Ärzte Zeitung online, 11.01.2012

Aigner will Masseneinsatz von Antibiotika stoppen

Antibiotikaeinsatz nach dem Gießkannenprinzip – damit soll auf Nutztierfarmen bald Schluss sein. Ein Gesetzentwurf von Landwirtschaftsministerin Aigner sieht strenge Grenzen vor. Experten kritisieren derweil die zunehmenden Resistenzen.

BERLIN (af). Mit einer Änderung des Arzneimittelgesetzes will Verbraucherschutzministerin Ilse Aigner (CSU) den zunehmenden Antibiotikaresistenzen bei Menschen und Tieren begegnen.

In der Humanmedizin eingesetzte Antibiotika sollen nur noch unter besonderen Voraussetzungen auch Nutztieren verabreicht werden dürfen.

Vor einer solchen Umwidmung müsse das Mittel verpflichtend darauf untersucht werden, ob es für den geplanten Einsatz überhaupt tauge, sieht der am Dienstag in Berlin vorgelegte Gesetzentwurf vor.

Erklärtes Ziel der Ministerin ist es, allgemein den Einsatz von Antibiotika auf ein Mindestmaß zu beschränken.

"Wir brauchen jetzt eine konzertierte Aktion: eine restriktive und auf ein Minimum beschränkte Anwendung von Antibiotika in der Tierhaltung, eine konsequente Überwachung der einschlägigen Regelungen und Anwendung von Antibiotika durch die Länderbehörden sowie, wo erforderlich, eine konsequente Ahndung von Verstößen", erklärte Aigner am Dienstag in Berlin.

Dafür seien auch Verbesserungen der Lebensbedingungen von Nutztieren nötig, um haltungsbedingte Ansteckungsrisiken der Tiere untereinander zu verringern.

Indikationen einhalten

Der Gesetzentwurf erweitert die Informationsrechte der Länder. Tierärzte sollen demnach darauf verpflichtet werden, den Überwachungsbehörden der Länder alle Daten zur Abgabe und Anwendung von Antibiotika zusammengefasst zu übermitteln.

Tierschutz- und Lebensmittelhygienebehörden werden verpflichtet, die zuständigen Tierarzneimittelstellen zu informieren, wenn sie Verdacht schöpfen, dass ein Betrieb gegen arzneimittelrechtliche Vorschriften verstoße.

Tierärzte sollen zudem streng an die Vorgaben der Packungsbeilagen gebunden werden. Davon abzuweichen soll schlicht verboten werden.

Antibiotika dürfen laut aktueller Fassung des Arzneimittelgesetzes nur zum Behandeln einzelner kranker Tiere eingesetzt werden. In großen Mastanlagen mit tausenden Tieren wird die Arznei aber meist nicht einzeln verabreicht, sondern gleich an Gruppen oder ganze Tierbestände.

Hühner und Puten bekommen Antibiotika üblicherweise über das Trinkwasser. Bei Schweinen und Mastkälbern wird es ebenfalls über das Wasser oder das Futter gegeben.

Daneben können einzelne Tiere auch eine Spritze bekommen. Bei Geflügel werden Antibiotika nach Expertenangaben in der Regel sieben Tage angewendet.

Für die Wachstumsförderung oder das Überdecken von Krankheiten wegen Hygienemängeln im Stall ist der Einsatz von Antibiotika verboten. Allerdings handeln viele Tiermäster nach dem Motto "Wo kein Kläger, da kein Richter".

Fehlende Arzneien: "Megaproblem"

Eine Studie des Verbraucherschutzministeriums Nordrhein-Westfalen vom November 2011 hat herausgefunden, dass mehr als 96 Prozent der Masthähnchen aus gut 180 Betrieben mit Antibiotika behandelt waren.

Vertreter des Ministeriums sprachen darauf hin von "Wachstums- und Gesundheitsdoping". Nordrhein-Westfalen startet laut Informationen der Stiftung Warentest bereits am Mittwoch eine Datenbank, die den Einsatz von Antibiotika in der Geflügelmast dokumentieren soll.

In den vergangenen Tagen waren wiederholt Antibiotika-resistenten Keimen in Geflügelfleisch aufgetaucht.

Dass es immer weniger Arzneien gegen die zunehmend resistenten Keime gibt, liegt laut Chef der Deutschen Sepsis-Gesellschaft Professor Tobias Welte auch an der Pharmaindustrie. Die habe Akuterkrankungen immer mehr aus dem Fokus verloren und investiere kaum noch in die Entwicklung neuer Antibiotika.

"Akutmedikamente bringen nun einmal kein Geld, da sie nur ein paar Tage lang verabreicht werden", erklärte Welte. Stattdessen konzentrierten sich die Firmen auf Mittel zur Linderung chronischer Krankheiten, die Patienten teils ihr Leben lang einnehmen und kaufen müssen.

"Das ist ein Mega-Problem." Die Politik müsse Anreize zur Antibiotika-Forschung geben.

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