Ärzte Zeitung online, 06.10.2015

Antibiotika-Resistenzen

Gröhe sieht Ärzte in besonderer Verantwortung

Im Kampf gegen Antibiotika-Resistenzen nimmt Bundesgesundheitsminister Hermann Gröhe die Ärzte in die Pflicht. Ein umsichtiger Einsatz von Antibiotika müsse erreicht werden, sagte Gröhe im Vorfeld der G7-Tagung im exklusiven Interview mit der "Ärzte Zeitung".

Von Anno Fricke

BERLIN. Antibiotika sind Segen und Fluch zugleich. Ärzte verordneten sie viel zu häufig, sagen Fachleute, auch deshalb, weil Patienten diese Medikamente einfordern.

Die Menschen nehmen Antibiotika zudem über die Nahrung auf. Weltweit werden Antibiotika eingesetzt, um Tiere vor Infektionen zu schützen - in der Fisch- und Garnelenzucht sowie in der Schweine- und Geflügelmast.

Die hohe Mutagenität von Bakterien und der unkritische Einsatz von Antibiotika haben zu gefährlichen Resistenzbildungen geführt. Die Furcht ins "Vor-Penicillinzeitalter" zurückzufallen, hat eine internationale Koalition auf den Plan gerufen.

Bundeskanzlerin Angela Merkel hat die Antibiotika-Resistenzen und die international koordinierte Entwicklung neuer Antibiotika auf die Agenda der deutschen G 7-Präsidentschaft gesetzt.

Diese Punkte umreißen auch einen Gutteil des Programms der Gesundheits- und Forschungsminister aus den sieben führenden Industriestaaten, die am Donnerstag und Freitag in Berlin tagen.

Gröhe: "80 bis 90 Prozent der Antibiotika werden im ambulanten Bereich verordnet"

"Völlig klar ist: Kein Staat kann den weltweiten Anstieg von Antibiotika-Resistenzen alleine aufhalten", sagte Gesundheitsminister Hermann Gröhe (CDU) im Exklusiv-Interview mit der "Ärzte Zeitung".

Ziel müsse sein, auch international zu strikten Regeln für den Einsatz von Antibiotika und verstärkter Forschung zu kommen. Dabei werde es auch darum gehen, wie Deutschland ärmere Partnerländer besser beim Einsatz von Antibiotika unterstützen könne, sagt Gröhe.

Auch Ärzten misst der Minister einen Beitrag im Kampf gegen die Antibiotika-Resistenzen zu. "80 bis 90 Prozent der Antibiotika werden im ambulanten Bereich verordnet" sagt Gröhe.

Gemeinsam mit den Ärztekammern müsse deshalb geprüft werden, wie in diesem Bereich ein noch stärkeres Bewusstsein für einen umsichtigen Antibiotika-Einsatz geschaffen werden könne.

[07.10.2015, 10:44:26]
Dr. Wolfgang P. Bayerl 
Der Minister verwechselt offensichtlich Ärzte (Humanmedizin) mit Tierärzten.
In der Landwirtschaft wird das darüber hinaus auch ohne Tierärzte mit dem Futter gemacht.

Und der besorgniseerregende Antstieg auch in den Entwicklungsländern betrifft garantiert nicht die Menschen.
Es geht dabei keineswegs nur um Antibiotika sondern auch um andere viel wirksamere "Wachstumsfaktoren" und es sei daran erinnert, dass das Landwirtschaftsexportland Nr.1 immer noch die USA ist, der Hähnchenkrieg lässt grüßen.
@Dr. Henning Fischer, völlig richtig, Fachleute für die Indikation sind NICHT die Statistiker. Geld kostet immer noch die Erkrankung und nicht die fachgerechte (wirksame) Behandlung. Die vielen Arbeitsausfälle der jetzigen leichten "Grippewelle" zeigt das überdeutlich.
Auch Kleinkinder werden nachhause geschickt, weil sich das Kita-Personal wieder einmal krank gemeldet hat. zum Beitrag »
[06.10.2015, 15:06:26]
Dr. Thomas Georg Schätzler 
Infektiologie-, Medizin- und Versorgungs-Bildungsferne!
Bundesgesundheitsminister (BGM) Hermann Gröhe sollte als Jurist wenigstens zur Kenntnis nehmen, was die Deutsche Gesellschaft für Allgemeinmedizin (DEGAM), der Deutsche Hausärzteverband (HÄV), die Deutsche Gesellschaft für Innere Medizin (DGIM) und alle anderen Fachgesellschaften, die für niedergelassene Vertragsärzte in Deutschland sprechen, unisono seit Jahren wiederholen müssen: Bis zu 90 Prozent a l l e r Beratungsanlässe können und müssen ambulant im haus-, fach-, und spezialärztlichen Arbeitsbereich komplett gelöst werden.

Deshalb ist auch in allen Studien bzw. Patienten-Biografien der Krankenhausaufenthalt medizinisch qualitativ und quantitativ eine absolute Ausnahmesituation. In diesen stationären Sonderfällen von 10 Prozent werden jedoch weit mehr als die Hälfte(!) aller Antibiotika in der Humanmedizin verbraucht.

Nachdem sich bereits beim diesjährigen G7-Gipfel auf Schloss Elmau die Staats- und Regierungschefs der Thematik gewidmet haben, kann man doch im Vorfeld der internationalen G7-Fach-Konferenzen, wo sich z. T. medizinisch hochgebildete Fach-Gesundheitsminister treffen, nicht in einen derartigen pseudo-statistisch-populistischen "Dummsprech" verfallen.

Aber der BGM ist nicht alleine: Prof. Dr. Petra Gastmeier, Direktorin des Instituts für Hygiene und Umweltmedizin der Charité – Universitätsmedizin Berlin, beschreibt zwar im Rahmen des Modellprojekts "Rationaler Antibiotikaeinsatz durch Information und Kommunikation" (RAI) " die [Publikums-]Frage, wer oder was gegen ein Antibiotikum resistent werden kann ... Die korrekte Antwort – ausschließlich Bakterien – wusste nur jeder Vierte"
http://www.charite.de/charite/presse/pressemitteilungen/artikel/detail/mit_information_gegen_antibiotikaresistenzen/
Und weiter: "Die Ergebnisse zeigen, dass das Thema in der Bevölkerung angekommen ist, es aber gleichzeitig noch sehr große Wissenslücken gibt".

Doch von der Wahrheitsfindung sind auch die Charité-Experten weit entfernt. Völlig irreführend behauptet RAI-Studienautorin und Charité-Hygienikerin Dr. Elisabeth Meyer, "85 Prozent der Antibiotika in der Humanmedizin werden ... von niedergelassenen Ärzten verordnet." Sie verschweigt aber dabei, dass Patienten im statistischen Mittel nur alle 5-10 Jahre selbst ein Krankenhaus aufsuchen müssen, in derselben Zeitspanne aber viel häufiger schwere bakterielle Infekte medizinisch-ärztlich indiziert ambulant erfolgreich behandeln lassen mussten.
http://www.aerztezeitung.de/medizin/krankheiten/infektionskrankheiten/mre/article/887539/tun-zeitbombe-antibiotika-resistenz.html

Zu Gute halten muss man RAI-Studienautorin E. Meyer et al. jedoch, dass nach ihren Angaben die gesamte humanmedizinische Antibiotika-Verordnungsmenge in Deutschland im unteren Drittel der EU-Staaten liege. Bei der Tiermast o h n e Antibiotika-Indikation (!) und in der Veterinärmedizin gehöre Deutschland jedoch EU-weit zu den Hochverbrauchern! Nach ihren Angaben wurden 2013 in Deutschland 1452 Tonnen Antibiotika in der Tiermast eingesetzt, zwei Jahre zuvor noch 1706 Tonnen. Zeitgleich beobachtet die Hygienikerin dort einen problematischen Anstieg bei Chinolonen von acht auf zwölf Tonnen. Neun von zehn Masthähnchen und Puten werden nach ihren Angaben antibiotisch behandelt, oft mit mehreren zeitgleich verabreichten Antibiotika, vermutlich auch o h n e veterinär-medizinische Untersuchung und Indikationsstellung.

Um das erkenntnistheoretische Chaos perfekt zu machen: Fast 60 Prozent und vermutlich auch der BGM gehen nach der eingangs genannten Befragung davon aus, dass e i g e n e s Verhalten k e i n e n Einfluss auf Infektions- und Resistenzbildung hat. Da ist offensichtlich das Kindergarten-Motto: "Nach dem Klo und vor dem Essen, Hände-Waschen nicht vergessen!" noch nicht ausreichend implementiert. Auch das nach üblichen berufsgenossenschaftlichen Vorschriften für die gesamte Nahrungskette verbindliche: Hände waschen v o r jeglichem Hantieren, Verarbeiten, Zubereiten und/oder Kochen von Lebensmitteln ist nicht verinnerlicht.

Nach übereinstimmenden Berichten (z.B. UK-Leipzig, UK-Kiel) werden multiresistente Keime n i c h t überwiegend von unsachgemäß hantierenden, "unhygienisch" arbeitenden Krankenhaus- und Praxismitarbeitern auf arglose Patienten übertragen. Sondern diese Keime werden häufiger durch Kranke und Begleitpersonen bzw. Besuchermassen von a u ß e n in Praxis und Klinik eingebracht.

Mf+kG, Dr. med. Thomas G. Schätzler, FAfAM Dortmund
 zum Beitrag »
[06.10.2015, 12:32:38]
Dr. Henning Fischer 
"Ärzte verordneten sie viel zu häufig, sagen Fachleute"

ergo:

Ärzte = keine Fachleute

"80 bis 90 Prozent der Antibiotika werden im ambulanten Bereich verordnet" sagt Gröhe.

80 bis 90 Prozent aller Auto fahren auf Straßen

Der schlauste Gesundheits-Minister aller Zeiten!
 zum Beitrag »

Schreiben Sie einen Kommentar

Überschrift

Text
Weitere Beiträge aus diesem Themenbereich

Langes Arbeiten kann tödlich sein

Eine lange Wochenarbeitszeit erhöht das Risiko für Herzerkrankungen und Krebs. Forscher konnten die Stundenzahl sogar exakt angeben, ab der sich das Risiko stark erhöht. mehr »

Ausschuss reißt Frist des Gesetzgebers

Das neue Qualitätsmaß für Pflegeheime gerät in Verzug. Eine Studie bietet eine Alternative an. mehr »

Jeder dritte Demenz-Fall vermeidbar

Finge die Demenz-Prävention bereits in der Kindheit an, könne die Krankheit bei einem Drittel aller Erwachsenen verhindert werden – so eine Studie. mehr »