Ärzte Zeitung online, 16.09.2014

Arzneiausgaben 2013

Rheuma treibt die Kosten hoch

Gesetzliche und vereinbarte Herstellerrabatte bescherten 2013 den Krankenkassen satte Einsparungen von knapp sechs Milliarden Euro. Der neue Arzneimittel-Atlas zeigt außerdem: Die Ärzte impfen zurückhaltend.

Von Anno Fricke und Helmut Laschet

Rheuma treibt die Kosten hoch

Die Ausgaben der Kassen für Pillen und Co. lagen 2013 bei insgesamt 30,09 Milliarden Euro.

© FotografiaBasica / iStock

BERLIN. Die Alterung der Gesellschaft und neue Therapieoptionen waren auch 2013 für einen Anstieg der Arzneimittelausgaben ursächlich.

Dies geht aus dem am Dienstag in Berlin veröffentlichten Arzneimittel-Atlas hervor, der vom Berliner IGES-Institut auf der Basis von Daten des Marktforschungsinstituts Insight Health im Auftrag des Verbandes forschender Arzneimittelhersteller (vfa) erstellt wird.

Mit insgesamt 30,09 Milliarden Euro lagen die GKV-Ausgaben für Arzneimittel knapp 900 Millionen Euro über denen des Jahres 2012. Trotz dieses Anstiegs blieben sie aber unter dem Niveau von 2010, als dieser Rechnungsposten 30,18 Milliarden Euro ausmachte.

Mehrverbrauch und Innovationen sind die Ausgabentreiber

Zu dieser stabilen Entwicklung haben nach vfa-Einschätzung die Vorgaben der Politik beigetragen. "Die lange Ausgabenstabilität ist das Ergebnis des durch den Gesetzgeber verordneten Einfrierens der Preise", sagte vfa-Hauptgeschäftsführerin Birgit Fischer bei der Vorstellung des Arzneimittel-Atlas am Dienstag in Berlin.

In einer ersten Reaktion verwies der GKV-Spitzenverband auf aktuell steigende Kosten. "Der Blick zurück zeichnet ein moderates Bild, der Blick in die Gegenwart zeigt jedoch den Handlungsbedarf auf, denn in diesem Jahr liegt der Ausgabenanstieg bei den Arzneimittel bei knapp zehn Prozent", sagte Florian Lanz, Sprecher des GKV-Spitzenverbandes, zur "Ärzte Zeitung".

Allein die Hersteller-Rabatte summieren sich auf rund 5,7 Milliarden Euro. Das seien 749 Millionen Euro mehr als im Jahr 2012 gewesen, berichtete IGES-Chef Professor Bertram Häussler.

Knapp ein Drittel davon entfielen auf den 2013 noch geltenden gesetzlichen Rabatt von 16 Prozent und das Preismoratorium, gut zwei Drittel auf die individuell zwischen Kassen und Herstellern vereinbarten Rabatte.

Zuzahlungen der Patienten in Höhe von rund zwei Milliarden Euro und die Apothekenabschläge eingerechnet, seien den Kassen rund 8,7 Milliarden Euro erspart geblieben, heißt es im Arzneimittel-Atlas.

Treiber der Ausgaben waren der Mehrverbrauch und die Innovationen, die beide mit je rund 700 Millionen Euro zu Buche schlugen.

Am stärksten fiel laut der IGES-Analyse der verbrauchsbedingte Ausgabenanstieg bei Erkrankungen des Immunsystems aus, zum Beispiel bei rheumatoider Arthritis. Auch Reflux, Bluthochdruck, Multiple Sklerose und Krebs zeichneten dafür verantwortlich.

Impfungen rückläufig - WHO-Ziele werden verfehlt

Seit 2007 ist der Verbrauch an Impfstoffen in Deutschland rückläufig: Waren in jenem Jahr noch 47,6 Millionen Dosen verimpft worden, so waren es im vergangenen Jahr nur noch 32,5 Millionen Dosen.

Die nicht vorhandene Impfstrategie hat dazu geführt, dass Deutschland das Ziel, die Masern auszurotten, auf absehbare Zeit nicht erreichen wird. Der höchste Verbrauch an Masern-Impfstoff wurde 2006 mit 1,94 Millionen Dosen realisiert. 2010 war der Verbrauch um rund ein Viertel auf 1,44 Millionen Dosen gesunken (siehe Webgrafik unten).

Aktuell ist er wieder auf 1,655 Millionen Dosen gestiegen. Die geringe Impfquote hat dazu geführt, dass sich 2013 die Zahl der gemeldeten Masernfälle im Vergleich zum Vorjahr auf 1775 verzehnfacht hat. Besonders betroffen waren Säuglinge und Kleinkinder.

Auch die HPV-Impfung hat sich in Deutschland nicht durchgesetzt: Nach einem Anstieg auf 1,47 Millionen Dosen im Jahr 2008 liegt der Verbrauch nun bei 652.000 Dosen.

Während die Ständige Impfkommission seit neuestem die Impfung von Mädchen ab dem neunten Lebensjahr empfiehlt, sind die tatsächlichen Impfraten insbesondere in den jüngeren Jahrgängen laut KIGGS-Studie gering: 16 bis 18 Prozent sind es bei den 14jährigen Mädchen, 36 bis 46 Prozent bei den 16jährigen.

Zum Vergleich: Im Vereinigten Königreich, wo die HPV-Impfung in das Schulimpfprogramm integriert ist, werden Impfquoten von 80 Prozent erreicht. In Portugal wurden ebenfalls 80 Prozent durch ein Einladungssystem realisiert.

Ausmaß des Zusatznutzens spielt keine Rolle

Einen weiteren Schwerpunkt hat IGES mit einer Analyse der Auswirkungen der frühen Nutzenbewertung gesetzt. Dabei wurde der Frage nachgegangen, in welchem Umfang sich positiv bewertete neue Wirkstoffe im Markt durchgesetzt haben.

Dabei zeigt sich, dass das Ausmaß des Zusatznutzens keine große Rolle spielt. Nur bei zwei Wirkstoffen - Tafamidis und Ivacaftor - überschritt der Anteil am erwarteten Verbrauch in der vom GBA definierten Zielpopulation die 50-Prozent-Marke.

Bei der Hälfte der neuen Wirkstoffe wurde eine Marktpenetration von unter zehn Prozent erreicht. Im Ergebnis bedeutet dies, dass die frühe Nutzenbewertung meist nicht dazu führt, dass Ärzte Arzneiinnovationen verstärkt nutzen.

Dies, obgleich die sich an die Nutzenbewertung anschließenden Verhandlungen über einen Erstattungsbetrag den Preis für Innovationen meist erheblich senken.

So liegt der Erstattungsbetrag im Durchschnitt um 13,4 Prozent unter dem bevölkerungsgewichteten Durchschnittspreis in Europa.

Die Bandbreite ist beträchtlich: Nur für sechs Arzneimittel wurde ein Erstattungsbetrag oberhalb des EU-Durchschnittspreises vereinbart (maximal 25 Prozent darüber); bei 23 Arzneimitteln unterschreitet der Erstattungsbetrag den Durchschnitt, und zwar im Maximum 74,9 Prozent.

Lesen Sie dazu auch:
1. Halbjahr 2014: Kassen zahlen neun Prozent mehr für Medikamente

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