leiter der KVWL-Bezirksstelle Lüdenscheid Dr. Martin Junker.

"Der Apotheker kann die verschiedenen Wechselwirkungen von Generika nicht einschätzen", sagte er.

Die Ärzte dürften ihre "ureigenste Verantwortung" nicht aus der Hand geben, sagte auch der Herforder Allgemeinmediziner Dr. Carl Hans Biedendieck.

"Wir brauchen das Dispensierrecht für Ärzte, dann haben wir das ganze Problem aus dem Weg."

Einen Antrag gegen die Erprobung des ABDA-KBV-Konzept in Westfalen-Lippe brachte zwar kein Arzt in die VV ein.

Dryden will sich aber durch ein positives Votum den Rückhalt der Basis sichern. "Wir haben keinen Zeitdruck", betonte er.

[30.12.2011, 12:50:37]
Dr. Thomas Georg Schätzler 
Bitte nicht, Herr Dryden!
Was da hausarztfremde, versorgungs-, medizin- und therapieferne Schichten von ABDA und KBV ausgeheckt haben, können Sie, Kollege Wolfgang-Axel Dryden, als KVWL-Vorsitzender doch nicht ernsthaft wollen?

Der mittlerweile zurückgetretene hausärztliche KBV-Vorstand, Kollege Carl-Heinz Müller hat sich pro ABDA-KBV-Konzept mit schwachen Argumenten zu Wort gemeldet:
• "Bei dem Modell soll vor allem die mangelnde Compliance von Patienten, die mehr als fünf Wirkstoffe einnehmen müssen, verbessert werden" sekundierte er ABDA-Präsident Heinz-Günter Wolf in einer KBV-Pressemitteilung vom 17.9.2011.
• Dezember 2011 hieß es, die Patienten hätten dann "nicht mehr drei unterschiedliche Packungen mit demselben Wirkstoff im Schrank".
• in der ersten KBV-ABDA Pressekonferenz vom 12.4.2011 war vollmundig die Rede von 2,1 Milliarden Euro Einsparpotential (ca. 10 % des Gesamtvolumens).
• im Dezember 2011 schrumpfte das Ganze auf bescheidene 1,2 Mrd. €.
• Am 12.4.2011 hieß es: "keine Positivliste" sondern "Behandlungskorridor", in dem evidenzbasierte Medizin stattfände.
• Am 17.9.2011 nannte sich dasselbe "Leitplanke" und "keine Positivliste, kein Medikationskatalog".
Gemeinsam wissen unsere Granden von ABDA und KBV nicht mal, ob sie ihre Idee "Modellprojekt Wirkstoffkatalog", "Medikationskatalog", "Weiterentwicklung des Konzeptes der Leitsubstanzen" oder, wie zuletzt, "Zukunftskonzept Arzneimittelversorgung" nennen sollen.

F ü n f Medikamente, ärztlicherseits 'blanko' für GKV-Patienten verordnet, bedeuten je nach Marktlage bis zu z w a n z i g verschiedene Verpackungen, Logos, Tablettenformen und –farben, Herstellernamen oder Reimporte aus EU-Ländern in einem e i n z i g e n Jahr! Fakt ist, nach dem ABDA-KBV-Modell werden die Apotheken in Eigenregie zukünftig i r g e n d e i n zu der Wirkstoffverordnung des Arztes halbwegs passendes Billig-Präparat 'raussuchen, um ein "Einsparpotenzial von 1,2 Milliarden Euro" zu erreichen. Das "gemeinsame Medikationsmanagement" von Arzt und Apotheker e r h ö h t Arzneimittelrisiken durch die Apothekenjagd nach tagesaktuellen Höchstrabatten.

Und die Tatsache, dass der Minister Daniel Bahr dieses Modellprojekt erst durch das GKV-FinG ermöglicht hat, verheißt nicht automatisch Gutes. Dafür hat die Bundespolitik gerade uns Hausärzten/-innen schon zu viele Kuckuckseier ins Nest gelegt. Es ist und bleibt eine ohne Not "erfundene" Krankheit, die wir neben den bestehenden Erkrankungen unserer Patienten extra zu heilen versuchen sollen.
Mf+kG, Dr. med. Thomas G. Schätzler, FAfAM Dortmund



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