Ärzte Zeitung, 18.12.2013

Interview mit Montgomery und Fischer

"Kooperation braucht Spielregeln"

Die Pharmaindustrie gibt sich einen Transparenzkodex, die Ärzteschaft will Strafen für Korruption. Im Interview erklären BÄK-Chef Montgomery und vfa-Chefin Fischer, wie sie an einem Strang ziehen wollen.

Das Interview führte Helmut Laschet

"Zusammenarbeit braucht Spielregeln"

Interview mit der Ärzte Zeitung: Birgit Fischer (M.), Hauptgeschäftsführerin des vfa, und Professor Frank Ulrich Montgomery, Präsident der Bundesärztekammer beim vfa in Berlin.

© Stephanie Pilick

Ärzte Zeitung: Frau Fischer, Herr Dr. Montgomery, wenn man bei Google die ersten Buchstaben von "Transparency" eingibt, vervollständigt sich das automatisch zu "Transparency Korruption Gesundheitswesen". Ärgert Sie das?

Birgit Fischer: Wünschen würde ich mir etwas anderes. Ich denke, Transparenz ist eine Grundvoraussetzung für jegliche Art von Kooperation. Deshalb ist es ärgerlich, wenn andere Dinge damit verbunden werden. Verdächtigungen und Spekulationen sind schädlich.

Herr Montgomery, das ist doch auch ein massiver Verdacht, der sich gegen die Ärzte richtet und der das Vertrauen zwischen Patienten und Ärzten untergräbt?

Frank Ulrich Montgomery: So viel ist richtig: Wir wollen in Zukunft so viel Transparenz herstellen, dass jedes Informationsbedürfnis der Bevölkerung gestillt wird und wir aus dieser Grauzone des Verdachts herauskommen.

Der letzte Ärztetag hat sich mit dem Thema Korruption auseinandergesetzt und beschlossen, die Bundesärztekammer möge Ärzten empfehlen, Interessenkonflikte etwa aus der Zusammenarbeit mit Pharmaunternehmen transparent zu machen. Sind Sie denn im Vorstand der Bundesärztekammer weitergekommen?

Montgomery: Ja. Die zögerliche Formulierung in Ihrer Frage deckt sich nicht mit unserem Berufsrecht. Schon heute ist es so, dass die Fortbildungsordnungen der Kammern, aber auch das Berufsrecht klare Regeln aufstellen. Das Problem ist nicht, dass wir nicht genügend Regelungen hätten, sondern das Ermittlungsproblem.

Deshalb begrüßen wir auch, dass in Zukunft Bestechung und Bestechlichkeit im Gesundheitswesen im Strafgesetzbuch geregelt werden sollen. Das steht im Koalitionsvertrag. Und das finden wir Ärzte gut.

Frau Fischer, Ihr europäischer Dachverband hat einen Transparenzkodex beschlossen, der ab 2015 in Deutschland wirksam werden wird. Was wird dann passieren?

Fischer: Zunächst einmal: Das kommt nicht von oben. Sondern dieser Kodex ist eine Initiative der nationalen Pharmaverbände und der Unternehmen selbst, von denen viele direkt Mitglied im europäischen Pharmaverband EFPIA sind.

Beschlossen ist, dass geschäftliche Beziehungen zwischen Ärzten und pharmazeutischen Unternehmen transparent dargelegt werden müssen. Das gilt von der Unterstützung von Fortbildung über Honorare für klinische Studien bis hin zu Anwendungsbeobachtungen.

Das alles wird gelistet und individuell - wenn die betroffenen Ärzte zustimmen - oder zumindest aggregiert von den jeweiligen Unternehmen veröffentlicht.

Würde das für die Ärztekammern mehr Transparenz schaffen und es erleichtern, die Einhaltung des Berufsrechts zu überprüfen?

Montgomery: Absolut. Wir begrüßen, dass man mit dem Transparenz-Kodex die Veröffentlichung aller Zahlungen und Zuwendungen vorsieht. Und wir begrüßen es auch, dass Geschenke nun untersagt sind.

Wir haben aber Wünsche, wie man es noch besser machen könnte. Wegen des Rechts auf Datenschutz kann niemand gezwungen werden, namentlich als Empfänger von Zuwendungen der Industrie veröffentlicht zu werden. Prospektiv wünschen wir uns, dass jeder verpflichtet sein soll, einer Veröffentlichung zuzustimmen.

Wir möchten hier nicht eine neue Grauzone entstehen lassen. Es kann dann nämlich passieren, dass gerade jene wenigen Einzelfälle aufgegriffen werden, in denen keine vollständige Transparenz hergestellt worden ist. Alternativ sollten Pharma-Unternehmen auf die Zusammenarbeit mit Ärzten verzichten, die nicht genannt werden wollen.

Der Kodex macht transparent, in welchem Ausmaß ein Unternehmen mit Ärzten kooperiert. Aber es wird nicht transparent, in welchem Umfang ein Arzt mit - verschiedenen - Herstellern kooperiert.

Frank Ulrich Montgomery

Aktuelle Position: seit 2011 Präsident der Bundesärztekammerund Präsident der Ärztekammer Hamburg.

Ausbildung: Montgomery, Jahrgang 1952, studierte in Hamburg und Sydney Medizin, 1979 Approbation, bis 1986 Weiterbildung zum Radiologen, Oberarzt an der Uniklinik Hamburg-Eppendorf.

Karriere: 1987 bis 2006 sowie ab 2006 Vorstandsmitglied der Bundesärztekammer, 1989 bis 2007 Vorsitzender des Marburger Bundes; 2012 Ehren-Professur der Stadt Hamburg

Montgomery: In den USA kann man das aufgrund des Physician Payments Sunshine Act in Erfahrung bringen. Ich könnte mir etwas ähnliches auch für uns vorstellen. Aber schon heute gilt: Bei allen Forschungsvorhaben muss ein positives Votum einer Ethikkommission vorliegen. Und Patienten, die an Studien teilnehmen, müssen darüber eingehend aufgeklärt werden und auch einwilligen.

Fischer: Aus meiner Sicht ist entscheidend, dass wir mit dem Transparenzkodex auch eine präventive Wirkung bekommen. Man merkt doch, dass sich die Diskussion in den letzten Jahren erheblich verändert hat.

Die Sensibilität ist auf beiden Seiten, in der Ärzteschaft wie auch in der Industrie, erheblich gewachsen. Die forschenden Unternehmen waren mit der Gründung der Freiwilligen Selbstkontrolle Arzneimittelindustrie (FSA) bereits vor zehn Jahren Vorreiter.

Montgomery: Ich spreche da gern von der normativen Kraft des Faktischen. Einer muss anfangen. Das ist begrüßenswert. Wenn nun die großen, internationalen Unternehmen anfangen, dann können sich andere seriöse Firmen, die nicht dem vfa angehören, diesem Prozess nicht entziehen.

Und wie werden Ärzte an der Basis diese neue Transparenz aufnehmen? Fällt man da nicht eventuell aus allen Wolken?

Montgomery: Nur dann, wenn man nicht informiert ist. Und das kann man für die Ärzteschaft wirklich nicht sagen. Dafür ist das Thema Korruption doch zu gegenwärtig. Und 99 Prozent der Ärzte wollen klare, saubere Regeln, weil sie es satt sind, dass einige wenige schwarze Schafe den ganzen Ruf ruinieren.

Birgit Fischer

Aktuelle Position: Seit dem 1. Mai 2011 Hauptgeschäftsführerin des Verbandes Forschender Pharma-Unternehmen, Berlin.

Ausbildung: Studium der Erziehungswissenschaften an der Uni Münster 1972 bis 1977, Diplom-Pädagogin.

Karriere: 1977 bis 1980 pädagogische Leiterin des Evangelischen Bildungswerkes Frankenforum, 1980 bis 1986 Fachbereichsleiterin der Volkshochschule Lennetal; 1986 bis 1990 Gleichstellungsbeauftragte der Stadt Bochum; seit 1981 SPD-Mitglied; seit 1990 Mitglied des Landtages in Nordrhein-Westfalen, von 1998 bis 2005 Gesundheitsministerin; 2007 Wechsel zur Barmer Ersatzkasse, 2010 Vorstandsvorsitzende.

Ehrenamtliches Engagement: 2005 bis 2011 Mitglied im Präsidium des Evangelischen Kirchentages.

Frau Fischer, dann wäre es doch sinnvoll, dass die Industrie auf die Kooperation mit diesen wenigen Ärzten verzichtet.

Fischer: Das ist schwierig in einem wettbewerblich organisierten Markt, in dem das Wettbewerbsrecht enge Grenzen setzt. Nicht alle Unternehmen gehören dem vfa an und haben sich noch nicht alle zu den gleichen Regeln verpflichtet. Ich bin aber überzeugt, dass die große Mehrheit der Ärzte den Weg der Transparenz mit uns beschreiten wird.

In den letzten 20 Jahren war das Verhältnis zwischen Ärzteschaft und pharmazeutischer Industrie - nicht zuletzt auch aufgrund von Budgetierung und Regressgefahr - gespannt. Sind die neuen Transparenzregelungen eine Chance für mehr Vertrauen und Partnerschaft.

Montgomery: Man muss die Ebenen auseinanderhalten: Um die Finanzierung und Verteilung der Ressourcen werden wir weiter kontroverse Debatten haben. Die andere Ebene: Ärzte und Arzneimittelhersteller sind zur Zusammenarbeit verdonnert, weil wir ein gemeinsames Interesse an der Versorgung von Patienten haben.

Fischer: Früher haben wir sehr arbeitsteilig gedacht. Das Credo heute heißt: Kooperation. Aber dafür braucht man Spielregeln.

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