Ärzte Zeitung, 19.01.2015

Restriktives Erlaubnisprinzip

"Eine Katastrophe für Kliniken"

Wenn in Kliniken wie in der ambulanten Medizin das restriktive Erlaubnisprinzip gelten würde, käme das "einer Katastrophe für die Forschung" gleich, hieß es bei einer Internistentagung.

Von Ilse Schlingensiepen

DÜSSELDORF. Die Aufhebung des Verbotsvorbehalts in den Krankenhäusern würde zu einer Verschlechterung der Patientenversorgung führen, warnt Matthias Blum, Geschäftsführer der Krankenhausgesellschaft Nordrhein-Westfalen.

"Das wäre eine Katastrophe für die Forschung und für die Qualität in der Medizin", sagte Blum bei der Eröffnungsveranstaltung der 189. Tagung der Rheinisch-Westfälischen Gesellschaft für Innere Medizin (RWGIM) in Düsseldorf.

Sie stand unter dem Motto: "Nutzen für Patienten ist Qualität in der Medizin".

Der Verbotsvorbehalt besagt, dass Untersuchungs- und Behandlungsmethoden so lange angewendet werden dürfen, wie sie der Gemeinsame Bundesausschuss nicht durch Erlass einer Richtlinie ausgeschlossen oder Einschränkungen beschlossen hat.

Die Klinikärzte müssten weiter die Möglichkeit erhalten, den Patienten neue Untersuchungs- und Behandlungsmethoden schnell zugänglich zu machen.

Es dürfe nicht sein, dass sie dafür wie im ambulanten Bereich erst ein aufwändiges Genehmigungsverfahren abwarten müssen. "Ich glaube, viele hochrangige Ärzte würden dann ins Ausland gehen", sagte Blum.

20 Jahre auf den Beweis warten?

Gerade bei schweren Erkrankungen müsse man sich die Frage stellen, ob es wirklich vertretbar sei, 20 Jahre auf den Beweis für die Wirksamkeit einer Therapie zu warten, betonte Tagungspräsident Professor Diethelm Tschöpe, der Vorsitzende der RWGIM.

Bei der Abwägung des Für und Wider und der Risiken von Innovationen komme der individual-ärztlichen Erfahrung eine große Rolle zu. "Meine Einschätzung ist allerdings, dass die ärztliche Erfahrung nur als Second best-Evidenz betrachtet wird", sagt Tschöpe.

Die Evidence Based Medicine fokussiere nicht ausschließlich auf randomisierte klinische Studien, stellte Professor Bernd Richter klar, Coordinating Editor der Cochrane Metabolic and Endocrine Disorders Review Group an der Universität Düsseldorf.

Auch die klinische Expertise und die Patientenperspektive spielten eine zentrale Rolle. "Das Wichtigste ist, dass der Patient bekommt, was er braucht, aber es muss einem bestimmten Nutzen-Risiko-Verhältnis unterliegen", erläuterte er.

Es sei eine Gratwanderung, Patienten vor obsoleten Verfahren zu schützen und gleichzeitig sinnvolle Erneuerungen in die Versorgung zu bekommen.

Persönliche Lebensqualität zählt

In keinem anderen Bereich werde evidenzbasierte Medizin so praktiziert wie in der Hausarztmedizin, sagte der Vizepräsident der Ärztekammer Nordrhein Bernd Zimmer.

"Wir sind gar nicht so schlecht in dem, was wir anwenden." Gerade in einer Gesellschaft des längeren Lebens sollte die persönliche Lebensqualität der Patienten mehr in den Mittelpunkt der Entscheidungen rücken, findet der Hausarzt aus Wuppertal.

Man müsse sich immer fragen, ob eine bestimmte Technik zum Lebensziel des einzelnen Patienten passe. "Die Medizin wird zunehmend individualisierter"..

"Qualitätsmedizin ist kein Selbstzweck oder eine forensische Rückversicherung, sondern es geht um die Lebensqualität jedes einzelnen Patienten", machte der Präsident der Ärztekammer Westfalen-Lippe Dr. Theodor Windhorst deutlich.

Nicht alles, was machbar ist, sei auch sinnvoll. Hier komme die Versorgungsforschung ins Spiel, die aber in Deutschland brachliege.

Das Streben nach größtmöglicher Qualität für die Patienten sei immer schon Teil des ärztlichen Denkens gewesen, betonte Windhorst. "Wir brauchen dafür aber die passenden Rahmenbedingungen."

Heute würden ökonomische Gesichtspunkte eine viel zu starke Rolle spielen. "Wir sind fremdgesteuert. Wir können das, was wir für den Patienten wollen, nicht mehr an den Mann und an die Frau bringen", kritisierte er.

Der Einsatz ökonomischer Instrumente und die Qualität der Versorgung müssen kein Widerspruch sein, sagte der Vorsitzende des Hartmannbundes Dr. Klaus Reinhardt. Das Problem sei, dass offensichtlich ein Masterplan fehle.

"Man dreht an ein paar ökonomischen Stellschrauben und guckt, was passiert." Das gelte auch für den angestrebten Abbau stationärer Kapazitäten - dieser müsse nicht per se schlecht sein, so Reinhardt.Anders sehe es aus, wenn es um die gezielte Reduzierung hochpreisiger Eingriffe gehe.

"Dann müssen wir uns als Ärzte damit auseinandersetzen, ob wir das verantworten können", sagte Reinhardt.

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