Ärzte Zeitung, 07.10.2015

Gröhe im Exklusiv-Interview

"Kein Staat alleine kann Antibiotika-Resistenzen aufhalten"

Am Donnerstag und Freitag treffen sich die Gesundheitsminister der G7-Staaten und WHO-Vertreter in Berlin, um ihre Strategie gegen Antibiotika-Resistenzen zu konkretisieren. Im Interview mit der "Ärzte Zeitung" erläutert Bundesgesundheitsminister Hermann Gröhe die Pläne.

Das Interview führte Anno Fricke

"Kein Staat allein kann Antibiotika-Resistenzen aufhalten"

Bundesgesundheitsminister Hermann Gröhe sieht Ärzte beim Thema Antibiotika-Resistenzen in besonderer Verantwortung.

© Pilick

Ärzte Zeitung: Angesichts der Zunahme der Antibiotika-Resistenzen wird von einem drohenden Armageddon gesprochen, Sie selbst warnen von einem Rückfall ins Vor-Penicillinzeitalter. Was konkret tut die Politik hierzulande, um Resistenzen einzudämmen? Was muss noch getan werden?

Hermann Gröhe: Die Lage ist in der Tat ernst. Wenn Antibiotika nicht mehr wirken, bricht eine tragende Säule unserer Gesundheitsversorgung weg.

Die gute Nachricht ist: Gezielte Maßnahmen wirken. Dass wir etwa bei den MRSA-Infektionen einen Rückgang verzeichnen können, ist auch ein Erfolg der Deutschen Antibiotika-Resistenzstrategie aus dem Jahre 2008.

Jetzt muss es darum gehen, die Anstrengungen auf allen Ebenen zu verstärken - national wie international. Deshalb habe ich im Frühjahr dieses Jahres einen 10-Punkte-Plan zur Bekämpfung resistenter Erreger vorgelegt. Er sieht zum Beispiel vor, die Fortbildung von Fachpersonal im Gesundheitsbereich weiter zu verbessern und die Meldepflichten für resistente Erreger zu verschärfen.

Bundesforschungsministerin Wanka, Bundeslandwirtschaftsminister Schmidt und ich sind uns aber auch einig, dass es eine gemeinsame Kraftanstrengung in der Medizin, der Tierhaltung und der Forschung braucht.

Mit der neuen Deutschen Antibiotika-Resistenzstrategie, die das Kabinett im Mai beschlossen hat, gehen wir hier voran und setzen das Thema gleichzeitig auf die internationale Agenda.

Hat die Gesundheitspolitik und die Politik in Deutschland allgemein Einfluss auf die internationale Dimension dieses Geschehens? Also zum Beispiel auf die Tiermast außerhalb Deutschlands und der EU, oder die Wanderungsbewegungen von zum Beispiel an TBC erkrankten Menschen.

Gröhe: Völlig klar ist: Kein Staat kann den weltweiten Anstieg von Antibiotika-Resistenzen alleine aufhalten. Denn Krankheiten machen nicht an Staatsgrenzen halt. Umso wichtiger ist es, dass wir international an einem Strang ziehen.

Deshalb war es richtig, dass die Bundeskanzlerin das Thema Antibiotika-Resistenzen zu einem Schwerpunkt der deutschen G7-Präsidentschaft gemacht hat. Beim G7-Gipfel in Elmau haben die Staats- und Regierungschefs im Juni ein starkes Zeichen zur Bekämpfung von Antibiotika-Resistenzen gesetzt und zugesagt, die Umsetzung des Globalen Aktionsplan der Weltgesundheitsorganisation voranzutreiben.

Für Donnerstag und Freitag habe ich die Gesundheitsminister der G7-Staaten nach Berlin eingeladen, um weitere gemeinsame Schritte zu besprechen. Ziel muss sein, auch international zu strikten Regeln für den Einsatz von Antibiotika und verstärkter Forschung zu kommen. Dabei wird es auch darum gehen, wie wir ärmere Partnerländer besser beim sachgerechten Einsatz von Antibiotika unterstützen können.

Welche Erwartungen hegt die Politik an die Selbstverwaltung in Bezug auf die Qualitätssicherung der Antibiotika-Verordnungen?

Gröhe: Ärzte haben eine Schlüsselrolle, wenn es um den sachgerechten Einsatz von Antibiotika geht. Deshalb ist die Aus- und Fortbildung ein ganz wichtiger Ansatzpunkt.

80 bis 90 Prozent der Antibiotika werden im ambulanten Bereich verordnet. Gemeinsam mit den Ärztekammern muss deshalb geprüft werden, wie in diesem Bereich ein noch stärkeres Bewusstsein für einen umsichtigen Antibiotika-Einsatz geschaffen werden kann.

Außerdem soll das Fortbildungsprogramm "Antibiotic Stewardship", das die Deutsche Gesellschaft für Infektiologie entwickelt hat, in eine "Strukturierte Curriculare Fortbildung" der Ärztekammern überführt werden. Das wird der hohen Nachfrage besser gerecht und stellt sicher, dass alle Absolventen auch gleich gut qualifiziert sind.

Neue Antibiotika sind sehr spezifisch und haben nur geringes Absatzpotenzial im Vergleich zum generischen Standard. Wie kann die Politik dabei helfen, für solche Präparate unter den Bedingungen der frühen Nutzenbewertung vernünftige Refinanzierungsbedingungen zu schaffen? Ist das Thema des Pharma-Dialogs?

Gröhe: Durch die Zunahme von Antibiotika-Resistenzen stehen immer weniger Antibiotika für die Behandlung bakterieller Infektionen zur Verfügung. Der Bedarf an neuen Wirkstoffen ist groß.

Beim Pharma-Dialog der Bundesregierung mit der Wissenschaft und der pharmazeutischen Industrie geht es deshalb auch darum, wirksame Anreize zu setzen, um die Forschung und Entwicklung neuer Antibiotika, alternativer Therapiemethoden, aber auch Schnell-Diagnostika anzukurbeln.

Dazu können schnellere Zulassungsverfahren gehören oder Partnerschaften von staatlich geförderten Forschungseinrichtungen mit pharmazeutischen Unternehmen.

Sie können bei der Grundlagenforschung, in der Wirkstoffentwicklung bis hin zur Nutzung von Patenten zusammenarbeiten. Dafür gibt es schon gute Beispiele.

Die Ausweitung einer solchen Zusammenarbeit ist wirksamer als neue staatliche Fördertöpfe. Natürlich ist dann auch wichtig sicherzustellen, dass neue Antibiotika zielgerichtet und nach strenger Indikationsprüfung eingesetzt werden.

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Antibiotika: Die Ursachen der Resistenz-Entwicklung
EU und USA: Neue Ideen für die Antibiotika-Forschung
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Antibiotika: Pipelines der Hersteller füllen sich

[07.10.2015, 15:03:24]
Dr. Thomas Georg Schätzler 
Mit Verlaub, das ist Medizin-bildungsferne Panikmache!
Sätze wie "Die Lage ist in der Tat ernst. Wenn Antibiotika nicht mehr wirken, bricht eine tragende Säule unserer Gesundheitsversorgung weg" belegen die Medizin- und Versorgungs-Ferne des Bundesgesundheitsministers und Juristen Hermann Gröhe. Semantisch-linguistisch korrekt würde dann aber auch die K r a n k h e i t s- und nicht nur die Gesundheitsversorgung wegbrechen.

Sein "10-Punkte-Plan" ist eher Beratungs- und Medizinbildungs-multiresistent: Denn in Deutschland sterben pro Jahr deutlich zu hoch geschätzt 12.000 bis 15.000 Menschen in den Kliniken nicht nur, "weil sie sich dort mit einem Keim infizieren, gegen den keine Medizin hilft", sondern weil sie bereits s e l b s t Träger multiresistenter Keime sind, b e v o r sie die Klinik erreichen.

Die Erde ist keine infektiologische Scheibe: Als Vertreter einer hausärztlich-individualisierten Humanmedizin, wo in K l i n i k und Praxis maximal 700 bis 800 Tonnen Antibiotika pro Jahr indikationsgerecht eingesetzt werden, lasse ich mich mit den in der Veterinärmedizin offiziell zugegebenen 1.700 Tonnen Antibiotika pro Jahr n i c h t vergleichen. Denn dort werden in Massen-Tierhaltungen, Aufzuchtanlagen und Fischfarmen Antibiotika auch o h n e veterinärmedizinische Verordnung bereits über Futtermittel eingespeist. So jedenfalls die sprachlich veränderte Diktion der Experten, die mittlerweile zwischen Antibiotika i m Futtermittel und gezielten Verordnungen i n der Veterinärmedizin differenzieren.

Multi-resistente Keime kommen nicht aus heiterem Himmel und werden ausschließlich von unsachgemäß hantierenden, "unhygienischen" Krankenhaus- und Praxismitarbeitern auf arglose Patienten übertragen. Diese Keime kommen selbst auch irgendwo her. Sie werden zu einem relevanten Anteil von a u ß e n in Klinik und Praxisräume hinein getragen. Der englische Fachbegriff "communicable diseases" trifft es: Übertragbare Krankheiten, die durch interagierende, kommunizierende Personen übertragen werden.

Angesichts der "neuen Deutschen Antibiotika-Resistenzstrategie", die das GROKO-Kabinett mit einer als Verteidigungsministerin agierenden, promovierten Ärztin im Mai beschlossen hat, forderte der diesjährige Deutsche Ärztetag in Frankfurt: Mehr Mittel in Klinik, Praxis, Gesetzlicher (GKV) und Privater (PKV) Krankenversicherung, mehr Ärzte, mehr Pflegepersonal, mehr Hygiene-Lehrstühle und mehr Hygiene-Fachkräfte! Was hat die GROKO bisher dazu Konkretes gesagt oder getan? N i c h t s, außer blumigen Worten von "blühenden" Klinik- und Praxis-Landschaften?

Wie ich schon in der ÄZ unter
http://www.aerztezeitung.de/politik_gesellschaft/arzneimittelpolitik/article/895865/antibiotika-resistenzen-groehe-sieht-aerzte-besonderer-verantwortung.html
kommentiert habe, die Behauptung: "80 bis 90 Prozent der Antibiotika werden im ambulanten Bereich verordnet" hat der Minister unprofessionell von Prof. Dr. Petra Gastmeier, Direktorin des Instituts für Hygiene und Umweltmedizin der Charité – Universitätsmedizin Berlin und ihrem Modellprojekt "Rationaler Antibiotikaeinsatz durch Information und Kommunikation" (RAI) abgeschrieben:
http://www.charite.de/charite/presse/pressemitteilungen/artikel/detail/mit_information_gegen_antibiotikaresistenzen/

Irreführend behauptet RAI-Studienautorin und Charité-Hygienikerin Dr. Elisabeth Meyer, "85 Prozent der Antibiotika in der Humanmedizin werden ... von niedergelassenen Ärzten verordnet." Sie verschweigt dabei, dass Patienten im statistischen Mittel nur alle 5-10 Jahre selbst ein Krankenhaus aufsuchen, in derselben Zeitspanne aber viel häufiger schwere bakterielle Infekte medizinisch-ärztlich indiziert ambulant erfolgreich behandeln lassen mussten.
http://www.aerztezeitung.de/medizin/krankheiten/infektionskrankheiten/mre/article/887539/tun-zeitbombe-antibiotika-resistenz.html

Zu einem Pharma-Dialog auf Augenhöhe gehört zuzugestehen, dass den kurzen biografischen Ausnahmesituationen unserer Patientinnen und Patienten in Kliniken mit etwa 50 Prozent geballtem Antibiotika-Einsatz nur ein weiterer 50-prozentiger Verbrauch während der gesamten übrigen Lebensspanne gegenüberstehen.

Mf+kG, Dr. med. Thomas G. Schätzler, FAfAM Dortmund

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[07.10.2015, 07:59:23]
Dr. Henning Fischer 
geht doch viel einfacher:

jeder Kassenknecht (-Arzt) bekommt 1 Euro Bonus pro Patient pro Quartal für Antibiotika. Wenn die aufgebraucht sind muß er zahlen.

Das funktioniert doch beim Labor und z.B. Hausbesuchen in der KVWL auch hervorragend.

Nur Mut, Herr Gröhe, die Leidensfähigkeit der Kassenknechte ist grenzenlos, die Einsichtsfähigkeit aber sehr begrenzt:

"...muss deshalb geprüft werden, wie in diesem Bereich ein noch stärkeres Bewusstsein für einen umsichtigen Antibiotika-Einsatz geschaffen werden kann...." (Gröhe)
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