Ärzte Zeitung online, 28.10.2014

Antibiotika

Ein Drittel der Verordnungen fragwürdig

Viele Deutsche sind schlecht über Antibiotika informiert, und das färbt offenbar auf das Verordnungsverhalten der Ärzte ab. Das kritisiert die DAK-Gesundheit in ihrem Antibiotika-Report - und schlägt den Dialog mit Ärzten vor.

Von Rebecca Beerheide

Ein Drittel der Verordnungen fragwürdig

Nicht immer die richtige Wahl sind Antibiotika - etwa bei Infekten, die von Viren verursacht werden.

© Alexander Kalina / iStock / Thinkstock

BERLIN. Viele Patienten sind schlecht über die Wirkungsweise von Antibiotika informiert. Das schlägt sich laut einer DAK-Studie auch auf die Verschreibungspraxis der Ärzte nieder: In einer Forsa-Umfrage im Auftrag der DAK-Gesundheit erklärten 76 Prozent der befragten Versicherten, dass sie sich vom Arzt ein Antibiotikum bei einer Erkältung wünschen, nur 25 Prozent finden dies unnötig.

"Diese problematische Erwartungshaltung der Patienten bildet sich offenbar auch im Verordnungsverhalten der Ärzte ab", sagte DAK-Chef Professor Herbert Rebscher vor Journalisten in Berlin bei der Vorstellung des ersten DAK-Antibiotika-Reports 2014.

Nach einer Analyse der Arzneimittel- und Diagnosedaten von DAK-Versicherten stuft die Kasse rund 30 Prozent der Antibiotika-Rezepte von 2013 als "fragwürdig" ein. "Wir benötigen mehr Aufklärung bei Patienten, aber auch bei Ärzten", so Rebscher.

Besonders häufig für Kinder verschrieben

Zwei Drittel der Verordnungen werden in Hausarztpraxen ausgestellt. Besonders häufig werden Antibiotika demnach für Kinder verschrieben: 2013 haben 45 Prozent der unter 15-Jährigen ein Antibiotikum bekommen. 29 Prozent der befragten Eltern gaben an, dass ihr Kind 2013 mindestens einmal ein Antibiotikum erhalten habe.

Die Vier- bis Sechsjährigen liegen mit 41 Prozent vorn. 17 Prozent der befragten Eltern erwartet vom Arzt ein Antibiotikum. Bei Eltern stellt die Kasse in der Befragung aber auch einen Bewusstseinswandel fest: So wollten 87 Prozent für ihre Kinder nur dann Antibiotika, wenn es unbedingt sein müsse. Auch bei Patienten zwischen 85 und 90 Jahren ist ein starker Anstieg zu verzeichnen - in der Altersgruppe nahmen 2013 rund 44 Prozent Antibiotika ein.

Auch die Compliance der Patienten macht der Kasse Sorgen: So gaben elf Prozent der Befragten an, die Medikamente eigenständig abzusetzen, 14 Prozent heben nicht-verbrauchte Tabletten für mögliche spätere Beschwerden auf.

Die Analyse der DAK-Arzneimitteldaten belegt ein deutliches Ost-West-Gefälle bei Antibiotika-Verordnungen: So bekamen DAK-Versicherte 2013 in Rheinland-Pfalz 7,04 Tagesdosen und im Saarland 6,98 Dosen.

Alte Verordnungstraditionen sichtbar

Versicherte in Brandenburg dagegen erhielten 4,5 Tagesdosen, Sachsen (4,8) und Mecklenburg-Vorpommern (4,93) lagen nur knapp dahinter. "Alte Verordnungstraditionen sind hier deutlich sichtbar", erklärte Professor Gerd Glaeske, der für die DAK die Daten analysierte.

Auch der Unterschied zwischen Frauen und Männern wird bei der statistischen Auswertung deutlich: So nahmen 44 Prozent der weiblichen Versicherten im Jahr 2013 Antibiotika ein, nur 36 Prozent Männer.

Die DAK will anhand dieser Ergebnisse nun eine bundesweite Kampagne starten. Auch regt die Kasse einen Dialog mit der Ärzteschaft an: "Wir sind bereit, Gespräche für eine Leitlinie zur Antibiotika-Verordung gemeinsam mit Ärzten und der Industrie aufzunehmen", so Rebscher.

Nach Ansicht der DAK-Gesundheit sollte solch eine Leitlinie auch "motivationale, psychologische und kommunikative Strategien für Ärzte bereithalten, heißt es in einem Strategiepapier der Kasse. "Eine multidisziplinäre Leitlinie wäre eine gute Möglichkeit, mehr Aufmerksamkeit auf das Problem zu lenken", so Arzneimittelexperte Glaeseke.

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Kommentar zu Antibiotika: Die Macht des Wortes nutzen!

[30.10.2014, 11:56:50]
Dr. Rüdiger Storm 
Krankenkassen-"Studien"
Das Grundübel im Gesundheitswesen scheint inzwischen ausgemacht, die Ärzte.

Zumindest wenn man den als "Studien" bezeichneten Auftragsarbeiten der Krankenkassen glauben mag.
Bezeichnenderweise werden diese gerne von nichtklinisch arbeitenden Spezialisten erstellt.

Merkwürdig ist, dass sich diese fast nie mit den ureigen Aufgaben der Krankenkassen auseinander setzen. Dabei müssten doch gerade die Kassen an einer Betrachtung ihrer eigenen Leistungen interessiert sein.

Honi soit qui mal y pense.  zum Beitrag »
[30.10.2014, 09:33:01]
Dr. Wolfgang P. Bayerl 
Unsere hochkompetente DAK sollte bitte die Tierärzte nicht vergessen!
MRSA-Quelle, die den Humanmedizinern angelastet werden.
Danke Dr. Schätzler  zum Beitrag »
[29.10.2014, 15:48:36]
Dr. Thomas Georg Schätzler 
Ärzte-"Bashing" bei umstrittener Antibiotika-Verordnung...
kommt meist von denjenigen, die noch nie in ihrem Leben einen Patienten behandelt haben. Weil sie nicht über die Erlaubnis zur Ausübung der Heilkunde verfügen, geschweige denn eine "Heilpraktiker"-Prüfung bestehen würden, regieren Neid, Missgunst und "Sündenbock"-Mentalität in der populistischen "Ärzte-Hasser"-Debatte.

Ebenso grund- wie haltlose Anschuldigungen gegenüber Ärztinnen und Ärzten ("bashing") funktionieren nach folgenden Mechanismen:
1. Eine GKV-Kasse finanziert mit geballtem Sachverstand einer Gesetzlichen Krankenversicherung die empirische Befragung von P a t i e n t e n als "versicherungsfremde" Leistung in Form einer schlichten FORSA-Telefonumfrage.
2. Die Ärzte s e l b s t werden zu ihrer Untersuchung, Beratung, Differenzial-Diagnose und -Therapie bzw. ihren Antibiotika-Verordnungsgewohnheiten gar nicht erst gefragt.
3. Eine Realitäts-n ä h e r e empirische Versorgungsforschung mit EDV-verfügbaren Datensätzen von Antibiotika-Rezepten und deren Verknüpfung mit nach ICD-10-GM definierten Krankheitsentitäten wird gar nicht erst versucht.
4 Stattdessen werden Patienten als L a i e n zu medizinischem Halbwissen, Erwartungshaltungen und Voreingenommenheiten bei möglicherweise ärztlich indizierter Antibiotika-Therapie unverbindlich telefonisch befragt.
5. Die Quintessenz irrationalen Antibiotika-Laien-Halbwissens wird unkritisch und demagogisch 1:1 auf Vertrags-Ärztinnen und -Ärzte übertragen: "Diese problematische Erwartungshaltung der Patienten bildet sich offenbar auch im Verordnungsverhalten der Ärzte ab" (DAK-Chef Prof. H. Rebscher bei der Vorstellung seines "DAK-Antibiotika-Reports 2014").
6. Der "Gesundheits"-Ökonom, Arzneimittelexperte bzw. Nicht-Mediziner und Nicht-Infektiologe Prof. Gerd Glaeske aus Bremen vergleicht niedrige Antibiotika-Verordnungszahlen der sehr d ü n n besiedelten Flächenländer des Ostens mit d i c h t besiedelten Ballungszentren im Westen der Republik, o h n e die unterschiedliche Infektionsepidemiologie zu berücksichtigen.
7. Viel häufigere H a u s a r z t-Verordnungen bei Antibiotika-Akutbedarf sind im Rahmen von Facharzt-Wartefristen bis zu 4 Wochen und mehr ein Beleg für bedarfsadaptierte, schnelle Versorgung. Sie werden aber argumentativ ins Gegenteil verkehrt: "Zwei Drittel der Verordnungen werden in Hausarztpraxen ausgestellt" heißt es vorwurfsvoll.
8. "2013 haben 45 Prozent der unter 15-Jährigen ein Antibiotikum bekommen" weiß DAK-Chef Rebscher vom Hörensagen der FORSA-Telefonumfrage. Er unterschlägt dabei, dass gerade die bis 15 jährigen Adoleszenten eher selten zum Arzt gehen und dann umso häufiger bei fortgeschrittenen Krankheitsbildern Antibiotika benötigen. Bei bis 7-jährigen sind häufiger komplizierte, bakteriell mit bedingte Krankheiten zu therapieren.
9. Retrospektive Laienbefragungen nach Antibiotika gehen allein deshalb fehl, weil GKV-Kassenpatienten die Rezeptformulare nach Muster 16 in der Apotheke abgeben und sich nach einem Jahr gar nicht mehr an korrekte Namen oder tatsächliche Inhaltsstoffe erinnern.
10. "Auch bei Patienten zwischen 85 und 90 Jahren ist ein starker Anstieg zu verzeichnen - in der Altersgruppe nahmen 2013 rund 44 Prozent Antibiotika ein" heißt gerontologisch korrekt interpretiert, dass in dieser Altersgruppe besonders viele, vital bedrohliche, bakterielle Infekte vorkommen. Bei sehr hoher, protektiver Influenza-, Pneumokokken- und TD-Pertussis-Impfquote in meiner Hausarztpraxis kommen Virusinfekte mit dieser Boosterung in der geriatrischen Altersgruppe eher selten vor.
11. Eine Non-Compliance bzw. mangelhafte Adhärenz der Patienten (11 Prozent hätten Antibiotika eigenständig abgesetzt, 14 Prozent würden nicht-verbrauchte Tabletten aufheben) geht nun wirklich n i c h t zu Lasten angeblich leichtfertiger Verordnungen durch Ärzte.

Rund 30 Prozent der Antibiotika-Rezepte von 2013 im DAK-Antibiotika-Report 2014 als "fragwürdig" einzuschätzen, ist reines Kaffeesatzlesen:
Eine Studie mit Daten des National Health Service (NHS) in GB, im British Medical Journal (BMJ) unter dem Titel: "Antibiotic treatment failure in four common infections in UK primary care 1991-2012: longitudinal analysis" von Craig J Currie et al. vom Cochrane Institute of Primary Care and Public Health, Cardiff University, Cardiff, UK und Global Epidemiology, Pharmatelligence, Cardiff, UK, publiziert, ergab eine Gesamtversagerquote zwischen 1991 und 2012 von 13,9 bis 15,4 Prozent:
• "More than one in 10 initial antibiotic monotherapies for upper and lower respiratory tract and skin and soft tissue infections were associated with failure over a 22 year period in UK primary care"
13,9 bis 15,4 Prozent Versagerquote (plus 10,8 Prozent) entsprechen einer Erfolgsquote von 86,1 bis 84,6 Prozent:
• "Overall antibiotic treatment failure rates increased from 1991 to 2012 by more than 10%, with most of the increase occurring in more recent years when antibiotic prescribing plateaued and then increased"

Dass, wie die DAK zu recht schreibt, viele Deutsche schlecht über Antibiotika informiert sind, Rezepte und Anwendungshinweise wegen fehlender Rezeptunterlagen nach einem Jahr nur schlecht erinnern können bzw. ärztliche Verordnungen in den Apotheken ersatzlos weggenommen werden, sind längst bekannte und bisher unveränderte Schwachstellen im GKV-System. Damit hat aber das Verordnungsverhalten der Ärztinnen und Ärzte in Deutschland nicht das Geringste zu tun!

Mf+kG, Dr. med. Thomas G. Schätzler, FAfAM Dortmund
Quellen:
DAK-Antibiotika-Report 2014
BMJ 2014349 doi: http://dx.doi.org/10.1136/bmj.g5493 (Published 23 September 2014) Cite this as: BMJ 2014;349:g5493


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